"Du wirst nie wieder schlafen können!"
Jennifer Chambers Lynch, Tochter von David Lynch ("Der Wüstenplanet", "Twin Peaks", "Lost Highway"), versucht nach 15 Jahren mit "Unter Kontrolle" ihr Desaster durch das gewagte "Boxing Helena" rein zu waschen und an die Erfolge ihres Vaters anzuknüpfen.
Die beiden FBI-Agenten Elizabeth Anderson (Julia Ormond) und Sam Hallaway (Bill Pullman) verfolgen eine Serie von Morden auf Kanadas offenen Straßen. Das örtliche Polizeirevier hat diesmal einige Überlebende der letzten unfassbaren Bluttat. Da Captain Billings (Michael Ironside) Truppe allerdings außerstande ist eine ordnungsmäßige Verhörung durchzuführen, tritt das FBI mit Spezialgerät an. So sitzen alsbald Polizist Jack Bennet (Kent Harper), die Drogenabhängige Bobbi Prescott (Pell James) sowie das kleine Mädchen Stephanie (Ryan Simpkins) in verschiedenen Räumen um einzeln ihre Aussagen zu Gute zu geben. Allerdings decken sich diese nicht völlig, denn ein kleines Puzzleteil von völlig unerwarteter Seite kann erst ein sinniges Gesamtbild ergeben.
Weniger gewagt, aber dennoch konsequent und mysteriös präsentiert sich das neue Werk an dem auch Papa Lynch beteiligt war. Zu Beginn weg geht die kleine Lynch allerdings ihre eigenen Wege und inszeniert ihre Version des Psychothrills wesentlich drastischer als es ein David Lynch tun würde. Dies macht sich besonders in den ersten Einstellungen bemerkbar in denen die Killer auf äußerst brutale Weise vorgehen. Auch wenn dies besonders den Lynch Anhängern unangenehm auffallen dürfte, machen insbesonders diese düster beklemmenden Einstellungen einen großen Teil der gelungenen Atmosphäre aus.
In Form einer häppchenweise aufbereiteten Nacherzählung präsentiert "Unter Kontrolle" seine eigentliche Handlung. Clever springt der Plot zwischen dem Polizeirevier der Gegenwart und den geschehenen Ereignissen auf der Straße hin und wieder zurück und unterbreitet dabei einen hohen Spannungsbogen obwohl der Film selbst eine fast schon zu dubiose Ruhe zelebriert. Der Zuschauer ist aber zunehmend gespannt was die Charaktere als nächstes preisgeben und der verschachtelte Plot weckt dabei das Interesse.
Jennifer Lynch überfordert sich selbst dabei nicht und belässt es bei wenigen, aussagekräftigen Schauplätzen die allesamt gut durchdacht und, anhand des Wechsels zwischen verlassener Straße und vielseitig ausgestattetem Polizeirevier, abwechslungsreich bleiben.
Besonders viel Wert wurde auf die Charakterzeichnung gelegt. Generell sind alle Figuren in der Inszenierung stark überzeichnet und skuril geraten unterscheiden sich allesamt aber von ihren Eigenarten. So driftet die drogenabhängige Bobbi von einem Gefühl ins nächste, ein Polizist agiert auf gar kindlische, ein anderer auf überzogen korrekte Weise, Hallaway wirkt übermäßig verschlafen und Anderson übermäßig verantwortungsbewusst.
Ein unbedachter Nebeneffekt aufgrund der Verhaltensweisen ist der schnell aufkommende Verdacht, wie die Dinge wirklich stehen. So verpufft die eigentlich ansprechende Wendung und Auflösung und fährt den gesamten Thriller beinahe gegen die Wand. Denn das Finale präsentiert sich derart merkwürdig, dass es seinen gesamten Charakteraufbau urplötzlich wie ein Kartenhaus zusammenfallen lässt und das intelligente Kammerspiel gegen einen Kindergarten austauscht.
Als ebenfalls schwach erweist sich das letzte Drittel, welches mit Längen zu kämpfen hat. Dies passiert ausgerechnet dann, wenn die Lösung schon beinahe auf dem Präsentierteller liegt aber noch minutenlang durch unwichtige Nebensächlichkeiten herausgezögert wird. Trotz den etwas über 90 Minuten ist es Jennifer Lynch nicht gelungen den Film über die gesamte Spieldauer im Einklang spannend und interessant zu halten.
Interesse wird neben dem Namen Lynch auch der Cast wecken. Neben Bill Pullman ("Independence Day", "Lake Placid") gewährt auch Julia Ormond ("Der 1. Ritter", "Fräulein Smillas Gespür für Schnee") hochkarätiges Hollywood-Feeling. Dummerweise sind ausgerechnet deren Rollen verhältnismäßig platt ausgefallen und bieten wenig Spielraum, mal von den Schlussminuten abgesehen. Auch Michael Ironside ("Starship Troopers", "Total Recall") wirkt mit seiner Rolle als ständig gleich blickender Polizeichef recht unterfordert.
Dafür gibts frischen Wind von den "Neulingen" Pell James ("Zodiac - Die Spur des Killers") sowie der kleinen Ryan Simpkins. Pell James bietet eine ausdrucksstarke Darbietung ihrer sehr wechselhaften Figur und gleichzeitig den einzigen Lichtblick an Schönheit, die zehnjährige Ryan Simpkins übernimmt die sympathischste Rolle eines noch weltoffenen Kindes, dass auf Details achtet.
Die Ausgangslage ist spannend, die beklemmende Atmosphäre unglaublich dicht und die Handlung mit ihren abgedrehten Figuren ansprechend. Trotz diesen Werten hebt sich "Unter Kontrolle" kaum von der Masse ab, fällt stattdessen in ein absurdes Szenario und kämpft mit zunehmender Laufzeit mit Längen. Qualitativ kann Jennifer Chambers Lynch, trotz Eingriff ihres "Lehrmeisters", nicht mit selbigem mithalten. Wer einen David Lynch erwartet wird sicherlich enttäuscht, für alle anderen ist "Unter Kontrolle" ein zumindest recht kurzweiliger Psychothriller den man ebenso schnell wieder vergisst. Und Schlaf ist sicherlich für alle noch drin.
5 / 10