„Rosamunde Pilcher goes Top Gun - oder Der Stern von Afrika reloaded"
„Wir sind Sportsmänner, keine Schlächter."
Mit diesem Satz des filmischen Manfred von Richtofen ist eigentlich alles über die deutsche Großproduktion Der Rote Baron gesagt. Die Luftkämpfe des ersten Weltkriegs werden hier zu sportlichen Auseinandersetzungen verniedlicht und die beteiligten Piloten zu ritterlichen Helden verklärt. Man könnte ob der vorliegenden Ironie durchaus in ein ausgiebiges Schmunzeln verfallen, wäre das Thema nicht so ernst und die Herangehensweise nicht so ärgerlich blöde. Da wählt sich ein Kriegsfilm der eine pazifistische Botschaft vermitteln will ausgerechnet das deutsche Fliegerass Manfred Freiherr von Richthofen zum Sprachrohr und deutelt den kaltblütigen Elitesoldaten mit exakt derselben Propagandamasche zum romantischen Helden um, mit der die oberste Heeresleitung die eigene kriegsmüde Bevölkerung und Armee anno 1917/18 wieder aufzurichten gedachte.
Tatsache ist, dass über den Menschen hinter dem erfolgreichsten Jagdflieger der deutschen Militärgeschichte nicht allzu viel bekannt ist. Der Mythos ist Richthofen und Richthofen ist der Mythos: Der Spross einer preußischen Adelsfamilie und begeisterte Hobbyjäger brachte es im ersten Weltkrieg auf 80 Abschüsse, wurde vom Gegner gleichermaßen gefürchtet wie verehrt und führte einen ritterlichen und ehrenhaften Krieg hoch über dem Massensterben in den Schlammwüsten der Westfront.
Einer Sphinx gleich und längst zur Legende geworden, übt er vor allem im Ausland nach wie vor eine ungeheure Faszination aus. In den USA, Großbritannien und auch in Frankreich ist der Rote Baron erheblich bekannter und beliebter als in seinem Heimatland. Im bundesdeutschen Geschichtsunterricht ist er nicht einmal eine Randnotiz wert, viele Pädagogen kennen ihn vermutlich nicht einmal. Kriegshelden zu feiern ist in Deutschland mit dem Ende des zweiten Weltkriegs gänzlich aus der Mode gekommen. Bezeichnenderweise stammt der bisher einzige Kinofilm über von Richthofen auch aus England.
Es zeugt durchaus von einem neu gewonnenen Selbstbewusstein deutscher Filmemacher, sich auf uramerikanisches Territorium vorzuwagen. Waren doch romantische Kriegsabenteuer unter freundlicher Dehnung historischer Tatsachen bisher vor allem ein Vorrecht der Traumfabrik aus Übersee. Und das nicht nur in der Blütezeit der 1950er und 60er Jahre. Bei Michael Bays Pearl Harbour (2001) oder Jonathan Mostows U-571 (2000) kann man die Verlogenheitsfontänen und Verklärungsgischt durchaus noch spüren.
Als das letzte Mal eine Welle deutscher Genrebeiträge über das Publikum schwappte, galt es das Trauma des Zweiten Weltkriegs und die Rolle der eigene Armee zu „verarbeiten". In den 1950er Jahren transportierten Filme wie Canaris, Hunde, wollt ihr ewig leben, Des Teufels General oder die 08/15-Trilogie vor dem Hintergrund von Kriegsverbrecherprozessen und Wiederbewaffnung vornehmlich die Botschaft von einer sauber gebliebenen, verratenen und missbrauchten Wehrmacht. Sie trafen dabei exakt den Zeitgeist und waren folglich auch ausnahmslos Kassenschlager. In dieser Phase entstand auch einer der wenigen einheimischen Kriegsabenteuerfilme: Der Stern von Afrika - ein romantisches, verklärendes Heldenepos über das deutsche Fliegerass Hans Joachim Marseille. Und hier schließt sich der Kreis. Gilt doch Marseille bezüglich seiner soldatischen Qualitäten wie auch seiner propagandistischen Überhöhung durch das NS-Regime als legitimer Nachfolger und „Erbe" von Richthofens. Ist Der Rote Baron also Der Stern von Afrika reloaded?
