Vincent Cassel schlägt sich mit zwei Freunden durch die Slums von Paris.
Story:
Vinz (Vincent Cassel), Hubert (Hubert Koundé) und Saïd (Saïd Taghmaoui) sind drei Freunde, die in den Vorstädten von Paris leben. Der Film schildert 24 Stunden ihres täglichen Lebens. Dabei streifen sie durch die Stadt, treffen Freunden und bauen Aggressionen ab. Problematisch wird es, wenn sie der Polizei über den Weg laufen. Als sie erfahren, dass ihr Freund Abdel von Polizisten schwer verletzt wurde, steigt Hass in ihnen auf. Sie wollen Blutrache...
Kassovitz erzählt mit diesem Jugenddrama im Jugendstil das Schicksal vieler Jugendlicher in Frankreich. Aufgeteilt in einzelne Zeitabschnitte verfolgt der Zuschauer die drei Freunde, die sich zusammen oder einzeln durch den Film schlagen. Eindringlich macht der Film die Perspektivlosigkeit der Jugend und die daraus resultierende Gewalt bewusst. Schließlich kommt es sogar untereinander zu Streitigkeiten. Das Ende ist wie so oft bei einem Jugenddrama tragisch...
Musik:
Bis auf die anfängliche Untermalung der Straßenschlachten verzichtet Kassovitz auf Musik und erhöht so das realistische Gefühl. Nur eins der vielen Stilmittel, um den Film „ehrlicher“ erscheinen zu lassen. Bis auf vereinzeltes Auftreten von französischer Hiphopmusik kommt der Film hervorragend ohne Musik aus. Bildergewalt und Schauspieler dominieren.
Atmosphäre:
Neben „Kids“ gehört „Hass“ zu den besten Jugenddramen die ich bisher gesehen habe. Während „Kids“ aber ein anderes ernstes Thema angeht und dabei ab und zu noch zum Lachen anregen kann, ist „Hass“ schwer verdauliche Kost.
Der Film ist komplett in schwarz/weiß gedreht, was die pessimistische Haltung und den Realismus erhöht. Das Intro mit Straßenschlachten und fröhlicher Musik sorgt dafür, dass dem Zuschauer schnell klar wird, worum es eigentlich geht.
„Hass“ beginnt an einem ganz normalen Morgen nach einer Straßenschlacht und wird 24 Stunden später tragisch enden.
Der Albaner Saïd holt seinen Kumpel Vinz von zu Hause ab. Der ist noch völlig von der letzten Straßenschlacht verpennt. Beide besuchen ihren gemeinsamen Freund Hubert, der eine kleine Boxhalle betreibt. Sie viel den nächtlichen Straßenschlachten ebenfalls zum Opfer. Schon in den ersten Minuten wird klar, dass man es mit 3 verschiedenen Charakteren zu tun hat.
Vinz ist ein brodelndes Aggressionsfass, das keine Perspektiven hat. Abbauen kann er seine Wut mit purer Gewalt. Im Film merkt man, wie bei ihm langsam aber sicher sämtliche Sicherungen durchknallen. Er will den Tod seines Freundes rechen, denn: Die Polizei ist an allem schuld. Vinz und Saïds wahre Persönlichkeiten werden schon allein durch den Spiegel wiedergegeben, wenn sie sich mal so richtig gehen lassen.
Hubert, ein Afrikaner, ist der „vernünftigste“ des Trios. Er versucht verzweifelt etwas aus seinem Leben zu machen und hat sich von gewalttätigen Aktivitäten distanziert. Seine kleine Boxhalle, die er sich aufgebaut hat, wird zum Staat bezuschusst. Als sie abbrennt, steht aber auch er vor dem Nichts.
Saïd, ein Albaner, ist die Frohnatur. Ewig gut gelaunt plappert er fröhlich vor sich hin. Oft riskiert er dabei eine zu große Lippe, oft quatscht er belangloses Zeug. Er lebt sein Leben, ohne zu merken, dass er keine Zukunft hat. Aber das interessiert ihn auch nicht wirklich.
Großartige Leistung wird auf der Dialogebene geleistet. Da knallen sich Vinz und Saïd schon mal über längere Zeit Sätze um die Ohren, ohne das ein Schnitt erfolgt. Lob an die Schauspieler, denn dieses Gebrabbel ohne Fehler herunterzuspielen ist eine große Leistung. Als Location wurden die „Slums“ von Paris gewählt. Die Inszenierung erinnert so an die amerikanischen Vorbilder.
