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CLOSURE dürfte wohl die Veröffentlichung sein, die alle deutschen Nine Inch Nails-Fans und halo-Sammler regelmäßig zur Verzweiflung bringt, da bis heute die einzige regulär erhältliche Fassung aus 2 NTSC-VHS-Kassetten besteht. Eine DVD-Veröffentlichung war einige Zeit in Planung, aufgrund von Trent Reznors Differenzen mit seinem ehemaligen Produzenten wurde das Projekt aber schließlich auf Eis gelegt. Seltsamerweise fand jedoch kurze Zeit später eine professionell gestaltete Doppel-DVD ihren Weg in die Filesharing-Netzwerke und man munkelt, Reznor wäre daran nicht unbeteiligt gewesen.

Part 1: Self-Destruct

Der Titel macht bereits klar, was den Zuseher auf der ersten Kassette / DVD erwartet: Die 1994er Self-Destruct-Tour nach Erscheinen des genialen Konzeptalbums "The Downward Spiral", die mit dem Auftritt in Woodstock ihren krönenden Abschluss fand, zeigte Reznor und Co. auf dem ersten Höhepunkt ihres musikalischen Schaffens, was umso bemerkenswerter ist, da Nine Inch Nails im Grunde genommen ein Solo-Projekt darstellt und daher für Live-Auftritte zunächst eine Band (hier bestehend aus Robin Finck, Danny Lohner, Chris Vrenna und James Wolley) rekrutiert werden musste.
Zerstörungswut - nicht nur gegen sich selbst - wird zum Programm, selbst aus den vergleichsweise zahmen Songs der "Pretty Hate Machine"-Ära wird das Maximum an Energie herausgeholt und daß am Ende des Konzertes kein Instrument unbeschädigt bleibt, dürfte niemanden verwundern.
Die Tourdokumentation beschränkt sich aber nicht auf die einzelnen Live-Auftritte (hier besonders herausragend der Klassiker "Hurt" im Duett mit David Bowie); diese bilden zwar die zentralen Orientierungspunkte, aber dazwischen bekommt der Fan auch zahlreiche Blicke hinter die Kulissen und in den Backstagebereich geboten, wo sich die Band unter anderem klischeegerecht als Hotelzimmerverwüster präsentiert.
Formal ist das ganze als medialer Overkill gestaltet, es wird jedes erdenkliche filmische Stilmittel verwendet und dadurch beispielsweise anhand absichtlicher Drop-Outs auf der Metaebene ein Diskurs über die Problematik der technischen Aufzeichnung und Reproduktion von Wirklichkeit eröffnet, der sich auch auf den diversen CD-Veröffentlichungen (insbesondere auf "The Downward Spiral" ist die Musik derart verzerrt und durch den Schredder gejagt worden, daß das erste Hörerlebnis für unvorbereitete Radiogedudelgewöhnte einem Schock gleichkommen dürfte) wiederfindet. Denn logischerweise läßt sich in einer Videoaufzeichung weder die unmittelbare Konzertsituation, geschweige denn eine komplette Tournee wiedergeben - was den ersten Teil von CLOSURE letztlich zur Dokumentation des Scheiterns eines Dokumentationsversuchs macht.

