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Eine mystische Erfahrung in außerordentlich weitgehendem Maße möchte die asiatisch-deutsche Koproduktion The Drummer darstellen. Eine epische, lyrische, lehrende Befreiung aus der Abhängigkeit eingeschränkter Gedanken und Verhaltensweisen. Aus der Unterjochung zu strikt definierter Unterscheidungen. Aus der Sklaverei weltlicher Beschlagenheit, die das Du und das Ich, das Subjekt und Objekt, richtig und falsch und wahr und unwahr wie von vornherein festgeschrieben in einer Knechtschaft von Wissen und Wollen gefangen halten.

Der Weg zur Erleuchtung innerer Klärung, über die Versunkenheit und die Gesinnungsqualität, die erst dann erlangt wird, wenn man sich aus dem weltlichen Treiben in die Einsiedelei zurückzieht. Wo der Wildbach rauscht, inklusive dem Loslassen vermeintlich eminenter Vorstellungen und Konditionierungen, die von Geburt an vorgeprägt werden, aber den Blick auf die Wirklichkeit verhindern. Den Weg der Augen und der Ohren geht Regisseur Kenneth Bi, um seine persönlich gedeihene Vision in das Herz Anderer zu treiben. Die Lenkung des Gemüts mit den verführerischen Hilfsmitteln von kulturkonsumierten Bildern und Klängen, atemberaubenden Landschaften, eindringlich inspirierenden Rhythmen in hypnotischer Bestrickung. Dem Propagieren des reinen Geistes und im Kontrast dem Abstrahieren einer tödlichen Realität, der erdrückend hektischen Düsterheit der Metropole und der Illusion einer Stadtflucht.
Eine Gegenüberstellung von materieller Praxis und der Besinnung auf die alltägliche Gewissheit, vom Streben nach mehr Gewinn und dem Ablegen aller gesellschaftlichen Hörigkeit zugunsten der Einheit von Körper und Seele:

Sid [ Jaycee Chan ], mäßig begabter Schlagzeuger in einer rauchigen Aufreißbar, aber auch Sohn des Gangboss Kwan [ Tony Leung Ka-fai, der sich zwischen Election-Grimassen und Prison on Fire-Modus auf Autopilot befindet ], provoziert durch eine Affäre mit Carmen [ Yumiko Cheng ] mit Absicht den konkurrierenden "Geschäftsmann" Stephen Ma [ Kenneth Tsang ]. Der auch prompt entsprechende Bestrafung fordert. Eilig befördern Kwan sowie Sids Schwester, die Tierärztin Sina [ Josie Ho ], den ungestümen Jüngling ins verschlafene Städtchen Taitung, wo er sich inmitten von dicht bewaldeten Landschaftsschutzgebieten unter Aufsicht von Ah Chiu [ Roy Cheung ] für eine Weile versteckt halten und Gras über die Sache wachsen lassen soll. Eines Tages, gelangweilt von der ländlichen Einöde und neugierig angelockt vom Echo der Berge, zieht es Sid in die blühende Künstlerkommunität um Lan Jie [ Liu Ruo-yu ] und Hong Dou [ Angelica Lee ], die abgeschottet fern der Zivilisation ihr eigenes innergemeinschaftliches Leben führen.

Ein unablässig trommelndes Psychodrom der allegorisch-moralischen Vernunftlehre schließt sich an.
Eine Phase der sinnlich vollkommenen Selbstfindung, der Tai Chi unterstützten Aktivierung innerer Heilkräfte, das Allein zu einem Höheren von Harmonie und Gleichgewicht schreiten. Der Übergang zu einem Laienmönch mit zunehmender Überzeugung der zu Beginn auch vernunftwidrigsten Aktionen. Das Erkennen simpelster Vorzüge. Das Heranreifen unter einfachst gestellten Menschen. Das Erwachsenwerden in sedativer Stille und meditativer Lehre und damit fern jeder bisher bekannten Sachlagen.
Die Erlösung durch Glauben, in der Hierarchie von Weihen.
Auf der anderen Seite, als Abschreckung, das Hier und Jetzt des Triadenmilieus.

