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Der Sommer 1978 geht zuende. Auf den Leinwänden der Bundesrepublik flimmert Sigi Rothemunds neue Discorevue Summer Night Fever. Der Vorspann verheißt die Verwendung zehn aktueller Songs aus den Hitparaden. Thomas Gottschalk schwoft kurz im Hintergrund am DJ-Pult. Tatsächlich sind die Songs so gut ausgewählt, daß sie allesamt auch heute noch auf jedem Oldiesender und jeder Ackerfete zu hören sind. Disco, das ist feiern von Hier und Jetzt, ganz besonders des Egos. Getanzt wird, wenn nicht gerade eng umschlungen, bevorzugt solo und exzentrisch.
Inmitten dieser Szene bereiten sich zwei Jünglinge auf eine Reise nach Ibiza vor, ihr sexuelles El Dorado. Am Morgen holt dann der Streber seinen Freund im Käfer-Cabrio ab. Stéphane Hillel wiederholt hier im Prinzip seine Aufreißerfigur aus Her mit den kleinen Engländerinnen. Hier erwacht er bei seinem jüngsten One-Night-Stand, um ihr die laufende Nummer auf die sich bei ruhiger Schlummeratmung heben- und senkende nackte Brust zu werfen. Auch die Reise, wenngleich eher einer Präkognition von Der Volltreffer anmutend, bedient sich ähnlicher Schemata wie Hillels Filmerfolg.

Die in freikörperkultureller Filmsparte bewanderte Olivia Pascal gibt die kindliche Geek-Schwester des Strebers. Nachdem er durchs Abi gerasselt ist, konnte er den Wunsch der Eltern nicht abschlagen, daß sie mitkommt. Zudem wird sie finanziell etwas beisteuern. So bricht das Trio nun mißmutig auf gen Süden. Jugendlich, leichtsinnig und naiv. Selbstverständlich wird die Schwester zum Klotz am Bein, denn erste Flirts schlagen fehl. Das Auto gibt stetig den Geist auf, bis es schließlich gestohlen wird. Dazwischen Irren und Wirren zwischenmenschlicher Natur. Immerhin entpuppt sich die Pascal nach Wegfall von Brille und Zahnspange als steilerer Zahn als “erwartet”.
Das klingt vermutlich genauso werbebewußt, wie Sex und Liebe in Summer Night Fever auf ein marktwirtschaftliches Gut reduziert werden. Das Ziel Ibiza erreicht, muß auch schließlich Olivia Pascals Figur erkennen, daß sie keineswegs am Nacktbadestrand in der Menge verschwindet, als sie sich auszieht und somit doch gleich ist mit den sie umgebenden Sonnenjüngern. Sie wird dennoch zum Objekt gemacht. Gleichwohl Summer Night Fever Emanzipation als Lustertrag für Frauen anpreist, die sich nicht hingeben, sondern selber spekulieren und über die kurzfristige Körperanlage einen größeren Profit zu erwirtschaften glauben, so ist dieses junge Mädchen doch konservativ veranlagt. Kaum bietet sich die langfristige Gelegenheit, ist sie bereit für den kleinen Zins einzusteigen, doch scheint das Wort Liebe selbst hier mit Besitz verwechselt zu werden.

In diesem kapitalistischen Geflecht ist kein Platz für echte romantische Momente. Es scheint der Gewinn für den Streber zu sein, seinen aufreißerischen Kumpel regelmässig auszustechen. Hillels Figur wirkt wie der Verlierer eines Sportkampfes, da er sein eigentliches Ziel vollkommen aus den Augen verloren hat. Daß am Ende dennoch alle lachen spricht für das geringe Interesse aneinander. Ein Miteinander wird als kollektives Erlebnis der Selbstbefriedigung gefeiert, komme, was da wolle. Zahlreiche Nuditäten erreichen durch einen so eigenwilligen Naturalismus nicht einmal den Reiz einer deutsch-demokratischen FKK-Ferienkolonie.
Die gesellschaftlichen Vorzeichen für eine Jahrzehnte später noch spürbare Entwicklung stehen unkommentiert im Saal als Illustration eines Lebensgefühls 1978. Es ist ein visuelles Musikalbum nach einer Machart, bevor MTV den Sendebetrieb aufnahm und diese Unterhaltungsform durch Zerstückelung nach einzelnen Titeln langsam aber sicher verdrängte. Summer Night Fever ist gemäß seines Zweckes schon irgendwie seicht unterhaltsam. Menschlich jedoch gibt es noch einiges zu überdenken. Ob der alte Sigi das wohl anstoßen wollte?

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