Wer immer noch glaubt, Oliver Stone hatte eine neue Idee bei „JFK“, der sollte mal dringend zu Henri Verneuils „I wie Ikarus“ greifen, denn der arbeitet das Thema zwar neutral ab, aber dermaßen stark an Kennedy angelehnt, daß man es gar nicht anders verstehen kann.
Der Film beginnt mit dem Attentat auf den führenden Politiker eines nicht näher besprochenen Landes, aber es kann ruhig Frankreich sein. Die nach dem Mord eingesetzte Untersuchungskommission (Warren-Report) ist sich einig, bis auf einen Mann: Henri Volney, der so seine Zweifel hat. Die Theorie vom Einzelschützen kommt ihm seltsam vor, der Täter, welcher später erschossen wurde (der Name des Killers ist sogar ein Oswald-Anagramm), hatte keinen Grund zu morden, die Spuren auf dem Dach des Bürogebäudes (Schulbuchlager) sind irritierend, die Waffe wirft Fragen auf.
Später fällt Volney ein Film in die Hände (Zapruder), der zeigt, wie einige Personen bei den Schüssen in eine andere Richtung geblickt haben und geht der Sache nach, findet diese Personen inzwischen aber alle als verstorben vor, durch Unfall oder Mord.
In einem Forschungsinstitut erfährt er schließlich von einer Methode durch gezielte Desinformation so ein Attentat zu planen, ohne wirkliche Verantwortliche zu haben. Die jeweils ausführende Einheit weiß nie vom Gesamtplan und kann so auch nichts ausplaudern, ein Verdächtiger jedoch wird in solche Umstände fast unmerklich geführt, das er Täter sein könnte.
Ermittlungen in allerhöchste Stellen bringen schließlich ein Komplott zum Vorschein, daß sich mittels Code verständigt. Auch auf Warnungen hin arbeitet Volney in der Öffentlichkeit weiter, bis er selbst aus dem Weg geräumt wird.
Die politischen Parallelen sind offensichtlich, für den Film aber weniger ein Bezug auf den wahren Fall, sondern eher auf die Möglichkeit, wie es gemacht werden könnte, ein Attentat ohne erkennbaren Nutznießer zu inszenieren. Die Prinzipien der Macht werden hier durchexerziert und der Zuschauer lernt mit Volney mit, der nicht versteht, daß die letzte Botschaft, die er sich bei Morgengrauen anhört, ihm selbst gilt. Noch ehe er den Schlüssel erahnen kann, wird er selbst erschossen.
Der Film wirkt beklemmend, das Schicksal eines Mannes, der einer Verschwörung auf die Spur kommt, deren Ausmaße niemand kennt, nicht einmal die, die sie auf den Weg gebracht haben. Mit Rückblicken und Doppeldeutigkeiten nimmt Verneuil Stones Aufarbeitung im Gerichtssaal vorweg, präsentiert uns fiktive Menschen in einem fiktiven Attentat, dennoch nicht weniger glaubwürdig und beängstigend, weil die Einordnung nicht gegeben ist.
Die Ausweglosigkeit von Volney, den Montand mit ungeheurer Eindringlichkeit und Sparsamkeit spielt, ist dabei nebensächlich, die Schilderung des Aufbaus einer politischen Verschwörung ist dringlicher und ungeheurer.
Für politisch Interessierte ein Musterbeispiel und bei aller Sachlichkeit ein extrem spannender Film. Pflichtprogramm: 9/10.