SHERLOCK JUNIOR
(SHERLOCK JR.)
Buster Keaton, USA 1924
Happy Birthday! Wie der gerade von mir gesehene The Navigator feiert auch der vorliegende Film von Buster Keaton in diesem Jahr seinen einhundertsten Geburtstag (am 17. April 1924 wurde er in Louisville, Kentucky zum ersten Mal gezeigt). Mit Sherlock Junior (im Original Sherlock Jr.) verhält es sich indes genau umgekehrt wie im Fall von The Navigator: Der Streifen wurde seinerzeit zumindest von der Allgemeinheit eher verhalten aufgenommen, gilt inzwischen aber als veritables Meisterwerk. Es gibt sogar Kritiker, die ihn zu den besten jemals gedrehten Filmen zählen. Nun denn:
Unser Protagonist Buster (einen Namen hat ihm das Skript nicht mitgegeben) arbeitet als Filmvorführer in einem Kleinstadt-Kino, wäre aber viel lieber ein großer Detektiv. So liest er auch immer wieder in einem „Fachbuch“, um sich in dieser Sache zu bilden. Im Privatleben bemüht er sich rührend um seine Freundin („The Girl“), der er von seinem letzten Dollar eine Schachtel Pralinen schenkt – und einen Ring, welcher immerhin nicht abgelehnt wird.
Allerdings gibt es mit dem „örtlichen Stenz“ („The Local Sheik“) auch einen unangenehmen Nebenbuhler, der dem Vater des Mädchens die Uhr stiehlt, sie im Pfandhaus versetzt und den Diebstahl Buster in die Schuhe schiebt. Der wird daraufhin des Hauses verwiesen, scheitert beim Versuch, den Schuldigen zu verfolgen, auf der ganzen Linie und macht sich ohne Geld und ohne Freundin wieder an seine Arbeit. Im Kino gilt es gerade den Film Hearts and Pearls vorzuführen, und während die Veranstaltung läuft, schläft Buster neben seinen Apparaten ein.
Nun aber träumt er sich in diesen Film hinein und betritt durch die Leinwand dessen Welt, die von sehr bekannten Figuren bevölkert und von sehr bekannten Problemen bestimmt wird: Auch hier tauchen, obgleich in deutlich gehobeneren Verhältnissen lebend, seine Freundin, ihr Vater und der Stenz auf, und auch hier macht sich Letzterer eines Diebstahls schuldig – er entwendet dem Vater eine wertvolle Perlenkette aus dem Tresor. Buster aber nimmt nun die Rolle des unfehlbaren Detektivs „Sherlock Junior“ an. Er stürzt sich in die Ermittlungen, und schon am nächsten Tag „hat das Genie den Fall komplett gelöst – bis auf das Auffinden der Perlen und die Identifizierung des Diebes“ ... Es ist also doch noch etwas zu tun, und in der Folge muss Sherlock Junior nicht nur einigen Mordanschlägen entgehen, sondern mithilfe seines treuen Mitarbeiters Gillette auch eine ganze Bande von Ganoven ausschalten ...
Das aber gerät zu einem schönen und dauerhaften Vergnügen, dessen Höhepunkte Sherlock Juniors Verkleidungskunststücke, die rasante Verfolgungsjagd auf einem (die längste Zeit fahrerlosen!) Motorrad und das Billardspiel mit einer vermeintlich hoch explosiven 13er-Kugel gehören. In Sachen Qualität und Dichte der Gags und Aufreger macht Sherlock Junior also (ohne als Nonplusultra der Komik gelten zu können) eine sehr gute Figur – längere Auszeiten hätte sich der nicht einmal fünfzig Minuten lange Film allerdings auch nicht leisten können. Hinzu kommt jedoch die seinerzeit wirklich innovative Idee, mit dem Eintritt Busters in den Streifen Hearts and Pearls eine zweite und quasi „freie“ Ebene zu etablieren, in der die Zwänge der Wirklichkeit ohne Weiteres ausgehebelt werden können. Das Kino selbst wird somit als Welt gewürdigt, in der sich Träume erfüllen lassen – und auch als solche genutzt. Dabei gelingt die Verknüpfung der beiden Ebenen und ihre finale Zusammenführung ganz vorzüglich – dass das Skript mit der ersten, also der Ausgangsebene, keine großen Verrenkungen macht, soll ihm hier nicht als Makel angekreidet werden (kurzer SPOILER – im wahren Leben des Filmvorführers Buster, also diesseits der erträumten Film-im-Film-Handlung, klärt sich die Angelegenheit sehr einfach dadurch auf, dass Busters Freundin ins Pfandhaus geht und dort auf der Stelle herausbekommt, wer die Uhr ihres Vaters wirklich versetzt hat). Einher geht dies wie bei Buster Keaton üblich mit famos choreografierten und akribisch umgesetzten Actionszenen sowie der Einbeziehung neuer Ideen und Verfahren auf dem Gebiet der Trickeffekte. Was hier so leicht und fröhlich daherkommt, ist wieder einmal das Produkt harter und intensiver Arbeit. Die hat sich aber wirklich gelohnt.
