Review

Warum um alles in der Welt muss ausgerechnet Ulli Lommel der Filmemacher sein, der den Fall Natascha Kampusch als erster auf Zelluloid bannt? Ausgerechnet der, der im Durchschnitt noch unterirdischere Streifen als Kollege Boll abliefert und sich in den letzten Jahren mit unsehbaren Streifen einen Namen machte.
Die vage Hoffnung, dass er sich hier zumindest an Ansätze eines Plots halten müsste, wird von Beginn an nahezu im Keim erstickt, - der Lommel sieht eben jede noch so eindeutig gelagerte Welt mit anderen Augen.

Auch im Fall des entführten Mädchens Schatzi Melnick, über deren Flucht als Achtzehnjährige nach acht Jahren Gefangenschaft als erstes informiert wird. Schatzi redet aus dem Off zu uns, permanent, doch bei alledem schafft es das Drehbuch zu keiner Zeit, uns nachvollziehbare Gefühle zu vermitteln. Schlimmer noch: Das Stockholm Syndrom wird zu einer Liebeserklärung an den Entführer missbraucht.

Stückwerk ohne roten Faden ist das, was Lommel einmal mehr präsentiert. Zahlreiche Flashbacks, Bildkollagen, sich stets wiederholende Musikpassagen, ebenso der über alles stehende Austausch: „Bin ich eine Hexe? – „Du bist eine Hexe“.
Dazwischen immer mal wieder Schwenk zu einer historischen Hexe auf dem Scheiterhaufen, - auf welcher Ebene das mit der Entführung zu tun hat, weiß der Lommel offenbar selbst nicht, denn er geht nicht näher auf die fadenscheinige Symbolik ein. Gleiches betrifft den Hang des Täters zu schwarzen Handschuhen und dem Masturbieren mit kleinen Puppen, - alles Fragmente ohne Background.

Worin er sich tatsächlich vage an den Entführungsablauf hält, ist die Entwicklung über die Jahre hinweg. Unsicheres Annähern, sich gegenseitiges Beobachten, gemeinsames Essen bis hin zum Ausflug am See.
Doch bei alledem fehlt, trotz Off Stimme, die Sicht des Opfers, ihre Gefühlswelt. Stets beschreibt sie ihren Entführer, ihre Beziehung zu ihm, doch nie ihre eigenen Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte. Ihre Welt ist die des Entführers, aber nicht die eines entführten Mädchens.

Infolgedessen macht der Streifen reichlich wütend. Nicht nur, weil er sein komplettes, wie ich finde, nicht allzu stark gegebenes Potential verspielt, sondern auch die Sichtweise verzerrt.
Zu keiner Zeit kommt das Ambivalente gegenüber dem Entführer durch, im Gegenteil, im Verlauf wird er nahezu vergöttert. Im Umkehrschluss wäre eine Flucht also überhaupt nicht nachvollziehbar, denn der Gedanke, dass dieses Leben irgendwie abnorm verläuft, wird nie thematisiert.

Wenn man behaupten würde, dass dieser filmische Versuch eines True Crimes langweilig ist, würde man langweiligen Filmen in jeder Hinsicht Unrecht tun.
Wie ein ausgedehnter Schlafgesang mit entsprechenden Bildern ziehen sich die 81 Minuten in die Länge und man ist spätestens nach einer Viertelstunde gewillt, das Debakel per Tastendruck zu beenden.
Dazu sieht das Filmmaterial aus wie vom Amateurvideo kopiert, während die Kamera offensichtlich gerne aus bequemen Winkeln (für den Kameramann) bewegt wird.
Oftmals starren die beiden Figuren minutenlang ins Leere, auf den Fernsehapparat oder ihren Gegenüber an, ohne dass auch nur ein Wort gesprochen wird, - gehaltloser geht es kaum.

Am Ende schickt man eine plörrige Pointe hinterher, die mit dem wahren Fall mittlerweile gar nichts mehr gemein hat und entlässt den Zuschauer in den nunmehr verdienten Tiefschlaf.
Von psychologischen Ansätzen fehlt natürlich jede Spur und einzig die in Schwarzweiß gehaltenen Flashbacks aus der Kindheit mit dem Kumpel bringen passable Momente.
Ansonsten findet sich das (leider bekannt) kryptische Wirrwarr ohne Nährwert, somit geht die Krone der inhaltslosen Monotonie erneut an: Ulli Lommel.
1,5 von 10

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