Review

Der neuseeländische Regisseur Lee Tamahori wurde vor allem mit seinem Beitrag „Stirb an einem anderen Tag“ zur James-Bond-Reihe aus dem Jahre 2002 populär, debütierte jedoch bereits (nach drei Beiträgen zur „Bradburys Gruselkabinett“-TV-Serie) 1994 mit dem Kinofilm „Die letzte Kriegerin“ – einem neuseeländischen Drama im Umfeld der M?ori auf Grundlage des Romans „Warriors“ aus der Feder Alan Duffs.

Familie Heke gehört dem Stamm der M?ori, der neuseeländischen Ureinwohner, an und lebt am Stadtrand Wellingtons – und am Rande der Gesellschaft. Mutter Beth (Rena Owen, „Star Wars: Episode III - Die Rache der Sith“) lebt mit ihrem Mann Jake (Temuera Morrison, „Stirb niemals allein“) und einem Sohn, der jedoch bald wegen seiner Diebstähle in eine Jugendanstalt eingewiesen wird, sowie der kleinen Tochter Grace (Mamaengaroa Kerr-Bell) zusammen. Der älteste Sohn ist längst außer Haus, seit er sich einer Straßengang angeschlossen hat. Der arbeitslose Jake feiert regelmäßig mit seinen Freunden in der örtlichen Trinkhalle, wo er sich auch gern Schlägereien liefert. Nicht selten nimmt er anschließend seine Saufkumpanen mit nach Hause und setzt dort die Partys fort. Sturzbetrunken lässt er seinen Frust dann häufig an seiner Frau aus und prügelt sie grün und blau. In der Regel vertragen sie sich am nächsten Tag wieder, vor allem, weil Beth darauf bedacht ist, die Familie zusammenzuhalten – u.a. Grace zuliebe, die gerade dabei ist, ihr schriftstellerisches Talent zu entdecken. Als auch sie ein Opfer der nächtlichen Eskapaden Jakes und seiner Freunde wird, kommt es jedoch zur Tragödie...

Tamahori entstammt selbst den M?ori und wird wissen, wovon die (mir unbekannte) literarische Vorlage handelt, was man seinem Film zu jeder Sekunde anmerkt: Der mit vielen ihre Sache ganz ausgezeichnet machenden Laiendarstellern gedrehte Film wirkt erschreckend distanzlos, authentisch und voll ehrlicher Wut und Verzweiflung. „Die letzte Kriegerin“ ist eine Art Bestandaufnahme der Folgen der Kolonialisierung Neuseelands und der Verdrängung der Ureinwohner einer- sowie eine bedrückende Sozialstudie menschlichen Elends andererseits. Der Film vermittelt zudem einen beunruhigenden Eindruck davon, wie es in einem patriarchalen Kulturkreis zugehen kann, in dem es wenig geächtet ist, Frauen zu misshandeln. Jake hat es sich in seiner Opferrolle eingerichtet und offenbar die Hoffnung verloren, etwas an den bestehenden Verhältnissen ändern zu können – so er sie jemals besessen hat. Er tritt nach unten, vergreift sich an körperlich Unterlegenen und geht wieder zum Alltag über, der für ihn vor allem das Feiern und Saufen in der Gruppe bedeutet, in der er etwas gilt. Dabei werden jedoch auch immer wieder die mutmaßlichen Gründe deutlich, aus denen Beth ihn einst ehelichte: Hat der Alkohol noch nicht die Kontrolle über sein Handeln übernommen, ist er ein warmherziger, lebenslustiger Mann, zudem kräftig und gutaussehend, der stolz auf seine Frau ist und mit Vorliebe laute Lieder singt, also keinesfalls ein depressiver, frustrierter Mensch, der permanent unausstehlich wäre. Diese Ambivalenz, die aggressive Trinker zunächst häufig als überaus charmante Mitmenschen erscheinen lässt, wird unter Tamahori nur allzu deutlich.

So gar nichts wissen will Jake allerdings von Beth‘ Familienbanden zu traditioneller lebenden M?ori; vielleicht, weil er ahnt, dass diese insgeheim noch immer eine Option für seine Frau darstellen, ohne ihn auszukommen. Und so ist „Die letzte Kriegerin“ dann auch ein Film über bzw. pro Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und die Hoffnung, die auch nach schwersten Tragödien und Verbrechen noch immer irgendwo am Horizont leuchtet und die es sich zu ergreifen lohnt, auch wenn oder gerade weil sie damit einhergeht, ein neues Leben zu beginnen. Der Weg dorthin, den die Handlung zeigt, ist allerdings brutal und schwer erträglich, wobei am auffälligsten neben der letztlich das Schicksal der Familie besiegelnden Untat sicherlich die wahrlich krass choreographierten, schnellen, ultrabrutalen Schlägereien sind, die den Atem stocken lassen. Durch seine Reduktion auf rund 100 Filmminuten geht manch Entwicklung etwas schnell vonstatten und hätte sich bei mehr Zeit bestimmt emotionaler und tiefgründiger ausschmücken lassen. Doch auch in seiner letztendlichen Form ist „Die letzte Kriegerin“ ein intensives Familien- und Milieu-Drama, das sich anzusehen zweifelsohne lohnt.

Details
Ähnliche Filme