Review

« Jusqu’ici tout va bien.
L’important c’est pas la chute.
L’important c’est l’atterrissage. »
Ein Pariser Vorort. Genau wie jene Vororte, die erst vor kurzem Austragungsort gewalttätiger Aufstände waren. Genau solche Aufstände sind es, die den Film einleiten. Wir sehen wütende Massen, brennende Autos, aufmarschierende Polizeieinheiten. Es sind verwackelte Aufnahmen, mit einer Fernsehkamera aufgezeichnet und mit Bob Marleys „Burnin’ and Lootin’“ unterlegt. Von der Nachrichtensprecherin erfahren wir auch, dass ein Araber namens Abdel von der Polizei schwer verwundet wurde und eine Dienstwaffe verschwunden ist.
Überleitung zu Vinz, Hubert und Saïd, Freunde von Abdel und auch Finder der verschwundenen Waffe. Sie sind ein Produkt jener Pariser Vororte. Ohne Beschäftigung, ohne besondere Schulbildung, ohne wirkliche Perspektiven und voller angestauter Aggression, die sich jederzeit entladen könnte. Sie sind es, die wir nun einen Tag begleiten werden, die wir beobachten bei Streitereien, Würstchendiebstahl, Konflikten mit Skins, einem respektlosen Besuch bei einer Vernissage oder auch dem Zusammenleben mit ihrer Familie. Es ist ein normaler Tag und alles geht gut. Bis zum Aufschlag.
Einer der wichtigsten Aspekte des Films ist die Charakterzeichnung der drei Hauptfiguren. Auch wenn sie sich zu großen Teilen durch ihre Aggressionen definieren, haben sie durchaus ihre netten Seiten. Während Vinz noch der unberechenbarste des Trios ist, ist Hubert oft der, der gewisse Situationen beruhigen will, bevor sie zu sehr eskalieren oder den man auch fernab der Straßenkultur bei seiner Mutter und seiner Schwester erleben kann. Anders als beispielsweise Larry Clarks in meinen Augen unterirdisches Werk „Kids“ lässt der Film Graustufen und Positives zu, anstatt von vorne bis hinten ein einziges Elend von Film vollgestopft mit hassenswerten Figuren präsentieren zu wollen. Kassovitz’ Figuren sind sicherlich keine absoluten Sympathieträger, aber sie sind nachvollziehbar. Wer Teil einer Randgesellschaft ist, in der Gesetze und Regeln eher nebensächlich sind und die vom Staat völlig vernachlässigt wird, kann auf ebenjenen Staat fast nur Hass entwickeln.
Stellvertretend für die Situation der Jugendlichen ist dann die kleine Parabel die Hubert im Laufe des Films Saïd erzählt: Ein Mann fällt aus dem fünfzigsten Stockwerk eines Hochhauses. Bei jeder Etage sagt er sich: „Bis hierhin läuft noch alles gut. Bis hierhin läuft noch alles gut. Bis hierhin läuft noch alles gut...“ Denn was zählt, ist nicht der Fall, sondern die Landung.
Dementsprechend verhalten sich Hubert, Vinz und Saïd. Sie tun, was sie wollen, ohne sich wirklich Gedanken über die Konsequenzen zu machen, so lange alles noch gut läuft. Interessanterweise realisiert Hubert sogar, dass er und seine Freunde sich im freien Fall befinden und der Boden zwar noch nicht auszumachen, aber sicherlich vorhanden ist, doch es kümmert ihn kaum, da er nichts zu verlieren zu haben glaubt.
Mehr noch lässt sich diese Parabel aber auf eine Gesellschaft übertragen, die ihre Augen verschließt vor den eigenen Problem-Zonen. Es ist offensichtlich, dass die Lage alles andere als rosig ist, doch warum sollte man etwas unternehmen, wenn doch die Gewalt brav unter ihrer Käseglocke bleibt und dem unbescholtenen Bürger nichts anhaben kann? Erst die totale Eskalation kann die Aufmerksamkeit auf sich lenken, doch mit dem Ausbruch der Aufstände ist es bereits zu spät. Das Chaos, das noch vor kurzem in den Straßen Pariser Vororte herrschte, zeigt, dass diese Thematik auch nach dem zehnjährigen Jubiläum des Films leider nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.
Mathieu Kassovitz ist ohne Zweifel ein beeindruckendes Werk gelungen, das trotz dem Mangel einer kohärenten Handlungskurve zu fesseln vermag und einen mit seinen kristallklaren Schwarz-Weiß-Bildern in den Bann ziehen kann. Dank der plastischen Charaktere und vor allem wegen des eindringlichen, bitteren Endes krallt es sich im Zuschauer fest. Hart, aber auf jeden Fall lohnenswert.

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