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Lange ist’s her, da drehte Lee Tamahori, Regisseur des neuesten Bond-Abenteuers, noch einen seiner Filme, bei denen er auf jegliches Element der Technik verzichtete. Während „Stirb an einem anderen Tag“ den Actionfan mit grandiosen, bombastischen, aber auch teilweise misslungenen und nervenden Special-Effects verwöhnte, die natürlich der Technik zu verdanken sind, existieren auch eine Vielzahl anderer Filme, deren Entstehung zwar nicht so aufwendig, aber menschenbetonter ist als irgendwelche Explosionsorgien. Ich bin ein Riesen Bond-Fan, aber dort wurde Pierce Brosnan als Hauptperson verdrängt. Nämlich von der Technik. Andere Filme jedoch setzen auf brillante, unter die Haut gehende Schauspielerleistungen und auf eine geniale Story und regen somit auch schon vielmehr zum Nachdenken an. Gut, ein Bond will und kann das nicht, er will den Konsumenten einfach nur unterhalten. Wahre Filme, auch wenn ich den ein oder anderen Actionfilm liebe, sind aber die, in denen Realität schockierend, aber leider auch nachvollziehbar und den Tatsachen entsprechend dargestellt wird.
Ein Beispiel für diese Art von Film ist „Die letzte Kriegerin“, der dem Zuschauer hemmungs- und schonungslos die möglichen Grausamkeiten der Gesellschaft auf brutalste Art und Weise auftischt. Natürlich nicht mit den selben Mitteln, mit denen es z.B. ein Miike tut, der dann eben auf wirklich gezeigte, explizite Gewalt Wert legt und auch oft, natürlich gewollt, übertreibt, die Realität jedoch anspielt. Ich mag Miike auch, Tamahori macht das mit „Die letzte Kriegerin“ aber völlig anders. Der Film ist brutal und grausam, auch wenn fast kein Tropfen Blut fließt. Es wird auch hin und wieder ein Akt der Gewalt gezeigt, sei es eine Schlägerei oder eine Vergewaltigung. Vieles jedoch spielt sich dennoch in den Köpfen der Zuschauer ab, nicht auf dem Bildschirm selbst.
In Tamahoris Film geht es um eine Familie, die – so sieht es zumindest aus – von einem indianerähnlichem Volk abstammt, aber nicht wie von solchen Stämmen gewohnt in freier Natur wohnt, sondern in einer Großstadt. Dort lebt die Familie aber nicht in übermäßigem Reichtum, sondern in völliger Armut. Auch der zwischenmenschliche Aspekt ist kein Argument dafür, dass die Familie unter guten Verhältnissen lebt. Der Vater, eigentlich ganz liebenswürdig, entpuppt sich auf seinen nächtlichen Treffen mit Kumpels zum brutalen Säufer und Schläger, der alles verprügelt, was ihm nur annähernd nicht in den Kram passt. Wenn es sein muss, verschlägt er auch seine Frau, falls diese mal nicht gewillt ist, den strikten Anweisungen ihres Mannes zu folgen. An den Kindern geht das natürlich nicht spurlos vorüber. Die Jüngsten der Familie sind zwar noch zu jung, um das, was sich um sie herum abspielt, bewusst wahrzunehmen und zu verwerten, wissen jedoch, dass es nicht unbedingt normal ist. Bei den Älteren schaut das völlig anders aus. Der eine Sohn wurde mal wieder mit einem Autodiebstahl in Verbindung gebracht und muss sich vor Gericht verantworten. Er landet in einem Erziehungsheim, fern seiner Eltern. Ein anderer Sohn flieht aus der Familie und schließt sich einer Gang an. Die älteste Tochter scheint da noch einen guten Eindruck zu machen, hat sie doch einen guten Freund zum Reden und gewissen Ehrgeiz. Doch genau dieser widerfährt wohl das Schlimmste, was einem Mädchen passieren kann. Das lässt die Familie, so zerrüttet sie auch ist, nicht auf sich sitzen.
In Worte ist das kaum zu fassen, was sich teilweise in „Die letzte Kriegerin“ abspielt. Die Schauspieler sind dermaßen genial, dass es oft nicht abwegig wäre, zu denken, es handle sich um irgendeine Reality-Soap über eine Familie. So intensiv und realistisch spielt jeder der Familienmitglieder, insbesondere der Vater. Wenn dieser mal wieder einen Wutanfall bekommt, ist es kaum zu beschreiben, wie realistisch das für den Zuschauer erscheint. Das muss man gesehen haben, um zu wissen, von was hier geredet wird. Die Story ist zwar schonungslos, aber keinesfalls erfunden und weltfremd, sondern es zeigt dem Konsumenten mal wieder, wie schrecklich es teilweise in den Familien zugeht und das auch die meisten sexuellen Misshandlungen innerhalb der Verwandtschaft begangen werden. „Die letzte Kriegerin“ will den Zuschauer nicht in dem Sinne unterhalten wie es z.B. Filme wie „The Fast and the Furious“ oder ein „XXX“ tun, den Film anzusehen ist nicht leicht, da er schwer zugänglich und äußerst schwer zu verdauen ist. Noch dazu kommt, dass das Ganze ja nicht völlig aus der Luft gegriffen wurde, sondern dass es mit Sicherheit ein paar Familien gibt, in denen Gleiches oder Ähnliches geschehen ist.
„Die letzte Kriegerin“ ist schon fast kein Film mehr, eher eine Dokumentation über eine zerrüttete Familie, in der so gut wie jedes Mitglied am Ende seiner Nerven angekommen ist, als dann noch etwas viel Schrecklicheres, viel Entmutigenderes passiert als bisher geschehen ist. Das Ende ist keinesfalls schön oder versöhnlich, sondern in einer gewissen Weise deprimierend und erschreckend, auch wenn die Familienmutter einen erleichterten Eindruck macht.
Wie gesagt, ein Film mit einer schrecklichen, aber dennoch genialen, da lehrenden bzw. aufdeckenden Story, die „Die letzte Kriegerin“ nicht zum Film nebenbei macht. Man sollte starke Nerven besitzen und sich das Ganze wirklich nur ansehen, wenn man anschließend Nichts mehr vorhat, denn ein flaues Gefühl macht sich schon in der Magengegend breit, während die grausamen Bilder im Fernseher vorbeihuschen.
Ein geniales Meisterwerk, leider viel zu unbekannt, das die Grausamkeiten des Lebens und der Gesellschaft gnadenlos zum Vorschein bringt, ohne dem Zuschauer irgendetwas Positives vormachen zu wollen. Eine Meisterleistung. 9,5/10 Punkte

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