Zusatzinfos

von Tito

Hinweise zur Legende und zum verfilmten Mythos

Das Bild eines Vampirs ist heutzutage ziemlich vordefiniert. So kann es dazu kommen, dass man etwas befremdet die Gestalten im Film Leptirica anschaut und nicht weiß, was man davon halten soll. Auch fehlendes Wissen an Folklore, Legenden und sonstigen Volksmärchen aus dem Balkanraum, führen zu langen Gesichtern und vielen Fragen. Daher nehme ich die DVD-/BD-Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum zum Anlass, eine kleine Hilfestellung zu geben, um den Film eventuell ein wenig ins rechte Licht zu rücken.

Bei größeren Spoilern warne ich vor.

Zunächst muss gesagt werden, dass die Synchronisation der Ostalgica-Veröffentlichung relativ schlecht ist. Nicht nur von der Qualität her, auch die Übersetzung ist mangelhaft, was aber auch öfters an mangelnde Synonyme innerhalb der deutschen Sprache liegt. Auch die Untertitel bieten keine begnadete Übersetzung, fallen aber deutlich besser und genaugetreuer aus.

Leptirica ist ein TV-Film (RTB - Radiotelevision Belgrad). Es gab weder ein großes Budget noch die Ambition einen großen Effekte- oder Horrorfilm zu drehen. Das Drehbuch ist eine Adaption der Erzählung "Posle devedeset godina" (serbisch für "Nach neunzig Jahren") von Milovan Glišić. Dieser war vor allem bekannt für seine realistischen Erzählungen, die er mit Folklore, Humor, Satire und Kritik anreicherte. In "Posle devedeset godina" hat er die Saga des Untoten Sava Savanović Ende des 19. Jahrhundert niedergeschrieben.

Vampir ist auf dem Balkan zu dieser Zeit gleichbedeutend mit Untoter. Ein Vampir kann in verschiedenen Formen auftreten, nicht nur was seine Gestalt betrifft sondern auch den Typus. So gibt es z. B. laut Volkssage den Succubus, Plakavac oder Drekavac. Sie unterscheiden sich hauptsächlich darin, wie sie den Lebenden schaden. Die einen schreien nur, die anderen verletzen und hetzen, andere brauchen Blut oder gehen der sexuellen Begierde nach.

Neben den Dämonen sind damit Verstorbene, die sich aus Ihren Gräbern erheben (eigentliche Bedeutung des "Vampirs"), Teil des irdischen "Bösen". Weshalb jemand zum Vampir wird, hat mannigfaltige Gründe. Letztendlich sind es verfluchte und bitterböse Seelen, die Schlimmes getan haben oder denen Schlimmes widerfuhr... und selbstverständlich wird man zu einem Vampir, wenn man von einem getötet, gebissen, verletzt oder besessen wird.

Vampire ernähren sich vom menschlichen und tierischen Blut. Sie reißen ihre Beute. Tageslicht tötet sie nicht, schwächt sie aber. Sie sind totenblass, haben aber ein rosiges Gesicht, welches durch das Blut ihrer Opfer warm und hell schimmert. Sie haben lange Fingernägel und Zähne, da diese nach dem Tod des Menschen auch weiter wachsen. Sie suchen mit Vorliebe die Plätze auf, an denen sie als Lebende viel Zeit verbrachten. Sie lauern allen Lebewesen auf und verabscheuen das Leben an sich. Besonders gerne versammeln sie sich mit anderen Dämonen und Geschöpfen der Nacht an Bächen, Flussläufen, Brücken und Wassermühlen. Fließendes Wasser sollen sie aber nicht überqueren können. Sie haben den Zwang, viele Gegenstände zählen zu müssen. Wirft man eine Handvoll Erbsen oder Bohnen vor einem Vampir, kann man so entfliehen. Sie haben einen Drang die heimzusuchen, die sie im Leben besonders gut kannten. Hat man Kontakt mit einem Vampir gehabt, verstirbt man mit Sicherheit binnen der nächsten acht bis zehn Tagen und wird selbst ein Vampir. Er ist in der Lage, selbst durch die engsten Öffnungen, ja sogar durch kleinste Löcher zu schlüpfen. Er bewegt sich lautlos. Ein Vampir kann jedwede Gestalt annehmen. Die von anderen Menschen oder von jedem Tier. Er bevorzugt aber die Gestalt des Wolfes, noch lieber die, eines wolfähnlichen Menschen. Wird der Körper eines Vampirs getötet bzw. unschädlich gemacht, entschlüpft die Essenz des Vampirs in Form einer Fliege oder eines Schmetterlings aus dem Mund des menschlichen Körpers. Diese Essenz kann Erwachsenen nichts anhaben, infiziert aber Kinder. Er ist meistens stumm, doch wenn er einen Schrei von sich lässt, klingt es nach einem gespensitschen Kreischen einer Eule. Der Vampir muss nach bestimmten Vorgaben getötet werden, vor allem die Essenz (oder auch der "Geist") muss gefangen und getötet werden. Ansonsten hat man den Vampir nur vorübergehend unschädlich gemacht. Um einen Vampir kurzzeitig abzuwehren, helfen Knoblauch, Weihwasser oder das Kruzifix am besten. Um ihn zu töten, muss ein Pflock durch seinen Mund (verhindert das Entweichen der Essenz) oder durch das Herz gestoßen werden. Überliefert ist, dass der Vampir danach enthauptet und verbrannt werden muss, dies gilt aber nicht in allen Folklorgeschischten.

