Das Filmplakat schaut aus wie eine einzige, gewaltige Hommage an den B-Horrorfilm der Fünfziger Jahre. Leela blickt in klassischer Fay Wray-Pose dem Schrecken ins Gesicht, gibt zumindest in dieser Momentaufnahme ihre feministischen Züge auf zugunsten des klassischen Frauen-Opferrollenbildes - hilflos, auf die rettenden Taten eines Helden angewiesen, aber immer noch in einem sexy Outfit, das Assoziationen zu Tarzans Jane weckt. Doch mitnichten ist Tarzan in Reichweite, um seine Jane aus den Klauen des Monsters zu befreien; an dessen statt sieht man im Hintergrund einen feigen Philip J. Fry, der kreischend davonläuft.
Wer aufgrund dessen eine stilistische Retro-Auferstehung der 50er erwartet, sieht sich schnell getäuscht. Mit keinem Pinselstrich huldigen die Zeichner der naiven Atmosphäre der “Tarantula”-, “Formicula”- und “Schrecken vom Amazonas”-Streifen, vielmehr wird mit einer (durchaus zum Kringeln witzigen) “Steamboat Willie”-Verarsche eröffnet, um dann wie gewohnt in den Futurismus des New New York im Jahr 3008 einzutauchen.
Die Parallelen zu den alten Monsterfilmen gehen tiefer. Das Monster nämlich, obgleich es aus einem anderen Universum stammt, könnte glatt Russe sein: Mit seinen unzähligen Tentakeln versucht es, alle Menschen der Welt gleichzuschalten und in einen Zustand der unitarischen Liebe zu versetzen. Wenn das mal kein Seitenhieb auf den Kommunismus ist! Die Funktionalität der Futurama’schen Außerirdischen nimmt im zweiten “Futurama”-Spielfilm neue Dimensionen an. Das Tentakelgeschöpf soll aber nicht bloß Klischees des reaktionären Monsterfilms veralbern, es verkörpert zugleich ein Netzwerk, wie es vor allem auch für das digitale Zeitalter des Postmillenniums nicht uncharakteristisch ist.
Damit ist die Brücke von den Fünfziger Jahren zur Gegenwart geschlagen und das Groening-Produkt ist von der Hommage zum zeitgenössischen Gesellschaftskommentar angelangt. Wo gerade erst “Google Chrome” Schlagzeilen machte mit seiner schwer kritisierten informationsverschluckenden und -zentrierenden Browser-Konstruktion, gibt das Tentakelmonster, das doch eigentlich nur geliebt werden will (wie Google Chrome vermutlich auch), eine bildliche Vorstellung davon, welche Facetten die Netzmetapher für die Internetgesellschaft noch so bereithält. Der deutsche Titel “Die Ära des Tentakels” - er wird in der Originalfassung als “Age of the Tentacle” auch in einem Satz erwähnt - hört sich nicht nur episch an, er packt den Stier ausnahmsweise auch mal bei den Hörnern.
Die narrative Ordnung passt sich der epischen Thematik entsprechend an. Gewissermaßen wird Steven Spielberg seinem “War of the Worlds”-Remake entsprechend kopiert (womit der Rückbezug auf die 50er wieder hergestellt wäre) und ein vorausschauender Ereignisbogen geknüpft. Von der Verkopft- und Verspieltheit des Vorgängers “Bender’s Big Score” keine Spur mehr, hier reißt der Himmel auf (eine herrlich trockene und ultrakurze Pre-Title-Sequenz veralbert dabei den allseits bekannten “Was bisher geschah”-Mechanismus), die Menschen auf den Straßen schreien und dann beginnt die Rettungsaktion der Erde. Geradezu konventionell.
Hierdurch bleibt der Autorencrew weniger Platz für kleine Gags und verspielte Schnörkel, für welche die Zweitserie des “Simpsons”-Machers gewöhnlich absolute Meisterschaft beanspruchen kann, und die Ruhe im Aufbau, die wohl jedem anderen Team zum Vorteil gereichen würde, sie wird den Groening-Mannen zum eindeutigen Nachteil.