Part 2: The Videos

Daß dem Medium Film, das mitunter von sich beansprucht, die Realität objektiv wiederzugeben, nicht zu trauen ist, bewies bereits Thomas A. Edison, der durch Filme wie EXECUTION OF MARY, QUEEN OF SCOTS (1895) dafür sorgte, daß Pseudo-Snuff nicht am Ende, sondern am Anfang der Filmhistorie stehen. Mit ELECTROCUTING AN ELEPHANT (1903), einer Vorstudie für den elektrischen Stuhl als Hinrichtungsmethode, ging er noch einen Schritt weiter und machte das nicht inszenierte Sterben als Bild reproduzierbar, wurde damit zur Blaupause zahlreicher Nachahmer (man denke beispielsweise an die zahlreichen Mondo-und Kannibalenfilme, FACES OF DEATH, etc.) und zeigte so neben den Möglichkeiten und Grenzen eines Mediums, das nicht zufällig ständig Gegenstand von erbitterten Moraldebatten um die Zeigbarkeit von Erotik und Grausamkeit ist, daß der Film sich immer an der Schnittstelle von Leben und Tod bewegt, da er Leben und Sterben durch die "Übersetzung" in tote Bilder (deren Bewegung bekanntermaßen lediglich eine Illusion ist) unsterblich macht.
Bevor sich nun einer fragt, was dieser Exkurs mit einer Sammlung von Musikvideos zu tun hat, sei darauf hingewiesen, daß neben allerlei anderen obskuren Schnipseln aus der filmhistorischen Mottenkiste auch die Electrocution des Elefanten Topsy im zweiten Teil von CLOSURE verwendet wird. Die einzelnen Videos wurden nämlich von Peter Christopherson (Coil) in eine Art Rahmenhandlung eingebettet, die den Film als kohärentes Ganzes erscheinen läßt; besonders sinnfällig etwa im Video zu "Hurt", das rückwärtslaufende Zeitrafferaufnahmen verwesender Tiere zeigt oder im symbolüberladenen "Closer", das durch kunstvoll-künstliche Verschmutzungen und Beschädigungen aussieht, als wäre es irgendwann anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Das Fin de Siècle, Gustav Klimt und Absinth finden sich auch im viktorianisch-morbiden "The Perfect Drug" wieder und machen klar, daß Nine Inch Nails gewissermaßen Teil einer neuen künstlerischen Dekadenzbewegung ist, die klassischen Themen wie Identitätsverlust, Schmerz, grenzgängerischer Sexualität (siehe das Fragment gebliebene Video zu "Sin") und Gewalt zum Ausdruck verhilft und diese mit reichlich Medienkritik von Walter Benjamin über McLuhan bis zu einschlägigen Verschwörungstheorien (etwa die angeblich von irgendwelchen Illuminaten gesteuerte Unterhaltungsindustrie - deutlich erkennbar beispielsweise durch das Metronom und die Anspielung auf den hermetischen Grundsatz "wie oben so unten" in "Closer") sowie Auseinandersetzungen mit organisierter Religion anreichert.

Allerdings hat man sich nach dem Skandal um das Video zu "Happiness in Slavery" wohl nicht getraut, den vollständigen BROKEN-Film in die Anthologie zu integrieren, der Snuff-Teil fehlt komplett und zu "Gave Up" wurde ein neuer Clip gedreht, der nur auf den ersten Blick harmlos erscheint. Denn die Aufnahmen, die die Band beim Musizieren zeigen, enstanden im Tate Mansion, in dem das berüchtigte Manson-Massaker stattfand und das Reznor zur Zeit der "Downward Spiral" als Tonstudio diente. Da verwundert es dann auch nicht, daß Marilyn Manson (hier noch ohne Make-Up) einen kleinen Gastauftritt spendiert bekam.

Ebenso läßt CLOSURE (vermutlich aus lizenzrechtlichen Gründen) das Video zu "Burn" vom NATURAL BORN KILLERS-Soundtrack vermissen, doch die allesamt überdurchschnittlichen Videos sowie das Live-Segment "Eraser/Hurt/Wish" mit seiner experimentellen Bühnenshow, in der die Band hinter einem durchsichtigen Vorhang spielt, auf den diverse Bilder und Filmszenen projiziert werden, sowie die gelungene und zum Nachdenken anregende Präsentation trösten darüber bestens hinweg.

Der Höchstwertung steht aus meiner Sicht nur die etwas dürftige Tonqualität des dokumentarteils im Wege, wenigstens bei den Konzertaufnahmen dürfte man schon Stereoton erwarten. Wie es besser geht, kann man auf der rundum perfekten BESIDE YOU IN TIME-DVD/Blu-Ray oder dem Fanprojekt ANOTHER VERSION OF THE TRUTH sehen, die dafür allerdings auf Aufnahmen hinter den Kulissen verzichten.
Die Musik der Inchies an sich ist nur als genial zu bezeichnen (nie war Lärm komplexer und vielschichtiger) und die Videoclips fügen dem Ganzen eine adäquate visuelle Gestaltung hinzu.

Abschließend noch einige Worte zur Doppel-DVD: Zusätzlich zu gutem Bild und Ton (Disc 1 leider trotzdem in Mono) gibt es als Bonusmaterial noch einen ca. 40minütigen "Appendage", der u. a. den ersten öffentlichen Live-Auftritt sowie Bildmaterial aus den gecancelten ursprünglichen "March of the Pigs" und "Hurt"-Videos zeigt, außerdem gibt es ein ausführliches Making-Of zu "Closer", das man allerdings auch auf der DVD THE WORK OF DIRECTOR MARK ROMANEK zu sehen bekommt. Ob man hierfür den Download riskiert sei jedem selbst überlassen.

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