Das Trio zieht nun durch die Stadt (Arbeit haben sie nicht), trinken, kiffen und stehlen. Oft kommt man dabei in Konflikt mit der Polizei. Diese reagiert oft überzogen und zu gewalttätig.
Da ist es für die drei eine richtige Abwechslung in der Innenstadt einen freundlichen Polizisten zu treffen. Deutliche Kritik am französischen Polizeiwesen wird hier laut, denn nur die wenigsten zeigen Verständnis für die Jugendlichen. Allein das Verhör von Hubert und Saïd ist eine Farce.
Durch das Treffen eines Mannes auf einer öffentlichen Toilette wird aber auch Kritik an der Jugendkultur geübt. Bis zum Ende können sich die drei nicht vorstellen, was der alte Mann ihnen mit der Geschichte sagen wollte....
Die belanglosen Gespräche und Taten der drei zeigen, dass anscheinend nichts, aber auch gar nichts für diese Schicht in Frankreich getan wird. So richtet sich der Zorn der Jugendlichen gegen den Staat, der in diesem Film durch die Polizei vertreten wird. Bis auf einen kurzen Blick auf den Bürgermeister erhascht man kein Gesicht eines Politikers.
Nachdem Abdel gestorben ist, droht Pulverfass Vinz zu explodieren. Im Traum malt er sich aus, wie er einen Polizisten umbringt. Seine Freunde haben indes die Schnauze voll, so weit wollen sie jetzt doch nicht gehen und hauen ab. Als sie um eine Ecke biegen stoßen sie auf Skins. Ein Albaner und ein Schwarzer sind gefundenes Fressen für sie, doch Vinz ist ihnen gefolgt. Mit einer erbeuteten Polizeiwaffe rettet er ihnen das Leben.
Der Heimweg endet tragisch, als sich die drei verabschieden uns auseinander gehen, fährt ein Polizeistreifen vor. Wegen einer Überreaktion eines Polizisten wird Vinz erschossen, Hubert will ihm zur Hilfe kommen.... ENDE
Kassovitz lieferte hier eine markerschütterende, schonungslose Kritik zum französischen Jugendproblem. Dabei steht die Staatskritik im Vordergrund, aber auch die Jugendlichen müssen sich Kritik gefallen lassen. Beide Seiten beharren auf ihren Standpunkten und sind von Vorurteilen geprägt. Eine Lösung liefert dieser Film nicht, aber die wird so schnell auch nicht gefunden werden.
Schauspieler:
Vincent Cassel ist als brodelnder Vinz der beste Schauspieler im Film und untermauerte sein Können ja jüngst mit „Die purpurnen Flüsse“ und „Pakt der Wölfe“. Dank Glatze, ewig provokanten Auftreten und Unbeherrschtheit verkörpert er den Inbegriff des idealelosen Jugendlichen. Gewalt ist sein einziges Ventil, obwohl das bestimmt nicht zum Ziel führt.
Hubert Koundé spielt als Afrikaner den ruhigen und überlegten Freund, der sich aus den ganzen Streitereien am liebsten raushalten würde. Nach der Zerstörung seiner Boxschule zieht er aber wieder mit seinen Freunden los. Für den Zuschauer ist er die sympathischste Figur im Film, denn er neigt nur selten zu Wutausbrüchen. Klasse gespielter, ab und zu etwas undurchschaubarer Charakter.
Saïd Taghmaoui scheint als Saïd Taghmaoui nur sich selber zu spielen. Das Plappermaul ist die Frohnatur. Der Albaner erinnert dabei mehr an ein aufbrausender Italiener. In Wirklichkeit spielt er sich aber nur auf, was man bei dem Zusammentreffen, mit seinem Bruder mitbekommt. Imponiert haben mir besonders seine Monologe. Wer so viel text auf einmal im Kopf behält, muss echt was auf dem Kasten haben.
Fazit:
Ehrlich, kritisch, pessimistisch, schonungslos. Mit diesen vier Worten kann man den Charakter des Films wohl am besten beschreiben. Ein intensiver und realistischer Blick auf eine Jugend, die keine Zukunft hat. Klasse gespielt von den Hauptdarstellern. Anspruchsvolles Drama: Ansehen ist Pflicht