Schon die Wahl Matthias Schweighöfers ist Programm und keineswegs so abwegig wie derzeit oft geschrieben. Ein Popstar für einen Popstar. Der sympathisch, verschmitzte Sunnyboy will zwar so gar nicht zu den strengen und ernsten Portraitaufnahmen des echten von Richthofen passen. Einen preußischen Offizier alter Schule, der bereits mit 11 Jahren eine Kadettenanstalt besuchte, mit 20 zum Leutnant befördert wurde und nur zwei Jahre später bereist an der Westfront kämpfte stellt man sich so jedenfalls nicht vor. Schweighöfer passt aber ganz sicher zu dem propagandistisch aufgemotzten Star-Image von Richthofens.
Das Problem bei Der Rote Baron liegt weit weniger in der Wahl des Hauptdarstellers als vielmehr in dessen vom Drehbuch aufoktroyierten Spiel. Mit wallender Lockenmähne und keck flatterndem Schaal gibt der deutsche Jungstar den dandyhaften Charmeur und Bonvivant. Die erfundene Liebesgeschichte mit der deutsch-belgischen Krankenschwester Käte (Lena Headey) macht die „Metamorphose" schließlich perfekt. Der romantische Liebhaber von Richthofen ist historisch ebenso wenig belegt, wie dessen Wandlung zum nachdenklichen Pazifisten. Nach seiner lebensgefährlichen Verwundung im Juli 1917 war bei dem Fliegeridol lediglich eine größere Tollkühnheit und Risikobereitschaft auffällig, die entweder Fatalismus oder Größenwahn entsprungen gewesen sein mag, aber bestimmt nicht der Einsicht über die Grausamkeit oder Sinnlosigkeit des Krieges.
Zweifel an seinem Tun oder gar Gewissensbisse ob der zahlreichen Abschüsse gehören hier ganz bestimmt nicht dazu. Hier macht der Film den lächerlichen Versuch, eine in der heutigen deutschen Gesellschaft vorherrschende Haltung über Krieg in einen Soldaten aus der Kaiserzeit hineinzuprojezieren. Das ist nicht nur völlig unglaubwürdig und anachronistisch, sondern historisch schlichtweg falsch. Wie so häufig bei historischen Spielfilmen sagt das Produkt weit mehr über seine Entstehungszeit als über die dargestellte Epoche aus.
Es wäre sicherlich ebenso verlogen und unhistorisch, von Richthofen als brutalen Mörder abzustempeln. Natürlich tötete er in seinen 80 Abschüssen beinahe ebenso viele Gegner, erledigte aber aus der damaligen Sicht lediglich seinen „Job" als Soldat der kaiserlichen Luftwaffe. In der vornehmlich preußisch geprägten Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs war der Soldatenberuf eine der angesehensten Professionen. Dem nach dem Zweiten Weltkrieg scharf kritisierten preußischen Militarismus wurde zu dieser Zeit im Inland mit ausgeprägtem Stolz und im Ausland mit nervösem Respekt begegnet. Man darf hier keinesfalls den weit verbreiteten Fehler begehen und Geschichte wie Gesellschaft aus der Sicht des wissenden Nachgeborenen zu beurteilen. Ein strahlender Kriegsheld war hier also durchaus ein probates Propagandamittel. Gerade weil der erste industrielle Massenvernichtungskrieg den europäischen Völkern die hässliche Fratze des Krieges mit aller Brutalität vor Augen führte, bedurfte man Idolen wie von Richthofen, um der desillusionierten Bevölkerung die Mär vom sauberen und ehrenhaften Krieg weiter vorgaukeln zu können. Und diese „Taktik" sollte Schule machen: Mit dem deutschen Jagdflieger Hans Joachim Marseille verfuhr die nationalsozialistische Kriegspropaganda exakt auf die gleiche Weise. In diesem Sinne ist der echte von Richthofen sicherlich eine tragische Figur. Der Flieger als Marionette und Zirkuspferd. Hätte der Film diese Konstellation aufgegriffen, Der Rote Baron hätte durchaus eine interessante und kontroverse Studie über Krieg und Gesellschaft im Kaiserreich werden können.
Der bisher lediglich als Fernsehregisseur bekannte Nikolai Müllerschön verschenkt dieses kritische Potential aber leider völlig. In einer erschreckenden Anlehnung an das 50er Jahre Heldenepos Der Stern von Afrika - hier wird Hans Joachim Marseille vom bundesdeutschen Nachkriegsfilm ein ähnlich verklärendes Denkmal gesetzt - serviert er eine seifenopernähnliche Kitsch-Schmonzette Marke „Rosamunde Pilcher goes Top Gun". Trotz toller Luftkampfszenen und einer akribisch rekonstruierten Ausstattung verärgert der Film mit seiner historischen Unkorrektheit und seiner verlogenen Kernaussage vom pazifistischen Kriegshelden. Dem echten Manfred von Richthofen sowie seiner Tragik als Propagandamarionette wird der Film zu keiner Sekunde gerecht. Schweighöfer gibt sein bestes um gegen das hölzerne und triefige Drehbuch anzuspielen. Letztlich vergeblich. Joseph Fiennes bleibt als sein kanadischer Gegenspieler Captain Roy Brown ebenso blass wie Til Schweiger als sein Staffelkamerad Werner Foss.
