Transzendierendes Mäandern
Weite Landschaften, steile Häuserschluchten, einsame Männer und geplatzte Träume - "Paris, Texas" ist Wim Wenders größte Errungenschaft und ein faszinierender Trip durch die Vereinigten Staaten mit den Augen eines Fremden, eines Europäers, eines Deutschen. Träumen, Lieben, Leben, Leiden. Ein Epos voller Kraft und stiller Leidenschaft. Wir folgen Harry Dean Stanton durch die Wüste Arizonas, weg von seiner zerbrochenen Kleinfamilie, immer weiter hinein in den Schmerz. Bis zur Erlösung. Wenn auch nur teilweise für ihn selbst...
"Paris, Texas" ist ein Meisterwerk. Allein durch Harry Dean Stanton, dessen Augen mehr gesehen zu haben scheinen, als sich andere zu träumen wagen. Eine Performance für die Ewigkeit, für den ewigen Nebendarsteller. Dazu ein ungewöhnlicher, eindringlicher Score und unsterblich schöne Bilder von Robby Müller, die man sich einrahmen möchte. Ein Ausnahmekameramann. Man merkt auch jederzeit, dass Wenders einen malerischen Ursprung hat, denn kaum ein Frame ist hier weniger als prachtvoll. Die Farben der untergehenden Sonne, die Schatten in Stantons tiefen Falten, die milchigen Tränen am Kinn der entzückenden Kinski - all das sind Details, für die andere weder das Auge noch die Zeit haben. Wenders nimmt sie sich zum Glück. Und das Talent hat er eh.
Die besten Szenen des Films sind für mich die, zwischen Stanton und seinem Filmsohn. Den gemeinsamen Schulrückweg würde ich sogar zu meinen Lieblingsszenen überhaupt zählen. Unbezahlbar. Auch der kleine Junge spielt das ganz gross und eindringlich, zuckersüß und ehrlich. Das Finale zwischen Stanton und Kinski klärt dann viel und löst auf, kann sich jedoch etwas ziehen. Die emotionalsten Momente gibt es für mich vorher, etwa wenn Stanton sich das alte Super-8-Video aus besseren Zeiten ansieht. Worte und Erklärungen braucht man hier nicht. Man fühlt komplett mit. Ohne Kitsch, Klischees oder Klamauk schafft es Wenders Figuren und Beziehungen und Emotionen zu zeichnen, die im echten Leben kaum größer und heftiger und realer sein können. Weltkino von Format.
Fazit: ein Land zum Verlieren, eine Figur zum Rätseln, eine Beziehung zum Leiden, ein Regisseur auf seinem Zenit zum Niederknien - "Paris, Texas" ist der europäische Amerikafilm überhaupt. Magisch, schweigend, erhaben. Über jeden Zweifel. Sehen, fühlen, lernen. Und dann am besten direkt noch einmal. Harry Dean Stanton macht sich hier unsterblich.