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Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Karriere, sag ja zur Familie. Sag ja zu einem pervers großen Fernseher. Sag ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektrischen Dosenöffnern. Sag ja zur Gesundheit, niedrigem Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherung. Sag ja zur Bausparkasse, sag ja zur ersten Eigentumswohnung, sag ja zu den richtigen Freunden. Sag ja zur Freizeitkleidung mit passenden Koffern, sag ja zum dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung in hunderten von Scheiß-Stoffen. Sag ja zu Do-it-yourself und dazu, auf Deiner Couch zu hocken und Dir hirnlähmende Gameshows reinzuziehen. Und Dich dabei mit Scheiß-Junk-Fraß vollzustopfen. Sag ja dazu, am Schluß vor Dich hinzuverwesen, Dich in einer elenden Bruchbude vollzupissen und den mißratenen Ego-Ratten von Kindern, die Du gezeugt hast, damit sie Dich ersetzen, nur noch peinlich zu sein. Sag ja zur Zukunft, sag ja zum Leben.

Aber warum sollte ich das machen?"
Ich habe Heroin!

So beginnt Trainspotting.

Drogenfilme wollen meist entweder mit dem erhobenen Moralfinger zeigen, wie böse diverse Freudenkeulen sind oder verharmlosen selbige in seichten Komödien. "28 days later" Regisseur Danny Boyle schuf mit seinem frühen Werk "Trainspotting" eine zum Kult avanchierte Komödie, die beidseitig funktioniert.

Der Filmheld ist Mark "Rent-boy" Renton (Ewan McGregor), der auf oben aufgeführte Luxusartikel scheißt und sich lieber das Hirn mit Drogen zudröhnt. Ohne Aussicht auf eine akzeptable Zukunft lebt er mit seinen Freunden und einer Freundin (die von einem der Jungs ein Kind bekam) in einem Loch, Wohnung genannt. Francis (Franco) Begbie ( Robert Carlyle, kultig wie eh und je) ist aggressiv, reizbar und begeht in jeder Kneipe am liebsten eine harte Schlägerei. Daniel 'Spud' Murphy (Ewen Bremner) ist der absolute Verlierer, der vollgedröhnt bei einer Frau nicht zum Fick kommt und dafür bei ihr des Nachts ins Bett scheißt. Simon David 'Sick Boy' Williamson (Jonny Lee Miller) liegt gern im Park und knallt mit seinem Luftgewehr auf Nazis oder besser deren Köter, die recht allergisch darauf reagieren. Tommy MacKenzie, Naturbursche und Sportler lehnt Drogen anfangs ab, wird aber selbst irgendwann zum Junkie. Eine bunte Gemeinschaft von Asozialen, deren einziger Ausweg Heroin ist.

Danny Boyle zieht bei ihrer nun folgenden Odysee alle Register des Drogenmilieus und verpackt sie oft in surreale, knallbunte Optiken, die mitunter ausgefallene Ideen zu bieten haben und legt dabei ein Höllentempo vor. Ob Probleme bei der Beschaffung, Rentons Abstieg ins Klo (inklusive Tauchszene), um sein Drogenzäpfchen zu retten, klaustrophobische Halluzinationen während des Entzugs oder durchgeknallte Szenarios auf dem Trip: alles wird mit für so einen Film ungewöhnlich intelligenten Dialogen und Gedanken niveauvoll verarscht, regt aber in fieseren Szenen (Tod eines Babys) auch zum Nachdenken an. Ein Schuss Kritik an den spießigen, britischen Bürgern darf da natürlich nicht fehlen. Wer dabei mit vulgären Witzen und Einfällen nicht klarkommt, sollte gleich bis zum Abspann vorspulen, denn politisch korrekt ist dieser Film gewiss nicht.

Den schauspielerischen Glanzpunkt setzt der ironische Ewan McGregor, obwohl man den Nebenfiguren ebenfalls eine klasse Leistung zugestehen muss. McGregors Spiel des drogensüchtigen, später sich auf Entzug befindenden Junkies, der erst später einsieht, was für Freunde er da überhaupt hat ist fast oscarreif. Selbst in höllischen Qualen bringt er den Zuschauer zum Lachen und Nachdenken, was zur Hälfte aber der Optik Boyles zuzugestehen ist.

Fazit:
"Trainspotting" ist der Drogentrip überhaupt. Eine große Portion Humor, klasse Optik, ein gutes Drehbuch, sehr gute Schauspieler und nicht zuletzt kritische Bilder des Drogenkonsums machen ihn zum König dieses sonst so einseitigen Genres.

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