NAISSANCE DES PIEUVRES ist ein stiller, zurückhaltender, beinahe introvertierter Film, der drei Mädchen während eines heißen Sommers in einem Pariser Vorort folgt. Hauptperson ist die fünfzehnjährige Marie, ernst, dünn, schüchtern, fast schon emotionslos. Ihre beste Freundin, die gleichaltrige Anne, scheint das exakte Gegenteil von ihr zu sein, laut, etwas kindisch, korpulent, und unglücklich verliebt in Francoise, der ihr jedoch nicht das geringste Interesse schenkt. Eines Tages, als sich Marie im örtlichen Schwimmbad eine Synchronschwimmveranstaltung anschaut, fällt ihr Floriane, die Leiterin der Mädchengruppe auf, die schlussendlich den Sieg davonträgt. Marie hegt Interesse für Floriane, spricht sie auf einer Party an, verfolgt sie bis sie ihr, die ihr zunächst lästig zu sein scheint, erlaubt, ihr beim Schwimmtraining zuzusehen. Auch eine andere Funktion erfüllt Marie für Floriane: sie benutzt sie als Alibi, um sich aus ihrem Elternhaus entfernen und heimlich mit Francoise treffen zu können. Schnell wird klar, dass Marie sich ernsthaft in Floriane verliebt hat. Sie entfernt sich immer weiter von Anne, die verzweifelt versucht, Francoise Aufmerksamkeit zu erwecken, und entwickelt eine seltsame Freundschaft zu Floriane, die sie mit der Zeit nicht mehr nur länger als Mittel benutzt, um Francoise treffen zu können, sondern sie wie eine echte Freundin behandelt. Als Floriane ihr eines Tages eröffnet, dass sie, entgegen der Gerüchte, die über sie kursieren, noch nie mit einem Jungen geschlafen hat, es sich jedoch immer mehr herauskristallisiert, dass es mit Francoise bald soweit sein wird, und Marie um den ungewöhnlichen Gefallen bittet, ihr die Unschuld zu nehmen, stürzt sie sie damit noch tiefer in ihr Gefühlschaos…
Der Debütfilm der Französin Céline Sciamma hat mir außerordentlich gut gefallen. Im Grunde verhält er sich wie seine Hauptdarstellerin. In NAISSANCE DES PIEUVRES werden Gefühle selten ausagiert, sie bleiben unter der Oberfläche, tauchen nur schemenhaft manchmal auf. Dem Zuschauer werden zumeist nichts weiter als Ereignisse gezeigt, Gesten, Gesichtsausdrücke, kaum wahrnehmbare Handbewegungen. Sciamma erklärt nichts, sie beobachtet ihre drei jungen Protagonistinnen und überlässt es dem Publikum, seine eigenen Schlüsse zu ziehen, die Gesten, Mimiken und Handlungen der Figuren zu deuten. Gesprochen wird nicht viel, und wenn, dann nicht über Gefühle. Es dominieren ruhige, optisch beeindruckende Einstellungen. NAISSANCE DES PIEUVRES wirkt wie ein Teenager-Drama, das im Stil von Antonioni inszeniert wurde, ist dabei, auch wegen seiner kurzen Laufzeit und der Vermeidung aller Längen, jedoch ziemlich unterhaltsam und zu keiner Sekunde langweilig. Voll und ganz konzentriert der Film sich auf die Beziehungen zwischen Marie, Anne, Floriane und Francoise. Die Eltern der Mädchen beispielsweise sind in keiner Einstellung zu sehen, werden höchstens am Rand erwähnt. Der Fokus liegt hierbei natürlich auf Marie und ihren inneren Konflikt, ihrer unbefriedigten Liebe zu Floriane. Obwohl Sciamma sie keinen Moment ihre beinahe apathische Ruhe verlieren lässt und dafür sorgt, dass sie die Gefühle, die in ihr eingeschlossen sind, zum Ausdruck bringt, schaffte der Film es, mich nicht wenig zu berühren. In einer Szene verlässt Marie Florianes Haus, wartet bis sie wieder drinnen ist und stiehlt dann einen Mühlsack, den sie kurz vorher nach draußen brachte. In ihrem Zimmer durchstöbert sie ihn, findet die Überreste eines Apfels, von dem sie weiß, dass Floriane ihn gegessen hat, und beißt selbst in ihn hinein. Sciamma charakterisiert ihre Figuren vorwiegend in solchen stummen Sequenzen und vermittelt mit einer einzigen Einstellung, mit einem Blick der jungen, talentierten Schauspielerinnen mehr als es manch anderer mit unzähligen Worten vermocht hätte. Eigentlich gibt es nichts, was mich an NAISSANCE DES PIEUVRES gestört hätte. Die Unterwasseraufnahme sind großartig gelungen, an den Schauspielern kann man nichts aussetzen, und der Soundtrack des französischen Elektronikmusikers Para One (Jean-Baptiste de Laubier) ist einer der besten, die ich in letzter Zeit hörte. Vor allem im Finale, wo Marie für Sekundenbruchteile direkt in die Kamera blickt, berührten mich die elektronischen Klänge in Verbindung mit den Bildern ungemein. NAISSANCE DES PIEUVRES ist modernes Kino, das von seinem Publikum fordert, sich selbst in das Verständnis des Werks einzubringen, es zu deuten, eigene Gedanken und Meinungen zu investieren, und belohnt einen damit mit dem Gefühl, dass es auch heute noch ambitionierte Regisseure gibt, die gegenüber dem Mainstream-Kino nicht die geringsten Kompromisse eingehen.