Danny Boyles als Kultfilm gepriesener "Trainspotting" ist auf seine Art und Weise ein filmischer Sonderling aus Großbritannien. Er hält uns den vielleicht bedeutendsten Abschnitt im Leben des Mark Renton vor Augen, während er zugleich Humor, Dramatik, enorme Vielschichtigkeit und eine berauschend einfallsreiche Optik ausgesprochen ungewöhnlich und durchaus experimentell kombiniert.
Oftmals wird "Trainspotting" seine Neutralität gegenüber der Thematik nachgesagt: Er verherrliche keine Drogen, verurteile sie aber auch nicht, sondern versuche ganz allein, dem Zuschauer die Aufgabe des Urteilens auf die Schultern zu legen. Nun, dies stimmt nur bedingt, denn völlig wertneutral bleibt Danny Boyle hier nicht. Das Milieu, in dem Mark Renton und seine vermeintlichen Freunde leben, visualisiert Boyle äußerst dreckig, schäbig, absolut unhygienisch, gar ekelerregend. Sie sind arbeitslos, lungern gelangweilt herum und bestehlen gelegentlich Bürger, um an Geld zu kommen. Ein wesentlicher Hauptgrund für diese an den Tag gelegte Asozialität sind die Drogen. Danny Boyle konfrontiert uns mit diesem gesellschaftlichen, gesundheitlichen, sowie geistigen Verfall und hält uns dieses eigentlich inhumane Leben im blanken Dreck sehr bewusst vor Augen. Dahinter steckt eine Intention Danny Boyles - und, wie ich finde, auch eine Wertung.
Was "Trainspotting" vermutlich so neutral erscheinen lässt, ist wohl die Tatsache, dass hier neben der Kritik an Drogen, besonders ihren Folgen, auch die Realität nicht gerade besonders gut wegkommt. Wenn man sich für das Leben entscheidet, entscheidet man sich dafür, "...auf der Couch rumzusitzen und hirnverbrannte, nervtötende Gameshows anzuglotzen, während man sich Junkfood in den Mund stopft und langsam verrottet..." So wird in den zahlreichen, stets begleitenden und durchaus intelligenten Off-Monologen mit der hiernach nicht zu ertragenden Wirklichkeit abgerechnet. Rauschmittel können ein Ersatz für die Realität sein, sie ermöglichen zumindest eine Flucht - diesen Aspekt zeigt "Trainspotting" ebenfalls, nur eben auch den verheerenden Preis.
Ein hier weiterhin angerissener Faktor, der sowohl bei einem Junkie, als auch bei einem Nicht-Junkie auftritt, ist die Abhängigkeit. Dabei spielen Alkohol, Zigaretten und diverse Pharmazeutika eine eher inferiore Rolle, zumal sie ebenfalls als Drogen klassifiziert werden beziehungsweise können. Es muss auch nicht die Sucht sein, beispielweise wie Francis Begbie, einem der vermeintlichen Freunde Marks, Kneipenschlägereien anzetteln zu müssen. Nein, "Trainspotting" geht sogar soweit, die traurige Abhängigkeit des Menschen gerade von diesem ungesunden Junkfood und dem hirntötenden TV-Entertainment auszusprechen. Und um auch die zu treffen, die sich öffentlich stets von dem Konsumieren der Game- und Talkshows distanzieren wollen, ist dies ebenso auf die gesamte Unterhaltungselektronik - als nur ein Beispiel - übertragbar. Ein Leben ohne Internet, ohne Computerspiele, ohne Fernseher und ohne DVD-Player - heutzutage beinahe Utopie. Man bevorzugt phlegmatisches Rumsitzen, statt aktive Bewegung; sich berieseln lassen, statt mitzudenken. Gesellschafts- und Zivilisationskritik ist hier definitiv spürbar und beschäftigte Regisseur Boyle später ebenfalls in "The Beach" oder "28 Days Later".
Inszeniert hat Danny Boyle den Auszug aus Mark Rentons bizarrem Leben außergewöhnlich erfrischend und abwechslungsreich. Ungeschönt und sehr direkt, ebenso wie die intelligent artikulierten Off-Monologe, sind die teils popig unterlegten Bilder. Wie bereits erwähnt wird die ungeordnete, fäkal anmutende Umwelt, in der Mark lebt, adäquat dargestellt. Entzugserscheinungen oder Trips werden nicht künstlerisch surreal visualisiert. Stattdessen taucht man überwiegend in eine real wirkende Welt, die jedoch eigenen, nicht-realen Gesetzen folgt. So etwa kann ein Baby an der Decke krabbeln oder der Abstieg in eine Kloschüssel wird zu einer Leichtigkeit. Sehr interessant ist auch die "Sarg-Perspektive" bei Marks lebensgefährlichem Trip. Kaum zu glauben, dass selbst in solchen Szenen der Humor nicht deplatziert wirkt, aber das schwierige Zusammenspiel zwischen Komik und Dramatik funktioniert hier exzellent. Sicherlich nicht nur ein Verdienst Danny Boyles, sondern auch einer seiner Darsteller, allen voran Ewan McGregor als Mark Renton.
"Trainspotting" ist ein herausragender, in diesem vorliegenden Stil wahrscheinlich sogar einmaliger Film von Danny Boyle. Hier werden zwei Seiten beleuchtet: Das Drogenmilieu und die Wirklichkeit. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, findet der Film harte, in eine windschnittige Erzählweise eingebettete Worte für die Realität, zeigt gleichzeitig aber auch das dreckige Leben eines Drogenabhängigen.