Avery Ludlow (Brian Cox) ist ein alter, einsamer Mann. Er hat keine Familie mehr und umgibt sich nur selten mit den ihm wohl gesonnen Bürgern einer ländlichen Gemeinde. Einzig sein ebenfalls hoch betagter Hund leistet ihm Gesellschaft. Trotz einer Unzahl an erlittenen Schicksalsschlägen in der Vergangenheit lässt sich Ludlow nicht unterkriegen und macht im Ruhestand das Beste aus den Bruchstücken seines Lebens. Eine Freizeitbeschäftigung, die es Ludlow erlaubt, allein mit seinen Gedanken zu sein, ist das Angeln. Doch als er eines Tages am örtlichen See seinem Hobby nachgeht, wird er von einer Gruppe Jugendlicher belästigt, die in der Folge aus purer Bosheit seinen Hund erschießen und ihm damit auch den letzten Weggefährten nehmen. Ludlow macht die Identität der Jungen ausfindig und wird beim Vater - exzellent und restlos überzeugend dargestellt von Tom Sizemore - eines der Jungen vorstellig. Der hält jedoch zu seinem Sohn und verweigert Ludlow die von ihm höflich, aber resolut vorgetragene Bitte um Entschuldigung. Doch der verbitterte alte Mann bleibt renitent, obwohl er merkt, dass sein Gegenüber zunehmend seine politischen Beziehungen spielen lässt, um ihn loszuwerden.
„Red" ist ein äußerst behutsam inszenierter Film, der nicht auf Hauruck-Dramatik oder reißerische Selbstjustiz setzt, sondern die Rücksichtslosigkeit einiger Zeitgenossen kommentiert, indem er eine spannende Geschichte um das Streben nach Gerechtigkeit und Zivilcourage spinnt. Weder schießt sich Ludlow in Paul Kerseyscher Manier den Weg zur Gerechtigkeit frei, noch liefert er eine friedfertig versöhnliche Botschaft ab. Selbstjustiz ist nicht das Stichwort, mit dem sich Genre und Inhalt des Films bestimmen beziehungsweise zusammenfassen lassen. Eher mutet „Red", der für den Namen des getöteten Vierbeiners Ludlows steht, wie ein Stück durchaus aus dem Leben gegriffenes Drama an, das schlicht die Frage stellt, wie man mit Menschen ohne Anstand und Charakter umgehen sollte. Der Film mahnt diesbezüglich letztendlich dazu, Rücksichtslosigkeit und Unrecht nicht - ungestraft - geschehen zu lassen.
Derzeit sind Filme um Selbstjustiz oder kriminelle Jugendliche populär - und das womöglich nicht ohne Grund. So wurde die Filmlandschaft in den letzten Jahren nicht nur mit Rachefilmen überschüttet, sondern auch das Feld „Erwachsenenkriminalität bei der Jugend" wird neuerdings hinreichend filmisch beackert („While she was out" [2008] / „Eden Lake" [2008]). Ähnlich wie James Watkins „Eden Lake", der wahre Monster an Jugendlichen auf zwei harmlose Touristen losließ und dies erschreckend realistisch umsetzte, legt „Red" den Fokus auf die Gewaltbereitschaft einer Gruppe Jugendlicher, die altersungemäß ihr überreiches Freizeitangebot mit der Aggression Erwachsener würzen. Leider entspricht das nicht nur filmisch Fiktivem, sondern erinnert an die Realität, die beim morgendlichen Zeitungsaufschlagen zu oft bitter ins Gedächtnis gerufen wird. Die Langeweile vieler Jugendlicher kombiniert mit - oft nur gefühlter - Perspektivlosigkeit und gesellschaftlicher Werteverlustigkeit gebiert auch in der Wirklichkeit immer häufiger eine zuvor nie dagewesene Rücksichtslosigkeit und Bosheit bei einigen jungen Menschen. Diese unbequeme gesellschaftliche Entwicklung greifen Filme wie „Red" beziehungsweise seine Romanvorlage thematisch auf - und das ist völlig legitim.
„Red" ist ein auf ganzer Linie überzeugender Beitrag zum Thema Gerechtigkeit und Zivilcourage, der nicht zuletzt aufgrund seiner - zum Ende hin allerdings etwas strapazierten - Parallelen zum wahren Leben unter die Haut geht.