Review
von Leimbacher-Mario
Charlie's dunkelste Seite
Charlie Chaplin - auch wenn man als erstes immer an seinen hilflosen wie im Endeffekt gutherzigen Tramp denken muss, weiß jeder, der sich nur halbwegs für Filme interessiert, dass hinter diesem Mann & dieser Kunstfigur, noch viel mehr steckt. Die Legende setzt sich auch aus seinen realen Skandalen (Frauenheld, nicht immer umgänglich, nicht immer pro USA), seinen einzigartigen Erfolgen, seinen ikonischen Bildern, seinem Regietalent, dem Karma & seiner weltbürgerlichen Anschauung zusammen - um nur ein paar Eckpfeiler zu nennen. Im eher unbekannten aber nicht minder genialen Herzensprojekt "Monsieur Verdoux", stellt Charlie Chaplin seine Welt, seinen Charakter auf den Kopf. Und das damalige Publikum auf eine zu große Probe.
In dem manchmal ungleichmäßigen aber eigentlich bis in die Fingerspitzen genialen Werk, spielt Chaplin einen Bigamist, einen Ehefrauenmörder, einen eiskalten Dieb, einen kultivierten, etwas tollpatschigen Hannibal Lector light. Unglaublich, aber wahr. Und einfach traumhaft von der Hollywood-Legende gespielt, wie auch in etlichen weiteren Rollen hinter der Kamera umgesetzt. Eigentlich ist "Monsieur Verdoux" der böse Spiegel für seine eigene Karriere & Welt, seine zynische Krönung & mehr als ein Warnschuss vor die Füße einer eiskalten Gesellschaft. Er schuf eine lustig-nette Tötungsmaschine, die klar bei Verstand ist & von keinem noch so laschen System der Welt nur Bewährung oder Psychiatrie kriegen würde. Alles ist bewusst, gewollt, instinktiv & böse - genau das, was in uns allen steckt. Wir sind der Tramp genauso wie Verdoux - ein ewiger Kampf & zwei Seiten einer Medaille.
Wie Chaplin es hier schafft, dass wir Sympathie, Bedauern & sogar bis zu einem gewissen Punkt Verständnis für den Tramp-Gegenpart empfinden, ist vielleicht der größte Trick, den man sich zu der Zeit hätte denken können. Charlie's bester Trick war wohl, die Menschheit glauben zu lassen, der Tramp könne keiner Fliege was zu leide tun - nur um mit fast 60 diese späte Pointe aus dem schwarzen Ärmel zu ziehen. Am besten haben mir zwar immer noch die leichteren Comedy-Momente gefallen, wie schiefgegangene Mordversuche oder typische Versteckspiele, aber auch die dunklen Seiten, schattiger & giftiger denn je, sind verstörend & beeindruckend. Vor allem die letzten Minuten, in denen der kultivierte Killer sich fassen lässt & der Welt von oben herab, ohne Reue, nur mit kalter Intelligenz zeigt, wie verdorben sie selbst & er nur ein kleines Rad darin ist, lässt einen schwer schlucken. Eine Art Vorläufer von Keyser Soze & John Doe. Nun wird "Monsieur Verdoux" nach 70 Jahren völlig zu Recht als eines seiner größten Werke gewürdigt - besser spät als nie!
Fazit: auch wenn man Charlie Chaplin so nicht im Kopf behalten wird, ist die Rolle vielleicht seine beeindruckendste & der Film sein unterschätztester. Charmanter war ein schwarzer Witwer nie mehr, cleverer & seiner Zeit voraus, wurde einer Welt selten ein Spiegel vorgehalten!