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Exzentriker, Narzisst, Playboy und Alkoholiker. Es gibt ihn noch, den wahren Helden.

Die Grundidee rund um den milliardenschweren Waffenproduzenten Tony Stark, der sich aus immer anderen, aber stets aktuellen Gründen eine gold-gelbe Rüstung umschnallt und gegen das, wie auch immer geartete, Böse ins Feld zieht, stammt wie nahezu 90% aller bekannten Marvelheldeninitiationsgeschichten aus der Feder von Stan „The Man“ Lee.

Die Entstehungsgeschichte seiner Rüstung (und somit auch des Helden Iron Man selbst) hat sich über die Jahre hinweg immer wieder verändert. In den 60ern baute er das gold-gelbe Wunderding noch als Gefangener des Viet Cong, etwas später erschuf er sie zumeist im Zuge seiner Gefangenschaft während des ersten Golfkrieges und im aktuellen Film dient ihm die Entführung durch eine Terroristenzelle als Anreiz für den Bau. Obwohl man seine Bekanntheit nicht mit jener von Superman oder Spiderman vergleichen kann und Iron Man sich speziell im deutschsprachigen Raum nie wirklich durchsetzen konnte, erfreut sich die Figur des exzentrischen Alkoholikers und zwanghaften Playboys schon seit Jahrzehnten einer großen Fangemeinde. Vor allem seine kontroversen Auftritte als Mitglied der Rächer (Avengers) sind über die amerikanischen Grenzen hinaus bekannt.

Als vor mehr als zwei Jahren die ersten Gerüchte durchs Web 2.0 geisterten, dass man sich schlussendlich wirklich an eine Verfilmung des Eisernen machen wollte, sah ich sofort Bilder des „Hulk“-Fiaskos und des effektmäßig tollen, aber leeren „Superman Returns“ vor meinem inneren Auge aufblitzen. An Rohrkrepierer wie „Ghost Rider“ oder die „Fantastic Four 2“-Todgeburt, die 2007 mein Leben bereicherten, wollte ich kurz vor Filmstart nicht einmal denken.

Erste Bilder versprachen jedoch eine realistische Einbettung des Themas, eine nur partiell fortschreitende Entwicklung der Rüstung und nach der Einberufung von Robert Downey Jr. eine Idealbesetzung von Tony Stark. Der neueste Trailer schließlich ließ einen humorvollen, pointierten und actionreichen, aber auch unterschwellig kritischen Blockbuster der Extraklasse erwarten. Am 30.04.08 feierte die erste eigene Marvel-Produktion, deren Filmrechte schon Anfang der 90er verkauft wurden und erst 2005 an Marvel zurückfielen, schließlich bei uns in der Alpenrepublik ihre Premiere. Einziger Wehrmutstropfen. Der Film läuft im deutschsprachigen Raum nur als um einige Szenen gekürzte und jeglicher Brutalität beraubte Kindergartenversion (ab 12). Danke FSK, dass ihr auch den Kleinsten die Möglichkeit gebt diesen Film im Kino genießen zu können.

Tony Stark ist Multimilliardär, Exzentriker, Lebemann, Genie und ganz nebenbei der erfolgreichste Waffenproduzent der Welt. Nach der erfolgreichen Demonstration seiner neuesten Wunderwaffe, der Jericho, in Afghanistan wird er von Terroristen entführt und gezwungen eine Massenvernichtungswaffe für sie zu entwickeln. Anstelle der geforderten Rakete fertigt Stark jedoch einen nahezu unzerstörbaren Anzug an, mit dem ihm schließlich auch die Flucht gelingt. Nicht bereit seine Rüstung zu Grabe zu tragen zieht er sich aus dem Waffenproduktionsbereich zurück und entwickelt den Anzug weiter. Nicht lange nach Fertigstellung der selbigen hat er schließlich auch die Gelegenheit sie an verschiedenen Gegnern zu testen und die Funktionsfähigkeit der Rüstung zu überprüfen.

Regisseur und Schauspieler Jon Favreau, der zwar noch keine Comicverfilmung in seinem Lebenslauf gelistet hat, aber im Zuge der Jugendbuchverfilmung „Zathura“ erste Erfahrungen im Special-Effektsbereich sammeln konnte, ist mit „Iron Man“ der große Wurf gelungen. Er hat nicht nur wider aller Erwartungen die 180 Millionen Dollar schwere Produktion planmäßig fertiggestellt und mit Robert Downey Jr. einen idealen, aber schwierigen Hauptdarsteller gewonnen und zu Höchstleitungen angespornt, sondern auch auf Anhieb an der Boxofficefront überzeugen können (102 Millionen Dollar am Startwochenende in den USA).

Favreau ist aber bei weitem nicht die erste Person, die es sich im Regiestuhl der Multimillionendollarproduktion bequem machte. Im Laufe der jahrelangen Postproduktionsphase verschliss man einige Regisseure, wobei zwischenzeitlich sogar Nick Cassavetes („John Q“, „Alpha Dog“) diesen lukrativen Platz einnahm (Fanproteste mit eingeschlossen).
Doch der Regieposten war nicht die einzige flexible Position dieser Produktion. Von Tom Cruise bis Nicolas Cage reicht die Liste der durchaus prominenten Hollywooddarsteller, die zwischenzeitlich als potentielle Hauptdarsteller mit dem Projekt in Verbindung gebracht wurden. Gott sei Dank hat Robert Downey den Vorzug bekommen. Beim Gedanken an Nicolas Cage als Iron Man wird mir jetzt noch schlecht. Da hätte ich mich wahrscheinlich auf einen melancholisch herum watschelnden Tony Stark mit Toupet und Hundeblick freuen können.

