Sarah Polley gab vergangenes Jahr mit An ihrer Seite ein beeindruckendes und mehrfach ausgezeichnetes Regiedebüt. Julie Christie spielte die Demenzkranke in ihrem Film so intensiv, dass sie für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert wurde. Doch auch in der Szene des deutschen Kurzfilms ist die Thematisierung dieser Zivilisationskrankheit, die mit zunehmenden Alter sukzessiv zunimmt - so sind bei den Über-90-Jährigen über 34% der Menschen von Demenzerkrankungen betroffen - kein Neuland mehr: Heiko Hahn drehte 2005 mit Vorletzter Abschied einen brillanten 20-Minüter zu diesem Thema, der unter anderem den Deutschen Kurzfilmpreis gewann.
Eine starke Konkurrenz also, an der sich Dunkelrot nun messen lassen muss. Frauke Thielecke, seit 2006 Studentin an der Hamburg Media School, kann jedoch mit zwei eindrucksvollen Hauptdarstellern punkten, die ihre Rollen als fürsorglicher, aber verzweifelnder Ehemann und desorientierte Demenzpatientin intensiv ausfüllen.
Erich (TV-Serienschauspieler Horst Janson, bekannt u.a. aus Sylvia - Eine Klasse für sich) pflegt seine an Demenz leidende Frau Hannah (Renate Krößner, Alles auf Zucker!), die nach und nach alle Erinnerungen an die gemeinsame Zeit ebenso vergisst wie die Motorik bei den einfachsten Alltagstätigkeiten. Doch zunehmend verzweifelt Erich daran, zumal ihn seine Frau immer nur Andrea nennt. Ein Besuch bei einem Arzt bringt Klarheit: Damit sich seine Frau wieder erinnert, soll Erich mit ihr bekannte Plätze aufsuchen, die sie mit schönen Erlebnissen der Zweisamkeit verbindet. Als er jedoch dann noch Fotos von Hannah mit einem fremden Mann findet, wird die ohnehin schon problematisch aufgeladene Beziehung zwischen den beiden auf eine weitere harte Probe gestellt...
Dunkelrot beginnt mit einer verschwommenen Rückblende: Man sieht zwei Menschen, die in einer in tiefes Rot getauchten Szenerie zu nachdenklicher Musik miteinander tanzen. Dann eine weiche Überblendung: der Alltag - in der Küche bei der Zubereitung des Mittagessens. Hannah mischt zuvor abgeschälte Kartoffelschalen mit in den Salat. Es sind einfache, aber ausdrucksvolle Szenen wie diese, die diesen 10-Minüter so realistisch wirken lassen. Von der anfänglichen emotionalen Aufgeladenheit des Dunkelrots - welches im weiteren Verlauf des Films übrigens für die aktiven Gehirnregionen bei der dementen Figur Hannah steht - ist nichts mehr zu spüren, es dominieren nüchterne, helle und kalte Bilder ohne Wärme, die nahezu trostlos wirken. Auch Romantik scheint nicht mehr möglich: die Krankheit distanziert die beiden einst Liebenden so voneinander, dass noch nicht einmal ein flüchtiger Kuss möglich scheint. Eindringlich gespielt sind insbesondere die Sequenz, als Erich seine Frau ins Pflegeheim einweisen will und konsterniert am Schreibtisch sitzt sowie die nachfolgende, auch bedingt durch die dramatische Musik bedrückende Szene als Hannah orientierungslos auf der Suche nach ihrer Liebe, nicht ihrem Mann umherirrt.
Völlig zu Recht wurde Dunkelrot mit dem Max Ophüls-Preis 2008 für den besten Kurzfilm ausgezeichnet. Den sehr professionell agierenden Schauspielern steht eine professionelle Inszenierung gegenüber, die ihre Leistung zu würdigen weiß. Kamera, Musik und Regie sind erstklassig und lassen von der jungen Frauke Thielecke in Zukunft noch einiges erwarten. Der einzige Kritikpunkt, den man vorbringen kann, ist das nicht sehr originelle Drehbuch, welches sich eindeutig an oben genannten Vorbildern orientiert.
Für ein Debütwerk jedoch ist Dunkelrot, ein realistischer Film über den Alltag einer Demenzpatientin, abseits dieser kleinen Schwäche sehr gut gelungen (8/10).