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Mathieu Kassovitz’ erster großer Debütfilm „La Haine“ war weltweit ein großer Erfolg, da sein Film die Zustände in den Vororten Frankreichs anprangerte. Auch wenn der Film bereits 1995 entstand, ist er aktuell wie eh und je, was die jüngsten Ausschreitungen 2005 wieder mal beweisen.


Ein Banlieue irgendwo vor Paris. Hier leben Vinz (Vincent Cassel) und seine beiden Kollegen Said und Hubert. Vinz ist Jude, seine Freunde Said Araber und Hubert Afrikaner und ohne Chance im weiteren Leben. So lungern sie rum, nehmen teilweise Drogen und versuchen, gegen das System zu kämpfen. Der Zuschauer begleitet die drei knapp 24 Stunden.
Der Film steigt ein, als gerade wieder große Unruhe das Viertel herrscht. Nach Kämpfen mit der Polizei liegt Abdel, ein Freund von Vinz und den anderen, im Koma, nachdem er von der Polizei zusammengeschlagen wurde. Dies heizt die Stimmung unter den Jugendlichen weiter an. Hinzu kommt diesmal, dass ein Polizist seine Waffe verloren hat, die bis dato aber nicht mehr aufgetaucht ist. Vinz, der die Waffe heimlich besitzt, schwört Rache, falls Abdel sterben sollte. Durch die Waffe und seine immer aggressivere Art bringt er sich und seine Freunde immer wieder in gefährliche Situationen, bis es gegen Ende zur Katastrophe kommt...


Schon zu Begin merkt der Zuschauer, dass er es hier fast nicht mehr mit einem Film zu tun hat, sondern eher mit einer Dokumentation. Kassovitz lässt die Darsteller fast sich selbst spielen. Jeder hat seinen realen Vornamen, dazu wurde der Film in einen tristen schwarz-weiß gedreht, um im Film jeden positiven Aspekt gleich im Keim zu ersticken. So agieren auch die Akteure.
Vinz ist voller Hass gegen das System, gegen die Polizei, welche seinen „Bruder“ Abdel auf den gewissen hat. Er ist immer dabei, wenn es darum geht, sich Straßenschlachten gegen die Polizei zu liefern. In jeder Sekunde erwartet man, dass die Person Vinz explodiert und seine Androhungen wahr macht, das Gleichgewicht, falls Abdel stirbt, wieder herzustellen, was natürlich den Tod eines Polizisten bedeutet.
Said steht mehr in der Mitte, auf der einen Seite ist er ebenfalls gegen das System, erkennt aber auch, dass man durch die Straßenschlachten nichts erreichen wird. So flüchtet er in die Rolle des Spaßmachers der Gruppe, der auch dann mal Witze erzählt, wenn sie eigentlich nicht angebracht sind.
Das fast komplette Gegenteil der Gruppe ist Hubert, der eigentlich weiß, dass er nicht in das Viertel gehört, aber hier nie rauskommen wird. Hubert hat versucht, den Jugendlichen in seinem Freizeitheim eine Perspektive zu geben. Nach den jüngsten Unruhen liegt sein Freizeitheim aber fast in Schutt und Asche, so dass auch Hubert langsam resigniert.

Die Grundstimmung in „La Haine“, ist nicht nur wegen der nicht vorhandenen Farbe immer pessimistisch. Der Zuschauer erkennt sofort, hier wird sich nie was ändern und die Jugendlichen sind ohne Chance. Sie kommen aus einer Gegend, in der man gesellschaftlich keine Chance haben wird und müssen sich mit teilweise rassistischen Polizisten rumschlagen, die nur aus Spaß an der Freud die Jugendlichen tyrannisieren und quälen. So gibt es in „La Haine“ eigentlich keine positive Identifikationsfigur, da fast alle schlecht dargestellt werden. So zeigt Kassovitz aber auch, dass die Probleme nicht nur von einer Seite aus hergehen, sondern alle an diesen immer noch offenen Konflikt schuld sind. Und wer in letzter Zeit nur mal ein wenig die Nachrichten verfolgt hat, erkennt, dass das Thema von Kassovitz nichts an Aktualität verloren hat, ganz im Gegenteil.

Durch die Art und Weise, wie Kassovitz den Film gedreht hat, wirkt er absolut realistisch. „La Haine“ bietet keine Handlung, die man Schritt für Schritt verfolgen kann, es sind einfach knapp 24 Stunden im Leben von Jugendlichen in einem Vorort von Paris. Genau so ist die Sprache, bei dem eigentlich fast nie ein Familienmitglied des anderen nicht beleidigt wird oder Streitereien an der Tagesordnung sind.

Das Ende kommt überraschend, schonungslos ehrlich und lässt dem Zuschauer noch genug Platz für eine eigene Interpretation, wie der Film weitergehen wird. Umso brutaler ist aber, dass Kassovitz plötzlich die Person in den Fokus stellt, die eigentlich am wenigsten diese Eskalation wollte.


Fazit: „La Haine“ ist eine Dokumentation über die Zustände in den Vororten einer Stadt wie Paris. Dort leben Menschen, die scheinbar von den Franzosen nicht akzeptiert werden und mit welchen man nicht zusammen leben will. So leben in diesen Vororten Minderheiten wie Araber, Afrikaner und Juden, die täglich um das eigene Überleben kämpfen aber genau wissen, dass sie eigentlich keine Chance haben.
„La Haine“ hat keine wirkliche Handlung, er zeigt den Ausschnitt aus dem Leben von drei Jugendlichen aus diesem Vorort. Ihr alltäglicher Kampf gegen die Polizei und das System.
Das mag einigen langweilig erscheinen, da der Film weder Actionszenen, noch andere Aktionen dieser Art bietet. Er liefert nur einen realistischen Einblick in das Leben und die Sprache der Jugendlichen, welche vom System aufgegeben würden. Kassovitz’ Film ist einfach nur bitter real. Großes französisches Kino.

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