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Autor Jack Ketchum sucht sich häufig Motive aus dem Alltäglichen, angelehnt an wahre Begebenheiten. Jene Geschichten, die unter die Haut gehen und niemanden kalt lassen können. In „Evil“ wurden schwerste Geschütze aufgefahren, er ging an die Grenze des Erträglichen und auch wenn „Red“ ein paar Nummern ruhiger ausfällt, so bietet er doch erneut eine glänzende Vorlage für ein tief bewegendes Drama.

Bereits nach zehn Minuten ist geschehen, was die Entwicklung der Geschichte ins Rollen bringt: Kleinwarenhändler Avery (Brian Cox) befindet sich mit Hund Red am See beim entspannten Angeln, als drei Halbstarke auftauchen und einer ohne große Ankündigung seinen Hund erschießt. Avery macht den Vater des jungen Killers ausfindig, doch der stellt sich erwartungsgemäß arrogant hinter seinen Sprössling. Als die Begebenheiten in einem Fernsehinterview ausgestrahlt werden, kontert die Gegenseite mit immer härter werdenden Geschützen…

Die Ausgangsposition würde gewiss jeden Hundebesitzer oder Tierliebhaber wahnsinnig werden lassen, wenn der Liebling aus reiner Boshaftigkeit getötet wird. Da dürften als erstes dunkelste Rachegedanken in den Sinn kommen und erst dann schaltet sich eventuell wieder der Verstand ein, - insofern ist man von Grund auf bei der Sache und es fällt beileibe nicht schwer, mit Hauptfigur Avery warm zu werden.

Mehr noch. Man bewundert den alten Mann für seine Besonnenheit, die Ruhe die er ausstrahlt, nur um Gerechtigkeit in Form von Reue und Verantwortungsbewusstsein zu erhalten.
Zielstrebig besucht er die Eltern der drei Jungs (zwei sind Brüder), doch erntet trotz aller nüchterner Sachlichkeit vom schmierigen Unternehmer nur Spott und von der White Trash Familie wird er erst gar nicht ernst genommen.
Dass Avery viel im Leben mitgemacht haben muss, deutet sich früh an. Doch nicht der Krieg hat den Mann verändert, sondern eine Familientragödie um seine beiden Söhne, die er innerhalb einer Schlüsselszene einer befreundeten Reporterin schildert.
Und gerade hier drin liegt der eigentlich Schwerpunkt seiner Bemühungen, denn es geht ihm nicht um Rache, sondern darum, eine bestimmte Entwicklung zu beeinflussen.

Ganz ruhig wird der Stoff vorgetragen, unterstützt von einigen Szenenübergängen mit starkem Rotfilter, der immer dann Verwendung findet, wenn sich die Spirale der Gewalt ein wenig schneller dreht oder ein einschneidendes Ereignis weitere Konsequenzen nach sich ziehen wird.
Mit viel Feingefühl wird Avery charakterisiert, was notwendig ist, seine Unnachgiebigkeit zu verstehen und nachzuvollziehen. Spätestens, als ein Backstein mit einer Drohbotschaft durch sein Fenster fliegt, würden viele im Zuge ungleicher Machtverhältnisse aufgeben, doch Avery hat gelernt nie aufzugeben. Er wirkt dabei nicht stur oder gar trotzig, sondern man spürt, dass der Mann für sich etwas auszubügeln hat, von dem er glaubt, es vor einiger Zeit versäumt zu haben.

So ruhig wie die Erzählung über weite Teile sehr gut über die Runden kommt, so berührend zeichnet sich der Showdown ab, der in Sachen Eskalation nur konsequent ist.
Natürlich will man Genugtuung und schon längst ist man eins mit Avery, doch auch wird klar, dass es am Ende nur Verlierer geben kann, da die Reißleine nicht früh genug gezogen wird, - auf beiden Seiten.

Neben vielen bekannten Gesichtern (Tom Sizemore als patriarchisches Großmaul, Robert Englund und Amanda Plummer als White Trash Eheleute, Richard Riehle als Anwalt) ist es natürlich der Hauptverdienst von Charaktermime Brian Cox, der die Vorstellung locker auf seinen Schultern trägt und mit wenig Aufwand, aber feinen Nuancen eine absolute Glanzleistung abliefert, dass dieser Streifen ordentlich unter die Haut geht.

„Red“ bietet keinen Stoff für reine Rache-Fanatiker oder solche, die auf knallharte Konfrontationen aus sind. Hier stützt sich alles auf die ruhigen, aber bestimmten Handlungen der Hauptfigur, - mit aller Kraft die in der Ruhe zu spüren ist und mit all der emotionalen Intensität, die diese Prämisse in den Vordergrund stellt.
Überaus sehenswert,
8,5 von 10

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