Ein bemerkenswerter Wandel in Stimmung und Gangart. Die Erweckung eines lebhaft-kontemplativen Gefühls des Wahren, des Grundanständigen, des Charaktervollen als komplette Dissonanz zu der umrahmenden Einleitung des Actiondramas, das mit aufgeregtem Puls choreographischer Schlagkraft die Gefährlichkeit des Daseins und die Niedertracht der Umgebung beschwört. Sich ebenso dem spekulativen Klischee von Versatzstücken, wenn auch dort dem des reichlich festgefahrenen Triaden-Genres bediente und mit nahezu folgerichtigen Konflikten und Dialogen beglückt und zugleich geschmälert war. Die Figur von sowohl Tony Leung als auch Kenneth Tsang bereits von vornherein mit Ikonen des prunkhaft entehrten Gangsterfilmes besetzt – Als Nebenrolle tummelt auch Charge Ken Lo herum, der sich entweder noch bei Fatal Contact oder schon bei Fatal Move wähnt – und folgerichtig auch stur im Stil der Gattung umgesetzt: Praktisch, förmlich, raffiniert routiniert. Als lähmender Albtraum brutaler Mächte, mit bösen Blicken nach allen Seiten, kantigen Wörtern, dumpfen Grollen und heftigem Toben. Eine hässliche Treibjagd von Besitzgier und Gewinnstreben, die immer nur mit der Niederstreckung des gepeinigten Opfers enden kann, eröffnete den Reigen des Negativen. Selbst die Liebe ist nur zum Schein und wird vielmehr mit schnödem Geld und schnellem Sex statt innerer Erhabenheit entlohnt. Gekauftes Glück.

Das Leiden einer Epoche, in dem nichts verziehen, nichts vergeben und nur dem eigenen Gewinn nach korrumpiert, belogen und betrogen wird. In den Väter ihren Kinder die Zähne raus prügeln, ihre Frauen aus dem Haus jagen, sich bezahlte Gespielinnen halten und die Schergen herumschubsen. Bis sie dann auch einmal in den Genuss des Vollklangs der archaischen Gongs kommen und zu einem edleren, besseren, einem GutMenschen reifen.

Gelingen tut dem visuell durchaus sorgfältig inszenierten, bedarfsorientiert besetzten und äußerlich perfekt montierten Film diese metaphorische Sinneserkenntnis vom Auf ins Paradies und der akosmistischen Religiosität derartig schwarz/weiss gehalten, wenn überhaupt, nur halb. Zu Edel wird die eine Seite heilig-, eigentlich gleich selig gesprochen, geradezu verschleiernd verklärt das Zen des Drumming, zu sehr in Emotionsästhetik zur pathetischen Schau gestellt die Abweichung in der verzaubernden Andersartigkeit. Vor allem, weil nicht wenige Schlagwörter und Formeln von Romantik, Spiritualismus und Rückbesinnung zur Natur fallen, die das Ansinnen dahinter als nahezu offizielle Ideologie kennzeichnen und man geradezu propagandistisch getrieben wird, doch auch so und ja nicht anders zu handeln.

Der Konflikt zwischen Individuum und Notwendigkeit hätte jedoch ein wenig mehr Subtilität, Differenziertheit, kritische Ausdeutung und auch den theoretischen Teil der Philosophie abseits von Nach Regen folgt Sonne bedurft, um sich nicht als zu auffälligen Antagonismus, als übertrieben heftige Predigt von der Kanzel herab, ja schon als grob skizzierter Steckbrief für Fahndung und Ächtung aufzuspielen. Erst versucht und schafft man es mit bübischen Charme, stimulierender Schönheit und leichtem Witz, auch mit einer gewissen Eigenständigkeit, Originalität und Skurrillität, dann aber umso weniger, je emsiger man die esoterische Notwendigkeit des Wohlgefallens in zunehmender Durchtränkung vorantreibt.

Die eifrige Aufführung urwüchsiger Leichtigkeit formuliert sich sowohl als aufdringliches Werbeprospekt für die taiwanesische Percussionkombo "U-Theatre" als auch als verrannte Wissenschaft von Hier bin ich, hier bleib ich – Empfindungen. Als Vernunftpflicht. Erbaut sich einen allgemeinen Grundsatz aus Gut und Böse, Stadt und Land, Gangster und Künstler und versucht im strikten Gegensatzpaar ohne weitere Anmerkungen und Auslotungen die Richtigkeit der eigenen Überzeugung als gegeben aufzuzeigen. Als überbürdendes Sprachrohr für die schwärmerisch aufopfernde Proklamation von Idealen, in denen symbolisch verformte Verhaltensmuster mit ihren jeweiligen extremen Ausprägungen schon als Argument dienen. Und der Zuschauer statt als Begleiter eines modernen Märchens bloß als Zeuge einer Konfession betrachtet wird, zwischen Heimatpoem, Massenmarketing und Kleiner Sektenfibel.

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