Starker Stoff!
Einen Coen-Film zu besprechen ist immer ein Tänzchen auf der Rasierklinge, denn was die Brüder auch zu Stande bringen, es paßt garantiert irgendwie in keine bekannte Kategorie und das allein ist schon eine beachtliche Leistung. Die Coens schweben in ihrem ganz eigenen Kosmos voller Bildgewalt und scheinbar überflüssiger Einstellungen und Gimmicks, ein verdrehter wahrer Blick auf die Welt.
Hier produzieren sie scheinbar eine Hommage auf die Schwarze Serie, in der sich ein wortkarger Friseur für ein Geschäft auf eine Erpressung einläßt, die zu Mord führt und für den seine Frau büßen muß. Zu Beginn bleiben sie sich dabei auch treu. Ed Cranes Off-Kommentar über sein Schicksal führt uns in einen klassisch verkomplizierten Düsterplot rund um Ehebruch und Erpressung, nicht zuletzt Mord.
Komponiert in dem nötigen schwarz-weiß, ist hier die Spannungsschraube noch recht straff und gleichzeitig dem skurilen, zum verwunderten Kopfschütteln anregender Humor der Coens Tor und Tür geöffnet. Denn Ed Crane ist ein dermaßen lakonisch-schweigsames Original, daß allein seine Duldsamkeit für reichlich Lacher gut ist.
Nach dem Mord und dem Plot-Twist rund um die Anklage seiner Frau verschieben sich die Filmebenen jedoch entscheidend. Aus einem stillen Thriller wird ein psychologischer Abgrund, die rasante und gleichzeitg ultraschleppende Höllenfahrt des Ed Crane, der auch weiterhin, ohne je eine Miene zu verziehen oder seinen riesigen Zigarettenkonsum einzuschränken, geduldig jede Wendung des Schicksals erträgt, die es für ihn bereit hält, und davon gibt es einige.
Jetzt regiert den Film die leicht lethargische Tragik, die die Figur des Friseurs umhüllt, eingesponnen in den üblichen Kosmos wildwuchernder Coen-Figuren, die für ihn so fremd wie Aliens sind.
Hier berührt der Protagonist den Zuschauer auf übergeordneter Ebene, denn beide können nichts tun, nur dem Geschehen machtlos gegenüberstehen.
So gesehen ist "The Man who wasn't there" einer der passensten Filmtitel überhaupt. Denn Crane gerät zur Nicht-Existenz. Niemand scheint ihn richtig wahrzunehmen, seine Frau akzeptiert seine Anwesenheit, gebraucht sie, birgt aber keine Emotionen. Big Dave und sein arbeitgebender Schwager überschütten ihn mit Meinungen, gutgemeinten Reden und endlosen Monologen, doch niemand geht auf ihn ein, da er nie etwas von sich preisgegeben hat. Crane selbst existiert nicht, er hat keine Vorlieben, er hat keine Hobbies, er hat keine Gefühle, wie es scheint und wenn doch, dann zeigt er sie nicht, behält den ganzen Film über sein Steingesicht, an dem sich nur die Länge der brennenden Zigarette wechselt, die in seinem Mund steckt.
Auch in der Handlung findet der Titel Entsprechung, denn niemand zieht ihn als Täter in Betracht, niemand glaubt seinem Mordgeständnis, er war einfach nicht da, obwohl er da war, einmal in seinem Leben. Pikanterweise ist es sein Verhängnis, als er, ein einziges Mal, etwas an seinem Leben ändern will, etwas aus ihm machen möchte. Ed Crane wird aktiv und löst eine furchterregende Lawine aus, was er gar nicht glauben will und eigentlich auch nicht zu glauben ist, weswegen es im Film auch niemand tut.
So wird der eh schon düstere Ton mit weiterem Filmverlauf immer dunkler und trostloser, ein langsamer Walzer ohne Hoffnung, wenn auch mit lichten Momenten. Statt des Humors wird die Inszenierung jetzt mehr und mehr gefühlvoll, wenn sie auch stets schleppend bleibt.
Das ist ein wesentlicher Kritikpunkt, denn eine gewisse Geduld muß man schon mitbringen, wenn man nicht von den gut zusammengestellten Sets und hervorragenden Bilder zufriedengestellt wird. "The Man..." gewinnt nie Drive, sondern verharrt in innerer Spannung.
Wie üblich gibt es aber Wahnsinns-Charaktere en gros und ein grandios versponnender Plot, in dem sogar noch Außerirdische Platz haben.
Thornton ist hervorragend als Stone Face und spielt mehr über seinen Audio-Kommentar, als über seine Handlungen. McDormands Rolle ist verblüffend klein und sparsam, erfreulich kalt und herzlos, aber nicht unsympathisch, beinahe mehr über Blicke geführt, als über Text.
Gandolfini, der eh stets eine unglaubliche Präsenz ausstrahlt, ist hier leider nur recht kurz zu sehen, ein lächelnder Bär, der Schatten wirft. Der Rest des Cast ist wunderbar, vor allem stets schwitzende Jon Polito und Tony Shalhoub als von sich überzeugter Anwalt.
Ein ungewohntes Sehvergnügen, schwer zu konsumieren, aber von überzeugender optischer Präsenz. Gewiß eine Satire, die mit der schwarzen Serie kokettiert, doch kaum ein düsterer Krimi, als der er möglicherweise verkauft wird.
Aber so sind die Coens nun mal, sie geben dir nicht das, was nach vorliegenden Maßstäben zu erwarten wäre, sondern das, was ihr ganz eigener Kosmos mit seinen eigenen Regeln vorschreibt. Und so wirft Crane am Ende nur einen stummen Blick geduldiger Akzeptanz auf das über dem Gefängnishof schwebende Raumschiff, nickt kurz und kehrt in den Todesblock zurück. Hinter all dem steckt ein kosmischer Plan, der für uns nicht erklärbar und vermutlich auch nicht bestimmt ist, wie Crane vermutet. Genau das kann man vom Werk der Coens auch behaupten.
Crane hat alles gesehen, wir hoffentlich noch nicht. Darauf einen Drink. Oder einen Haarschnitt. (7,5/10)