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Revanche-Filme stehen grundsätzlich vor einer Entscheidung - will man nur Rachegefühle befriedigen oder versucht man die unsinnige Spirale der Gewalt darzustellen, die letztlich nur Verlierer hervorbringen kann ? - Einzig Clint Eastwood war zuletzt in "Gran Torino" in der Lage, dieser Frage einen intelligenten Beitrag abzuringen, aber von einem Film mit Brian Cox in der Hauptrolle hätte man auch eine differenzierte Betrachtungsweise erwarten können.

Und "Red" baut sein Szenario in einer Art auf, die Komplexität vermuten lässt. Der Überfall auf Avery Ludlow (Brian Cox), bei dem sein Hund "Red" erschossen wird, hält die Waage zwischen einem gemeinen Verbrechen und einem "Dummen-Jungen-Streich". Die drei Jugendlichen entsprechen der typischen Konstellation, die sich gegenseitig im Imponiergehabe hochpuscht. Erst von ihnen als provokatives Gespräch begonnen, um den Frust über den eigenen mangelnden Jagderfolg zu überspielen, dann plötzlich Geld von dem Mittsechziger fordernd, um am Schluss - als keines vorhanden war - den Hund in einer Art Affekt zu erschiessen.

So wie sich Ludlow während dieser Szene aggressionshemmend verhielt, geht er auch danach die Sache an. Nachdem er erfahren hatte, wer ihn mit der Waffe bedrohte, sucht er ihn auf und trifft auf dessen Vater Michael McCormack (Tom Sizemore), der sich die Vorwürfe eher skeptisch anhört. Als er seine Söhne Danny (Noel Fisher) und Harold (Kyle Gallner), der auch mit dabei war, herbeiruft, leugnen diese, dass sie Ludlow getroffen und überfallen hätten, obwohl der alte Mann nur eine Entschuldigung von ihnen verlangt hätte. Unverrichteter Dinge muss Ludlow das Haus verlassen und geht zu seinem Anwalt, um mit ihm den Fall durch zu sprechen, aber da der Überfall nicht beweisbar wäre, bliebe für die Tötung des Hundes nur eine kleine Strafe übrig.

Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt der Film seiner Linie treu und verdeutlicht die Ungerechtigkeit, die darin liegt, keine adäquate Sühne für begangenes Unrecht zu erhalten. Brian Cox unterstützt das mit seinem souveränen Stil, der auch eine gewisse eigenbrödleriche Sturheit im Charakter des Avery Ludlow erkennen lässt. In der Realität wäre die Auseinandersetzung zu diesem Zeitpunkt zu Ende gewesen, denn auf legalem Weg hatte Ludlow seine Möglichkeiten ausgeschöpft, selbst eine Fernsehsendung über den Überfall brachte nicht das gewünschte Ergebnis.

Aber "Red" will eine Geschichte über eine sich steigernde Gewaltspirale erzählen. Voraussetzung für das gegenseitige Hochschaukeln ist in der Regel das Fehlverhalten beider Seiten, bei dem es letztlich unwichtig wird, wer angefangen hat, aber dem widerspricht Ludlows besonnener Charakter. Besäße er diese behauptete Souveränität wirklich, hätte er die Niederlage einstecken müssen, wohl wissend, dass er mit gutem Zureden nichts mehr erreichen würde. Nur wäre das kaum einem Betrachter zumutbar, weshalb der Film - um eine Begründung für Ludlows weitere Hartnäckigkeit anzubieten - eine krude Geschichte aus dessen Vergangenheit erzählt.

Sein ältester Sohn, der aus "allem Guten nur Schlechtes" machte, hatte in einem Anfall von Wahnsinn seine eigene Mutter und seinen kleinen Bruder umgebracht. Dass er psychisch gestört war, hatte zuvor schon die Armee festgestellt - bekanntlich eine Institution für eine solche Diagnose - die ihn deshalb nach kurzer Zeit wieder entliess. Bei Ludlows Geschichte bleibt der Eindruck der Unlogik zurück. Angeblich um Spuren zu beseitigen, zündete sein Sohn seinen Bruder im Bett an, obwohl dieser nichts mitbekommen hatte, und wartete dann seelenruhig draußen, bis dieser aufhörte zu schreien, um dann wieder ins Haus zu gehen, um mit dem restlichen Kerosin auch seine Mutter endgültig zu töten. In Wirklichkeit wollte er aber nur das Haus anzünden, was aber mit Kerosin nicht funktioniert, worin wieder das typische Versagen seines Sohnes erkennbar wurde, wie Ludlow hinzufügt. Hätte das sein Sohn nicht spätestens merken müssen, als das Haus immer noch nicht brannte, obwohl er doch so ruhig das Ende der Schreie seines Bruders abwartete ?

Wesentlich entscheidender als diese innere Logik ist Ludlows Haltung. Keinerlei Selbstreflexion ist in seinem Verhältnis zum älteren Sohn zu erkennen, der einfach im Gegensatz zum Jüngeren schlecht war, weshalb er "mit ihm abgeschlossen" hatte. Auf die Idee ihm zu helfen oder gar behandeln zu lassen, war er scheinbar nicht gekommen. In diesem Zusammenhang bekommen seine Aussagen gegenüber den Vätern der Jungen "das Richtige zu tun" einen schalen Beigeschmack und als er Danny ein bisschen Prügel (natürlich in Notwehr) verabreicht, ergänzt er noch, dass das sein Vater schon längst hätte tun müssen. Hätte er seinen Sohn vielleicht auch mehr verprügeln sollen ? - Damit befindet sich der Film wieder auf der klassischen Stammtischlinie, die verzogenen Halbstarken schon immer eine harte Hand wünschte.

Um solchen Fragen aus dem Weg zu gehen, forciert der Film das Fehlverhalten der Familie McCormack, obwohl es dafür keinerlei Grund gibt, weil sich der liebe Ludlow doch immer nur passiv mit der Bitte nach Entschuldigung nähert. Aber Vater McCormack ist ein arroganter Besserwisser ohne Souveränität und sein Sohn ein unkontrollierbarer Hitzkopf, der kinderleicht zu provozieren ist. Das kommt Ludlow (oder besser dem Publikum) entgegen, weil sich so doch die Gelegenheit für eine ordentliche Rache ergibt.

Ludlows abschliessenden Worten, die die unnötige Eskalation bedauern, haftet eine erhebliche Portion Verlogenheit an, wenn er danach mit einem süßen Hündchen ins weitere Leben geht. Kritische Revenge-Filme, als welcher sich "Red" mit seiner ruhigen Erzählweise, wenigen Actionmomenten, einer originellen Kameraführung und vor allem sehr guten Darstellern geriert, können keinen Gewinner zum Schluß hervor bringen. Fast wünscht man sich angesichts dieses Films wieder reaktionäre, plakative Rache-Filme zurück, die wenigstens kein Geheimnis aus ihrer Haltung machen und nicht alles unter dem Deckmäntelchen scheinbarer Seriösität verbergen (2/10).

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