Zur Optik sei angemerkt, dass die vorliegende, im seinerzeit gängigen 1.33:1-Format aufgenommene und 2020 von Lobster Films in Paris restaurierte Fassung zwar keine nennenswerten Beschädigungen aufweist, aber nicht viragiert ist und unter deutlich schwankenden Schärfe- und Kontrastwerten leidet. Angesichts ihres Alters ist die Qualität der Bilder aber allemal zufriedenstellend.
Darstellerisch steht selbstredend Buster Keaton persönlich als „Projectionist“ beziehungsweise Sherlock Junior im Mittelpunkt, der zuverlässig mit seiner unverwechselbaren und gleichsam unbezahlbaren Mischung aus Ernst und Melancholie am Werk ist und auch körperlich wie immer vollen Einsatz zeigt. Fast zu viel in diesem Fall: Der Dreh zu jener berühmten Szene, in der Buster an einem Wasserbetankungsrohr für Dampflokomotiven hängt und eine volle Ladung Wasser abbekommt, hat dem Hauptdarsteller einen angebrochenen Halswirbel eingebracht, was allerdings erst Jahre später festgestellt wurde. Wenn man weiß, welche Kraft Wasser entwickelt, kann man bei dieser Szene kaum hinsehen. Kathryn McGuire, Buster Keatons wunderbare Partnerin in The Navigator, ist auch hier mit an Bord, hat aber als „Girl“, sprich Busters Freundin, kaum mehr zu tun als, ähm ... Busters Freundin zu sein. Ward Crane muss da als „Local Sheik“ schon etwas mehr arbeiten, wobei er jedoch ziemlich unauffällig bleibt. Herrlich auffällig ist hingegen der krass geschminkte Erwin Connelly als Butler des Antagonisten im Hearts and Pearls-Film, während man als Vater der Freundin Buster Keatons Vater Joe Keaton sehen kann. Der Score der vorliegenden Fassung stammt zu guter Letzt von Robert Israel, wurde 2020 vom Robert Israel Orchestra eingespielt und macht im Prinzip alles richtig: Es handelt sich um konventionell angelegte Komödienmusik, die durchaus Frohsinn verbreiten kann und mitunter so „klassisch“ klingt, als wäre sie gleichzeitig mit dem Film entstanden.
So bleibt eine wunderbare, durchaus anspruchsvolle und technisch brillant umgesetzte alte Stummfilmkomödie, die über das tadellose Funktionieren als Genreproduktion hinaus aufgrund ihrer bemerkenswert innovativen Gedanken auch filmhistorisch von Bedeutung ist und als eine der ersten großen Liebeserklärungen an das Kino gelesen werden kann. Der Versuchung, Sherlock Junior mit anderen Highlights des Keaton’schen Œuvres wie The General, The Cameraman oder Steamboat Bill, Jr. zu vergleichen, will ich derweil widerstehen – und es bei der Freude über die Begegnung mit diesem Film belassen, der das Zeug hat, auch die nächsten hundert Jahre gut zu überstehen. Es bleibt nur zu hoffen, dass dereinst noch jemand da ist, der ihn ansehen kann.
(04/24)
8 von 10 Punkten.