Review
von Leimbacher-Mario
Weißes Blatt auf schwarzem Grund
Ohne den Film Noir gäbe es die Coen-Brüder als Regiegiganten nicht. Das von ihnen eifrig hochgehaltene und verehrte Subgenre aus „längst vergangenen Zeiten Hollywoods“ hat den Zwei in seiner modernen Form viel zu verdanken. Von „Blood Simple“ bis „Inside Llewyn Davis“ sind überall leichte bis massive Spuren dieser kontrastreichen Filmgattung in ihrer Filmografie zu finden. Und „The Man Who Wasn't There“ treibt diese Verbindung, Fusion, ihr ganzes Konzept gekonnt und ohne doppelten Boden auf die Spitze. Eine messerscharf geschriebene Spitze! Erzählt wird von einem wortkargen Friseur, der sich plötzlich in einen kurvigen Plot aus Betrug, Mord und Lügen verstrickt, dessen Wegesrände von vielen Leichen und Missverständnissen geprägt sind…
„The Man Who Wasn't There“ war endlich mal wieder ein Coen, der mich richtig überzeugt und begeistert hat. Umso tiefer man in selbst das feinste Oeuvre taucht, desto rarer machen sich die Perlen. Aber dieser gewiefte Krimi hat es wirklich in sich. Unfassbar atmosphärisch an der Oberfläche, sehr clever, spitzfindig, markant und ambivalent darunter. Schon im Stile und im Fahrwasser seiner Vorbilder, aber wesentlich selbstbewusster und zukunftsweisender als die Klassiker. Zeitlos ist das ganze Sujet eh. Dazu ein top aufgelegtes Starensemble mit Motivation, Chemie und Esprit. Thornton ist natürlich legendär gut und unantastbar. Eine verworrene Geschichte, die aber zum Glück nie total zur Nebensache deklariert wird. Eine Hauptfigur, in die man eine Menge hineininterpretieren kann. Oder auch gar nichts. Melancholie und Morde. Qualm und Querelen. Ufos und Unterwäsche. Quirlig und quietschfidel, wie es nur die Coens in Hochform können. Das macht Spaß, sieht windschnittig aus, arbeitet clever aus eigenem Antrieb, hält einen stets auf Trab. Köstlich, tragisch, augenzwinkernd. Und doch immer vollkommen ernst zu nehmen. Streng zu sich selbst. Ziemlich stark. Für Noir-Fans ein neuzeitliches Muss. Aber auch für den Rest ein raffiniertes Vexierspiel von Schön- wie Schlauheit.
Fazit: einer der noir'ischsten Filme der Coens. Was natürlich was heißen will. Und einer der klarsten, elegantesten und pursten. Wunderschönes Avantgardekino in klassischster Montur. Edel-Schwarz-Weiß-Piraten.