Neben den gerissenen Tieren und den Sichtungen durch die Lebenden, lassen sich Vampire vor allem durch ihre Umgebung und Tierverhalten nachweisen. Dichte Hecken, stark dornenbewachsen, Hagebutte, alles in der Nähe von Friedhöfen und Gräbern. Schwarze (unreine) Tiere wie Krähen, die sich nicht fortbewegen wollen. So kann man laut Volkssage das Grab eines Vampirs finden, indem man einen schwarzen Hengst danach suchen lässt. Wenn er sich nicht wegbewegen will, steht er genau auf dem Grab.

Neben Sava Savanović, einer der berühmtesten serbischen Vampiren und oft als Ur-Vampir bezeichnet, gibt es noch viele weitere aus dem ex-jugoslawischen Raum, viele durch österreich-ungarische "Gelehrte" in Schrift festgehalten. Bei Interesse lohnt es sich, sich die Geschichten über Jure Grando (auch Guire Grando), Petar Blagojević (auch Peter Plogojowitz) und Arnold Pavle (auch Arnold Paole) im Netz herauszusuchen. Auf dem Balkan, sind solche Mythen sehr präsent, auch heute wird solchen Mythen und Legenden im ländlichen Bereich viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Geschichte spielt kurz nach dem Tod Savas, da die älteste Frau der Gemeinde noch weiß, wo er beerdigt wurde. Damit spielt die Handlung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in oder in der nähe des Dorfes Zarožje (westliches Serbien), in der Sava damal gelebt haben soll.

Đorđe Kadijević hat für seinen Film ein anderes Ende geschrieben *ACHTUNG SPOILER in Glišić' Erzählung überlebt Strahinja den Angriff in der Wassermühle nur, weil er mit ein, zwei Gewehrladungen (geladen mit je einem Beutel alter türkischer Münzen) auf Sava einschießt und dieser flieht. Auch tötet am Ende Strahinja Sava vollständig und lebt mit Radojka glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Radojka ist somit auch nie vom Vampir bzw. dessen Essenz besessen. SPOILER ENDE*

Die Namen: Strahinja heißt in der Übersetzung so viel wie "der Ernste", "der Furchteinflößende" oder auch "der Furchtlose". Radojka heißt "die Glückliche" oder "die Fröhliche". Živan heißt "der Lebendige", "der Lebende" im Sinne von "der der leben soll". Bereits in der Namenswahl zeigt sich die Bedeutung der Charaktere in der ursprünglichen Geschichte.

Erscheint ein mächtiger Vampir, hören sogar die Bäche auf zu fließen. Deshalb stoppt der Mahlstein der Wassermühle.

Sava nimmt Mehl in die Hand und lässt es angeekelt wieder fallen. Dies kann als Metapher auf das Leben verstanden werden, welches Sava verachtet (Brot als das Leben, lebensnotwendig). Strahinja überlebt nur zufällig, weil er im ganzen Mehl "versteckt" war.

