Review

Dieser Film will in mehreren Episoden die verschiedenen Gesichter des Todes dem Zuschauer näher bringen. Von einem Doktor begleitet, der die gezeigten schrecklichen Bilder kommentiert, versucht der Streifen die Faszination, die der Tod auf die Menschen ausübt, zu ergründen. In Wahrheit ergründet er aber die Bereitschaft der Menschheit, Geld für einen solchen Schmarren auszugeben!

Ein bisserl Allgemeinbildung zu Beginn: Diese Form des Kinodokumentarfilms nennt man "Mondo". Waren bislang Dokus im Kino nur in den allerseltesten Fällen erfolgreich wendete sich das Blatt 1960 mit dem Film "Mondo Cane". Dieser italienische Streifen besuchte Urvölker in Afrika und berichtete den staunenden Europäern darüber. Der Erfolg trat eine ganze Welle von "Mondos" los, die stets dem gleichen Strickmuster folgten: Ein streng wissenschaftlicher Kommentar, "nie zuvor gezeigte Szenen" und eine Alibifunktion für den Zuschauer, diverse Nacktheiten und Grausamkeiten unter dem Deckmantel des kulturellen Interesses zu begaffen. Das es mit steigender Anzahl proportional mit dem Wahrheitsgehalt abwärts ging versteht sich hoffentlich von selbst. Zum Glück verschwand dieser Schwachsinn Mitte der 80er endgültig, bzw. fristet sein Dasein in den hintersten Ecken der Videotheken. In der Zwischenzeit gibt es nur noch in loser Reihenfolge minderbemittelte Versuche Reibach mit dem Recyclen von alten Fernsehaufnahmen zu machen, die aber eher in der Tradition von "Gesichter des Todes" stehen als in der von "Mondo Cane".

Und damit zurück zum Thema. Der bekannteste und legendärste Film dieser Art ist dieser erste Teil von "Gesichter des Todes" - "Faces of Death" im Original.

Warum schaut man sich reale Tötungen im Film an? Eine der Fragen, die man wohl nicht abschließend beantworten kann. Mögliche Antworten: Aus dem gleichen Grund, warum viele bei einem Autounfall gaffen - aus Neugier; als "Härtetest"; aus Faszination am Thema. Gern gehörte Ausrede: "Um Mitreden zu können."

Diese Dokumentation reiht also etliche Szenen, in denen Menschen zu Tode kommen aneinander und versucht anhand dieser die verschiedensten Arten menschlicher Entleibung darzustellen. Sieht man den Film zum ersten Mal schwankt man, je nach Veranlagung, zwischen Abscheu und Faszination. Die Form der Präsentation läßt einem kaum Zeit zum Nachdenken - es geht Schlag auf Schlag. Und dadurch erfüllt der Film seinen Zweck - man glaubt das, was man sieht. Und hier ist der Knackpunkt.

Der Großteil der Szenen ist GESTELLT!!!

Das möchte ich anhand der Beschreibung einiger Sequenzen belegen. Der Beweis liegt bei fast allen in der filmischen Darbietung. Für das Filmen allgemein gilt: um das Gezeigte für den Zuschauer interessant zu machen gilt es häufig den Standort der Kamera zu wechseln, die Perspektive zu verändern, bestimmte Dinge herauszuheben. Deshalb sind Amateur-Urlaubs-Videos auch stets so gnadenlos langweilig, weil immer aus derselben Position draufgehalten wird.

Betrachtet man nun einige der Beiträge für diesen Film unter diesen Gesichtspunkt so wird ganz schnell klar, dass es sich hier um nachgestellte Ereignisse handelt. Die Beispiele kommen jetzt so, wie sie mir einfallen - die Reihenfolge im Film ist anders.

Beispiel 1 - der Grizzly: Auf einem Parkplatz in einem amerikanischen Nationalpark wird ein Besucher von einem Grizzly getötet, weil er aus seinem Auto aussteigt, um das Tier besser filmen zu können. Der Kommentar informiert uns, dass die Aufnahmen von einem zweiten Besucher aus dessen Wagen mit einer Super-8-Kamera gemacht wurde. Zunächst fällt auf, dass es KEINEN Unterschied zur Qualität des übrigen Films gibt. Dann gibt es zwischendurch Gegenschnitte auf den Wagen des Filmers (!). Mordszufall, dass zwei Personen eine Super-8-Kamera mit Ton mit sich führen. Zum besseren Verständnis: vor der Videokamera war Super-8 das verbreiteste Filmgerät zum Festhalten von Amateuraufnahmen. Und gerade als sich der Ton langsam etablierte trat auch schon die Videokamera ihren Siegeszug an. Die S8-Kameras mit Ton waren schweineteuer. Der Angriff des Bären geht in einem verwackelten Durcheinander unter - nirgends ist der eigentliche Vorgang zu sehen.

Beispiel 2 - der Alligator: Ein Fernsehteam filmt zufällig eine Vorstellung in einem Park, in der ein Alligator gefüttert werden soll. Auch hier nur wirbelndes Wasser mit Rotfärbung. Nie sieht man Mann und Tier zusammen. Beeindruckend die Professionalität des Kameramannes: während vor ihm ein Mensch gefressen wird bringt er noch die Nerven auf, in Gegenschnitten die Reaktionen der Umstehenden zu filmen. Au Backe.