Der ganze Film wirkt episodenhaft und hakt belegte Stationen aus dem Leben des Fliegers brav ab: Besuche bei den Eltern, die Beziehung zu den Kameraden seiner Fliegerstaffel, die Verleihung des "Pour le Mérite" (des höchsten deutschen Militärordens), die Treffen mit Kaiser Wilhelm II., den roten Anstrich für sein Flugzeug zur Abschreckung des Feindes, eine lebensgefährliche Kopfverletzung und der anschließende Lazarettaufenthalt, seine zunehmende Tollkühnheit nach der Verwundung und sein letzter Flug am 21.4.1918 sowie die Bestattung durch die Engländer mit allen militärischen Ehren.
Darüber hinaus nimmt sich Müllerschön ein paar dichterische Freiheiten heraus, um das Heldenportrait ins gewünschte pazifistisch-schöngeistige Licht zu rücken: so lässt er v. Richthofen Oscar Wilde zitieren, sich in seine Krankenschwester verlieben, mit einem gegnerischen kanadischen Fliegerkollegen im Niemandsland über die Sinnlosigkeit des Krieges philosophieren und am Ende nur wieder ins Flugzeug steigen, weil die oberste Führung auf seine hehren Argumente zur Beendigung des Krieges partout nicht eingehen will. In Wahrheit lehnte von Richthofen die Beförderung zum Oberbefehlshaber der deutschen Luftstreitkräfte ab und legte nicht - wie im Film suggeriert - den Posten aus Frustration nieder. Der einsame Lächerlichkeitshöhepunkt ist aber die Szene, als von Richthofen - wieder einaml zum Kaiser beordert - Wilhelm II. höchst persönlich die Kapitualtion des Deutschen Reiches vorschlägt. Hier spricht der filmische Monarch dem belustigt-verdutzten Publikum aus der Seele wenn er genervt anmerkt: "Setzt mir diesen Kerl wieder in ein Flugzeug."
Das ganze wird mit einer pathetischen, James Horner-gleichen Filmmusik unterlegt und in kräftigen Farben - oftmals in gleißendes Sonnenlicht getaucht - auf die Leinwand gemalt. Die Nähe zu einem aufwändig verfilmten Liebesdrama aus der Feder von Pilcher und Konsorten ist frappierend. So gesehen können die zahlreichen deutschen Vorpremieren im Rahmen einer „Ladies Night" kaum überraschen.
Im letzten Drittel muss Müllerschön gemerkt haben, wohin sein Film abdriftet und hat noch flugs ein paar „Schockszenen" aus dem Frontalltag des ersten Weltkrieges eingebaut. Allerdings können die eingestreuten Schlachtsequenzen aus dem „Massengrab Westfront" den Grundtenor ebenso wenig überdecken, wie die wenigen Aufnahmen Verwundeter und verstümmelter Soldaten in den Feldlazaretten. Ohnehin benützt der Regisseur diese Szenen vornehmlich um das Umschlagen von Richthofens Einstellung und Stimmung - weg vom übermütigen Jäger, hin zum grüblerischen Pazifisten - „glaubwürdig" darzustellen. Ein Unterfangen, das letztlich gründlich misslingt.
Was bleibt sind ein paar rasant inszenierte Luftkämpfe auf hohem technischen Niveau, von denen es aber - gemessen am Thema des Films - entschieden zu wenig in den fertigen Film geschafft haben. Wenn man bedenkt, dass Müllerschön 6 Jahre an seinem Wunschprojekt gearbeitet hat, ist das Ergebnis mehr als enttäuschend. Streng genommen liefert der Regisseur hier einen lediglich filmtechnisch modernisierten Neuaufguss der 1950er Jahre Heldenschmonzette Der Stern von Afrika. Der Charakter des berühmtesten deutschen Jagdfliegers der Militärgeschichte bleibt nach wie vor im Dunkeln. Schön bebildert, aber holprig inszeniert und inhaltlich oberflächlich, strickt Der Rote Baron letztlich nur weiter kräftig an der etablierten Legende um das berühmte Fliegerass. Historische Unwahrheiten inklusive. Eine verschenkte Chance.
(3/10 Punkten)