Review

Mal wieder so ein Film über Probleme beim Erwachsenwerden, könnte man meinen. Mal wieder so ein Film, der mehr Probleme als positive Dinge im wohl aufregendsten Lebensabschnitt, der Pubertät, zeichnet. Und mal wieder ein Film, der dabei das große Thema Sex nicht ausklammern kann. Doch weit gefehlt: Das Regiedebüt von Lucía Puenzo ist ungleich lohnender als die x-te Coming-of-Age-Geschichte eines Banal-Teenagers, dessen wenige außergewöhnlichen oder skurrilen Eigenschaften einen Film rechtfertigen. Die Hauptfigur in XXY ist intersexuell. Er/sie/es ist der krasse Gegenentwurf der Größtenteils-Normalos, die vergleichbare Filme um Jugendliche mit Problemen bevölkern.

Die 15-jährige Alex (Inés Efron) lebt zusammen mit ihren Eltern an der rauen uruguayischen Küste. Sie gingen aus Argentinien fort, weil ihnen dort ständig gute Ratschläge gegeben worden, wie man denn Alex' Hermaphroditismus „beseitigen" könne und weil ihre Umgebung diesem Kuriosum mit Intoleranz begegnete. Nun kommen der 16-jährige Alvaro (Martín Piroyansky) und seine Eltern zu Besuch. Während Alvaros Vater ein Chirurg ist, der Alex endlich zur „vollständigen" Frau umoperieren und sämtliche männlichen Geschlechtsorgane entfernen könnte, entspinnt sich zwischen den beiden Teenagern eine langsam aufkeimende, spröde Liebe...

Trotz langer und intensiver Szenen, die uns am tagtäglichen Leben von Alex teilhaben lassen, bleibt uns dieser raue, ebenso gewalttätige wie ablehnende, aber doch irgendwie auch sympathische Charakter bis zum Ende des Films etwas fremd. Alex legt eine rüde Sprache an den Tag, bricht ihrem besten Freund Vando (Luciano Nóbile) die Nase, praktiziert in einer Sequenz als aktiver Part mit Alvaro Analsex und duscht in einer anderen eher schamhaft mit ihrer besten Freundin. Das Cortisol, welches ihre „Verwandlung" zur Frau vorantreiben würde, hat sie abgesetzt. Sie will so bleiben, wie sie ist: Kein medizinisches Kuriosum, sondern schlicht normal.

Dies sind die Fragen, um welche XXY immer wieder kreist: Was bedeutet „normal"? Wie weit darf die Autonomie in der Entscheidungsgewalt eines Menschen gehen, wenn er doch auf irgendeine Art gegen die Konvention der Gesellschaft, sich zu einem bestimmten Geschlecht zu bekennen, verstößt? Ein liberales Verständnis des stets aktuellen „Sex & Gender"-Diskurses sieht anders aus und diesem Themenkomplex wird nun mit einer bekennenden Intersexuellen eine weitere Spielart hinzugefügt, was diese Debatte nur noch zäher gestaltet. Evident in dieser Hinsicht: die beiden Elternpaare im Film.

Während Alvaros Eltern Alex' Eltern von einer Operation, die endlich geschlechtliche Klarheit schaffen soll, zu überzeugen versuchen, stehen die für die Autonomie ihrer Tochter/ihres Sohnes mit all ihren Konsequenzen um Ausgrenzung und soziale Intoleranz gipfelnd in gewaltsamen Konfrontationen ein. Das eine ebensolche Szene um die gewaltsame Entkleidung von Alex Eingang in den Film fand, war vorhersehbar oder verwundert zumindest seit Boys Don´t Cry, in welchem auch Geschlechterunterschiede und klare gesellschaftliche Rollenbilder sowie der Verstoß dagegen thematisiert werden, nicht mehr.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass eine (wiederum beinahe schon konventionelle) Liebesgeschichte hier - glücklicherweise - nur angedeutet zum Tragen kommt. Kamerafrau Natasha Braier ließ mit ihrem realistischen Stil und eher tristen Farbtönen eine solche Emotionalität - die der Film auch zu keinem Zeitpunkt anstrebt - ohnehin nicht zu. Das Ringen mit der eigenen Sexualität steht im Vordergrund, auch wenn auf dieser Ebene dann doch noch die unvermeidliche Thematik der sexuellen Orientierung angesprochen wird. Dies aber auf eine Art und Weise, die als untergeordnet und subtil bezeichnet werden kann.

Und so ist XXY kein sentimentaler Problemfilm geworden - nicht zuletzt dank Lucía Puenzos unprätentiöser, karger Inszenierung, die nie in die fatale Versuchung gerät, das zentrale Thema voyeuristisch auszuschlachten und durch Inés Efrons unnahbare Performance, die gerade durch die schroffe Art, welche sie ihrem Charakter verleiht, wie aus dem Leben gegriffen wirkt.
Vielleicht ist die Pubertät der schmerzlichste Lebensabschnitt mit den weit reichendsten Problemen. Dann muss man allerdings erst einmal den Mut haben, diesen als solchen darzustellen. Dies ist XXY auf beeindruckende, aber nie hoffnungslose Weise gelungen (8/10).

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