Beispiel 3 - die Köpfung: Man muß sich das mal vorstellen: da will uns der Kommentator weißmachen, dass ein Amateur eine öffentliche Hinrichtung in einem arabischen Land gefilmt hat. Wie hättet ihr reagiert, wenn ihr im Urlaub über einen Platz schlendert und bemerkt, dass dort eine öffentliche Hinrichtung stattfindet? Nur die allerwenigsten hätten sich das überhaupt angesehen. Noch weniger hätten sich getraut ihre Kamera zu zücken - man weiß ja nie, wie die Einheimischen darauf reagieren. Und auch hier ist der Filmer so geistesgegenwärtig, die Gesichter der Umstehenden in Großaufnahmen zu filmen. JEDER Hobbyfilmer, der so etwas überhaupt filmt, würde unter keinen Umständen das Objektiv vom Geschehen nehmen, um nichts zu verpassen. Auch hier kein Qualitätsunterschied zum restlichen Film.

Beispiel 4 - die Höhlenforscher: hier sind mir wirklich die Tränen vor Lachen gekommen. Zwei Forscher seilen sich in eine Höhle ab. Der Kommentar erzählt, dass die beiden sehr erfahren sind und dass diese Höhle als besonders schwer zugänglich gilt. Ihr Forscherdrang wird ihnen zum Verhängnis und sie stürzen trotz aller Erfahrung ab. - Und das alles wird in einer schweren Höhle von einem Kameramann gefilmt - so richtig mit schwerer Kamera und Licht auf gleicher Höhe mit den erfahrenen Forschern, die gerade mal die notwendigste Ausrüstung mit sich führen? LOL.

Beispiel 5 - der Terrorist: hier erreicht die Verdummung ihren Höhepunkt! Eingestimmt wird man mit einer (echten) Fernsehaufnahme einer Ermordung eines Politikers. Dann wieder unser Lieblingskommentator: Der Mord geht auf das Konto eines international gesuchten Terroristen, der auf so etwas spezialisiert ist. In monatelanger Recherche hat man ihn aufgespürt (!) und er willigt ein, sich beim Training filmen zu lassen (!!). Als Beweis liefert man Aufnahmen von einem Mann mit Kapuze, der auf Wassermelonen schießt (!!!). Und das Ganze geht so ca. 15 - 20 Sekunden. Dafür monatelange Recherche? Die Mühe, als Filmteam etwas zu bewerkstelligen, was Interpol, FBI, CIA, KGB, Mulder und Scully sowie James Bond nicht gelungen ist???

Wer nun meint, ja schon recht, aber es könnte trotzdem "echt" sein, dem empfehle ich, sich einmal den Abspann genauer unter die Lupe zu nehmen. Zum einen wird ein "Special Effects"-Mann aufgeführt, zum anderen erscheint direkt der Hinweis, dass einige Sachen nachgestellt wurden.

Daher erscheint die "berühmteste" Szene, die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl, auch in einem anderen Licht. Wenn man auch zugeben muß, dass man für den Deliquenten einen glaubhaften Darsteller gefunden hat.

Die wenigen "echten" Szenen sind, bis auf inszenierte Tiertötungen, aus Archiven von Nachrichtensendern. Und hier tut sich der Film durch besondere Geschmackssicherheit in der musikalischen Untermahlung hervor: der Todessprung aus einem Hochhaus wird mit einer lustigen Sambamusik unterlegt, bei der der Sänger anzählt: One, two, three - und passend zum Einsatz der Musik springt dann der Arme.

Der eingangs erwähnte Doktor ist natürlich auch nur ein Schauspieler - wer es bis jetzt nicht schon vermutet hat ;-).

Der Sinn und Zweck dieses Films ist einzig und allein ein Cash-In, kein echtes Interesse an dem behandelnden Thema. Und dafür war er sehr erfolgreich. Er gilt unter den Mondos bei Unbedarften weiterhin als Referenzwerk und war auch kommerziell sehr erfolgreich. Wenn man in den 80ern eine Videothek frequentierte war immer mindestens ein Exemplar zu finden. Im Laufe der Zeit wurde auch dieser Film von der in Deutschland wütenden Kürzungswut heimgesucht. Meines Wissens nach gibt se zwei "überarbeitete" Fassungen. Wer sich jetzt die Hände reibt, weil er die "erste" Fassung sein Eigen nennt, dem muß das Videokind leider in die Suppe spucken! Selbst diese erste Fassung war nicht ungeschnitten: die Originalfassung läuft 104 min. (NTSC)! Ein mehr an Szenen sind u. a. Originalszenen aus KZs. Naja, wers braucht.

Nun mag ein jeder selbst für sich entscheiden, ob er sich das Machwerk antun möchte oder nicht. In meinen Augen hat er in jeder Hinsicht das Ziel verfehlt - ausser natürlich dem des Geldverdienens. Er ist weder als ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Tabuthema zu gebrauchen noch als Unterhaltungsfilm. Der Erfolg zog noch zwei "echte" Nachfolger hinterher und etliche Plagiate, wobei man bei diesen aus Kostengründen auf das "teure" Nachstellen vollständig verzichtete und lediglich Archive plünderte.

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