Ein besonderer Pluspunkt des Films ist der an allen Ecken erkennbare Versuch ein eigenes Universum zu erschaffen und somit über die Grenzen eines Films, ja sogar eines Helden hinweg zudenken und -planen. Terrence Howards Nebenrolle als Jim „Rhodey“ Rhodes aka War Machine und dessen ironische Aussage („Irgendwann!“) nach einem Blick auf Starks Zweitrüstung ist der erste Hinweis darauf. Robert Downey Jr. hat im Streifen „The Incredible Hulk“ einen Gastauftritt als Tony Stark und des Weiteren wird am Ende von „Iron Man“ mal so nebenbei S.H.I.E.L.D., die legendäre Antiterrororganisation, die auch öfter mit dem Punisher kooperiert, eingeführt. Somit schafft man sich die Möglichkeit im Comicbereich schon lange übliche, aber auf Grund von rechtlichen Streitigkeiten im Film selten umgesetzte, Heldencrossover zu erschaffen. Dem geplanten Rächer (Avenger) Film steht also nichts mehr im Weg. Leider ist der angekündigte Auftritt von Samuel L. Jackson als Nick Fury (Chef von S.H.I.E.L.D.) irgendwie dem Schneideraum zum Opfer gefallen (und auf einen 20 Sekundenquickie nach dem Abspann gekürzt worden), wobei die weiteren, bereits abgedrehten, Szenen höchstwahrscheinlich auf DVD enthalten sein werden.

Effekttechnisch setzt der Film nach dem nahezu perfekten „Transformers“ neue Maßstäbe. Fantastische Flugsequenzen, bombastische Explosionen und tolle Kämpfe führen dem gewillten Betrachter vor Augen, was man heutzutage mit genügend Geld, etwas Fantasie und guten Rechnern alles machen kann.

Aber nicht nur die Effekte und Actionszenen wissen zu überzeugen. Auch die Darsteller, angeführt von einem genial agierenden Robert Downey Jr. machen ihre Sache mehr als gut. Sie sind keine bloßen Abziehbilder sondern durchaus realistische Charakter. Soweit das Wort realistisch, im Zusammenhang mit einer Superheldenverfilmung, benutzt werden kann.

Zu erwähnen wären Gwyneth Paltrow als Virginia „Pepper“ Potts, Tony Starks treu ergebene Assistentin, der bereits genannte Terrence Howard als Jim „Rhodey“ Rhodes aka War Machine und Jeff Bridges (kaum wiederzuerkennen mit Glatze und Vollbart bewaffnet) als Obadiah Stane aka Iron Monger, dem Endgegner von Iron Man. Ursprünglich wollte man Mandarin, Iron Mans Erzfeind, als Endgegner, aber dessen Magie wollte nicht so recht zum realen Setting des Films (Waffenlobby, Bürgerkriege, Entführungen, Terror) passen. Für weitere Filme wird er aber als Gegner nicht ausgeschlossen. Stan Lees Gastauftritt als Hugh Hefner Double soll an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden.

Das schwere Alkoholproblem von Tony Stark hat man im Film noch weitgehen ausgespart (abgesehen davon, dass er sogar in der Wüste Whiskey trinkt), da dieser Teil von Starks Persönlichkeit den Produzenten zu düster war. Doch auch das soll sich in weiteren Teilen ändern.

Die Filmmusik ist eine perfekt abgestimmte Mischung aus harten Musikstücken und klassischer Filmmusik, wobei mich vor allem die pulstreibenden Rocksongs mitgerissen haben.

Fazit
Ein humorvoller, aber auch ernster, actionreicher, aber auch (etwas) kritischer, effekttechnisch hochklassiger, aber auch schauspielerisch toller und natürlich mit (sympathischen) Comicklischees belasteter Superheldenfilm der Extraklasse.

„Iron Man“ ist auf jeden Fall ein Kinoticket wert, da es sicherlich keine bessere Art gibt dieses laute und bombastische Actionfeuerwerk zu genießen, als mit einer Tüte Popcorn und einem Cola bewaffnet und auf die große Leinwand starrend.

Laut dem deutschen Filmmagazin Moviestar sind schon jetzt zwei Fortsetzungen und zumindest ein Spin Off geplant (von weiteren filmübergreifenden Gastauftritten gar nicht erst zu reden). Das wiederum ist weder verwunderlich noch störend. Im Gegenteil. Ich persönlich freue mich schon auf einen weiteren Abenteuerausflug mit dem Eisernen.

Nachsatz
Nach „Transformers“ und „Iron Man“ steht einer Realverfilmung von Neon Genesis Evangelion, die dieser Serie auch würdig ist, nichts mehr im Weg.
In dem Sinne: Hoffen dass es (zumindest effekttechnisch) so weiter geht.

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