Die Tat eines Amokläufers wirft eine Gruppe Überlebender aus der Bahn: Ein kleines Mädchen flüchtet sich in fanatische Religiosität; ein krebskranker Spieler geht auf einen selbstzerstörerischen Las-Vegas-Trip; eine alleinerziehende Kellnerin fühlt sich zunehmend von ihrem Baby überfordert; und ein behandelnder Arzt entwickelt ein Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom.
Das feinfühlige psychologische Drama „Winged Creatures“ beleuchtet die inneren Kämpfe, die traumatisierte Menschen nach schrecklichen Erlebnissen auszufechten haben, und erweist sich dabei als ebenso empathisches wie vielschichtiges Stück Darstellendenkino. Die Riege bekannter Stars gibt durch die Bank weg intensive, überzeugende Leistungen zum besten und lässt den Film trotz wenig Oberflächenhandlung zu keinem Zeitpunkt langweilig werden. Ob Dakota Fanning als Mädchen, dessen Glaube eine beunruhigende Intensität annimmt, Kate Beckinsale als allein gelassene und überforderte junge Mutter, Guy Pearce als Arzt, den ein diffuses Schuldgefühl für die Tat (er hatte dem Täter noch die Tür aufgehalten und war kurz vor dem Amoklauf gegangen) in destruktives Verhalten treibt, oder Forest Whitaker als vom Leben erschöpfter Spielsüchtiger – sie alle verleihen ihren Charakteren eine hohe Glaubwürdigkeit, Natürlichkeit im Spiel und auf die eine oder andere Weise tiefe Melancholie. Selbst in kleineren Nebenrollen glänzen unter anderem Jackie Earle Haley als hilfloser Vater eines Jungen, der nach der Tat zu sprechen aufhört, oder Embeth Davidtz als Arzt-Partnerin, die nie so ganz das ganze Ausmaß der seelischen Verwundung ihres Mannes erfasst.
Auch erzählerisch erweist sich „Winged Creatures“ als ebenso ruhiges wie starkes Stück. Die Einleitung führt in den Amoklauf hinein und bricht dann mittendrin ab, um im weiteren Verlauf immer wieder in kurzen Rückblenden zurückzuspringen und neue Details und Aspekte zu zeigen. Die Gewalt wird dabei hervorragend ausgeklammert – jeder reißerische Voyeurismus wird vermieden, dennoch wird die Grausamkeit der Ereignisse verdeutlicht, indem immer wieder ganz nah an die vor Angst und Entsetzen erstarrten Menschen herangegangen wird. Die weitere Entwicklung der Charaktere erfolgt in einem ruhigen Erzählfluss, der trotz der vielen unterschiedlichen Handlungsstränge nie in den Modus eines Episodenfilms abgleitet, sondern alles ganz dicht beieinander und auch immer wieder zusammentreffen lässt. Abgesehen von der finalen Phase, in der noch einmal besonders dramatische Eskalationen für einen Höhepunkt sorgen sollen, kommt das alles auch sehr realitätsnah und glaubwürdig daher. Wer an mitreißendem Ensemblekino interessiert ist, kommt hier voll auf seine Kosten.
Nur inszenatorisch hätte das alles vielleicht einen Hauch expressionistischer ausfallen können. Kamera und Bildfolgen leisten souveräne Arbeit, fallen aber kaum mit besonderen Ideen auf. Nur kurz gibt es immer mal wieder poetisch gelungene Montagen, wenn etwa das Mädchen unter dem Tisch sitzt und einen Vogel beobachtet, während ihr Vater erschossen wird. Der Score bleibt dabei stets knapp unterhalb der Kitschgrenze und verleiht dem Gezeigten eine tief melancholische, gefühlvolle Seite.
„Winged Creatures“ ist im besten Sinne ruhiges, bedächtiges Kino der Emotionen und psychologischen Betrachtungen, das stets angemessen vielschichtig und urteilsfrei bleibt. Dank hervorragender Leistungen aller Darstellenden bleibt man durchgehend nah am Geschehen und fiebert mit den Agierenden mit. Auch wenn er inhaltlich und formal etwas mehr in die Tiefe hätte gehen können, ist es doch ein Film, der sich mit viel Fingerspitzengefühl Menschen in psychischer Not nähert und ihre Perspektive glaubhaft darzustellen versucht. Das macht ihn zu einem bei aller Ruhe packenden Erlebnis, das aufgeschlossenen Zuschauenden definitiv zu empfehlen ist.