Review
von Alex Kiensch
Eva (Liv Ullmann) und ihr Ehemann erhalten in ihrem abgelegenen Pfarrhaus Besuch von Evas Mutter Charlotte (Ingrid Bergman), einer erfolgreichen Pianistin. Die anfänglich überbordende Freude über das erste Wiedersehen seit langer Zeit weicht schnell einem kräftezehrenden Mutter-Tochter-Konflikt: Jahrelang unterdrückte Verletzungen brechen sich in langwierigen Streitgesprächen Bahn und fordern von beiden schmerzhafte Rückblicke auf die Fehler und Wunden ihrer fragilen Beziehung.
Mit „Herbstsonate" inszenierte Schwedens Meisterregisseur Ingmar Bergman ein für ihn typisches Werk: theatralisch in seiner enormen Dialoglast, kammerspielartig auf wenige Innenräume beschränkt und im Aufbrechen unterdrückter Erinnerungen mit tiefenpsychologischer Symbolik aufgeladen. Trotz der aktionsarmen Oberflächenhandlung entsteht so ein beinahe durchgehend fesselnder Film von enormer Intensität.
Das liegt hauptsächlich an den meisterhaften Leistungen der beiden Hauptdarstellerinnen. Insbesondere Liv Ullmann liefert als neurotische, anfangs zurückhaltende, dann aber allen Schmerz und alle seelischen Verwundungen herausschreiende Tochter eine atemberaubende Glanzleistung. Mimik, Gestik, ja sogar Körperhaltung überzeugen bis in winzigste Details und lassen den nie vergehenden Schmerz über ein einsames Leben, über die ewige Sehnsucht nach mütterlicher Liebe, die ihr stets vorenthalten wurde, schmerzhaft intensiv spüren. Die Szene, in der sie neben ihrer Mutter sitzt und sie beim Klavierspielen anstarrt, lässt gar den Atem stocken - und das nur aufgrund von Ullmanns so intensiver Mimik, aus der alle Verzweiflung eines verlorenen Lebens spricht. Eine schauspielerische Meisterleistung, die ihresgleichen sucht. Daneben kann Ingrid Bergman nur ein wenig zurückbleiben, doch auch sie überzeugt voll und ganz als reservierte, sich immer wieder in Ausflüchte und Entschuldigungen zurückziehende Mutter, die sich bis zuletzt ihrer Verantwortung zu stellen verweigert. Dass der Großteil des Films nur aus Dialogszenen zwischen den beiden besteht, reicht vollkommen aus - mit ihrer enorm intensiven Darstellung erzeugen sie eine fesselnde Spannung, die den Zuschauer mitreißt und tief zu Herzen geht.
Auch die Dialoge sind (wie so oft bei Bergman) von aufrüttelnder Eindringlichkeit. Immer wieder offenbaren sie neue Aspekte der gemeinsamen Vergangenheit, lassen mitunter dazu eingeblendete Rückblenden in gänzlich neuem Licht erscheinen und bieten enorm viel Interpretationspotenzial. Auch wenn die zunehmend brutale Offenheit der Schilderungen nicht immer glaubwürdig wirkt, ist es doch erstaunlich zu beobachten, welch enorme Spannung aus reinen Dialogen entstehen kann. Insbesondere im letzten Teil, wenn die Differenzen zwischen Mutter und Tochter in offenen Streit münden, wird sich kaum jemand vom Bildschirm lösen können.
Das alles wird von Bergmans Hauskameramann Sven Nykvist in eleganten, schlichten, aber edel komponierten Bildern mit ruhiger Kamera eingefangen, von einem unaufdringlichen Score untermalt und in ruhigem, aber keinesfalls zu gemächlichem Tempo dargestellt. Vielleicht wird hier der eine oder andere Schicksalsschlag zu viel aufgetischt - vernachlässigte Tochter, Abtreibung, gestorbener Sohn, behinderte Schwester - aber der zentrale Konflikt zwischen den Generationen dürfte immer wieder den Atem stocken lassen und ist auch über 40 Jahre nach der Entstehung des Films so aktuell wie eh und je. „Herbstsonate" gehört zu den intensivsten und packendsten Werken Ingmar Bergmans, das man jedem Cineasten nur dringend empfehlend kann.