“Die Ära des Tentakels” bleibt nahezu eine komplette Ära lang ohne den nötigen Biss bei den Gags. Diese werden zwar wie gewohnt in Maschinenpistolensalven abgeschossen, sie sind auch selten wirklich schlecht, doch von der allgegenwärtigen Weltuntergangsmelancholie des dominanten Plots werden sie absorbiert wie Staubkörnchen im Weltall. Wo “Bender’s Big Score” alle fünf Minuten eine absurde Wendung nahm und man nie wissen konnte, wo die Geschichte endet, ist der Weg der Tentakel-Herrschaft lange vorbestimmt. Das erzeugt streckenweise ungekannten Leerlauf in der Gagfolge. Filmparodien wie diejenige auf “Pirates of the Caribbean” werden vollkommen logisch hergeleitet und erstklassig präpariert, die Durchschlagskraft etwa der “Terminator”- und “Star Wars”-Gags aus dem Vorgänger erreichen sie trotzdem nicht.
Dabei gibt man sich ja inhaltlich erneut keineswegs mit einer eindimensionalen Lesart ab, sondern baut gleich auf mehrere Bedeutungsebenen. Die kommunistisch anmutende Vereinigung der Individuen zu einem zusammenhängenden Organismus wird nicht nur frech mit der Institution Kirche gekoppelt, zugleich wird der Sinn des Lebens gestellt, das Wesen der Liebe erforscht und die Polyandrie (eine Frau mit mehreren Partnern) diskutiert - Themen, die unterschiedlichen Ordnungen angehören, aber allesamt miteinander verbunden sind. Stupides Entertainment kann man Futurama nach wie vor nicht zum Vorwurf machen, im Gegenteil; die Filmformate zeigen bisher ein Anstreben, philosophische Grundfragen noch ergiebiger zu diskutieren als in den serienmäßigen 20-Minuten-Blöcken, auch wenn es in der Umsetzung zum Teil noch haken mag.
Auf der Figurenebene wiederholen sich die Muster inzwischen auch mal (wieder kommt Fry mit einer neuen Freundin, während sich seine Annäherungen an Leela schon in einer Dauerschleife befinden), einige Überraschungen im Detail hält aber auch “Die Ära des Tentakels” wieder bereit. Alles andere ist “Gebet dem Volk, wonach es verlanget” - die Lieblinge verhalten sich eben so, wie sie sich verhalten sollen, und das ist gut so. Animationstechnisch wird derweil das gewohnte hohe Niveau in einer Mischung aus Trickanimation und 3D-Modellen geboten, vor allem einzelne, zunächst eher unscheinbare Effekte können überzeugen, auch wenn die “Aha”-Effekte letztlich fehlen. Vor allem die tentakelverseuchte Stadt ist ein Hingucker und die in der Luft schwebenden, an die “Körperfresser” erinnernden menschlichen Hüllen stünden kurz vor der Schwelle zum Grusel, würden sie nicht immer wieder mit albernen Gimmicks (zB. der Comedy-Stab des Papstes) gebrochen werden.
Erwarten darf man sich eine zweite Futurama-Langrille von gewohnter inhaltlicher Qualität, intelligente Unterhaltung also, die reflektiert, wie es nur wenige andere können. Ganz im Gegensatz zum Vorgänger können diesmal aber leider nicht die Joker ausgespielt werden, welche die Serie so genial machen - ihre unzähligen Anspielungen, Details und Verrücktheiten, eben die ihr innewohnende Anarchie. Zu konventionell ist der Aufbau, als dass sonderlich viele Haken geschlagen würden. Ganz zu Lasten der Gags, die im Kontext handzahmer bleiben, als sie eigentlich sein könnten. Und doch ist die Vielschichtigkeit ausgeprägt genug, auch ein mehrmaliges Ansehen zu garantieren - wenn man denn hinsehen mag.