Die sich unterhaltenden Männer, inklusive dem orthodoxen Priester, sind kein "Ältestenrat". Es sind die Familienoberhäupter der im Dorf wohnenden Familien, die auf die Wassermühle als einziege Brotquelle, angewiesen sind. Zu der Zeit waren die Männer die Oberhäupter und Bergdörfer hatten nicht selten nur zwischen 50 und 600 Einwohnern. Mangels größeren Budgets musste auf mehr Schauspieler verzichtet werden. Auch die Oma (Baba Miljana) aus dem Nachbardorf wurde mit einem "Zivilisten" besetzt. Die alte Dame hat sich bereit erklärt, die Rolle zu spielen. Ihrem Blick merkt man deutlich an, dass sie nervös war und keinerlei schauspielerische Erfahrung hatte.

Radojka soll nicht Živans Tochter sein, sondern eine Art Nichte. Auch scheint dieser Familienzweig bereits zu Zeiten der Vorfälle von Sava Savanović in dieser Gegend gelebt haben (Unterhaltung der Dorfbewohner). Trotz der Darsteller von Radojka und Strahinja sind die beiden Protagonisten der Geschichte eigentlich, nach unseren heutigen Maßstäben, noch minderjährig (zur damaligen Zeit jedoch reif genug zum Verheiraten).

Leptir heißt Schmetterling (männlich), Leptirica Schmetterling (weiblich). Bereits Vule, der erste Müller im Film, bemerkt, dass sich Radojka zu einem wunderschönen Schmetterling gewandelt hat. Radojka hat als Charakter mit voller Absicht rote Haare bekommen. Außerdem genießt sie das Gekreische des Vampirs regelrecht, während alle anderen es fürchten und als lästig empfinden.

Der schwarze Hengst gilt als "unreines Tier". Deshalb konnte er das Grab des Vampirs aufspüren. Als er sich partout nicht vom Fleck bewegen wollte, musste er direkt auf dem Grab stehen.

Das Ritual zur Pfählung des Vampirs wurde schlampig durchgeführt, zudem haben sie den Schmetterling entkommen lassen, der aus dem Mund des Leichnams und dann aus dem Sarg entfloh. Dieser kann wie oben erwähnt Erwachsenen nichts anhaben, aber Kindern.

*ACHTUNG SPOILER In einigen Dorfgesprächen scheint sich herauszukristallisieren, dass Radojka in der Filmfassung eine Verwandte oder ein früheres Opfer von Sava ist/war. Živan hat sich ihrer angenommen, wohlwissend, welchen Fluch sie in sich trägt. Deshalb will er sie nicht verheiraten. Später sorgt er dafür, dass der Schmetterling an Radojka herankommt.

Als Radojka auf Strahinja springt, wollte sie ihn nicht beißen. Er sollte zum Grab laufen und den Pflock entfernen. Dadurch kann, nach altem Volksglauben, der nicht korrekt "getötete" Vampir wieder auferstehen. Da der Vampir jede beliebige Körperform annehmen kann, entscheidet er sich für die Gestalt Radojkas. Die eigentliche Radojka verschwindet. Es bleibt unklar, ob sie - durch die Essenz wieder verlassen - vergangen ist oder sich in einen Schmetterling verwandelt hat. Da die Sonne aufgeht, ist Sava schon stark geschwächt, weshalb ihn Strahinja nun vollends mit dem Pflock aufspießen kann.

Es bleibt unklar, ob der Schmetterling am Ende die Essenz Radojkas oder Savas symbolisieren soll. Es wird jedenfalls als grundsätzlich schlechtes Omen verstanden und entwuchs nur dem Szenario, das Đorđe Kadijević geschrieben hat. SPOILER ENDE*

Ich hoffe hiermit die ein oder andere Frage beantwortet zu haben. Im Hinblick auf die Erzählung "Nach neunzig Tagen" ist Leptirica wirklich ein großartiger Film und die erste jugoslawische "Horror-" Produktion, eine folkloristisches Märchen. Wer Vampirfilme nach heutigen Maßstäben sucht und vor allem nach Dracula, Underworld und Co., wird hier nicht fündig und auch nicht glücklich (unterhalten).

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