Der italienische Regisseur Fernando Di Leo hat mit seinen Polizei- bzw. Gangster-Filmen Filmgeschichte geschrieben. Doch 1971, im gleichen Jahr wie sein unnachahmlicher „Milano Kaliber 9“, erschien seine Konsalik-Verfilmung, die eigentlich gar keine war: „Das Schloss der blauen Vögel“ alias „Der Triebmörder“ ist möglicherweise sein dritter Film, der sich vornehmlich mit der menschlichen Sexualität auseinandersetzt; leider sind mir die beiden zuvor erschienen Werke „Die Unbefriedigte“ und „Armasi male“ unbekannt. In jedem Falle aber ist „Das Schloss der blauen Vögel“ ein Paradebeispiel dafür, wie wenig einem Regisseur ein Genre liegen kann – auch wenn Di Leo es in ein Erotik-Giallo-Gewand (ent)kleidete.
Wenn man als gutsituierte Dame psychisch einen Hau weghat, zieht es einen vornehmlich nach Schloss Hohenschwand, wo man mal so richtig ausspannen kann – ob bei einer gepflegten Einheit Sport auf dem Rasen des luxuriösen Anwesens, beim abendlichen Dinieren mit den behandelnden Ärzten oder beim Schäferstündchen mit dem Gärtner (Giangiacomo Elia, „Der Mörder des Klans“), der Krankenschwester (Carla Mancini, „Das Geheimnis der blutigen Lilie“) oder was sich sonst gerade so anbietet. Kein Wunder, dass man da die mittelalterliche Waffenkammer mit ihren Hieb- und Stichwaffen nicht wirklich vor fremdem Zugriff schützt, schließlich wird unter diesen Umständen wohl niemand auf düstere Gedanken kommen. Dumm nur, dass eines Tages dann doch ein schwarzgewandter Mörder das Sanatorium heimsucht und die Patientinnenzahl unschön dezimiert…
Di Leo hatte sie alle: Rosalba Neri („Sklaven ihrer Triebe“), Margaret Lee („Der Hexentöter von Blackmoor“), Klaus Kinski („Leichen pflastern seinen Weg“)… Doch was machte er mit ihnen? Er ließ sie seltsam zusammenhanglos wirkende Szenen spielen, die keiner Dramaturgie zu folgen scheinen. Wenn er versucht, den Whodunit?-Verdacht auf den Kinskerich zu lenken, besorgt dies die Schnittmontage. Doch Di Leo gibt sich damit nicht zufrieden und zeigt seinen Schauspielern noch lange bei Belanglosigkeiten, nur damit sich das Gesicht auch ja einbrennt – und schindet damit natürlich auch Laufzeit. Und derlei Leerlauf gibt es immer wieder, wohlgemerkt zwischen deftigen Schauwerten: Episodenhaft wirken die Sex- und Gewaltszenen, seltsam entrückt vom Drumherum, als habe das alles überhaupt nichts miteinander zu tun. Auch die Schauspieler scheinen in herkömmlichen Dialogszenen mehr für sich zu spielen denn zu interagieren und blühen lediglich in den Sexszenen auf.
Diese haben es dann insbesondere dank Rosalba Neri tatsächlich auch in sich: Wohl niemand spielt eine pathologisch sexbesessene Nymphomanin, zum Klinikaufenthalt verdonnert, mit solch einem Stolz, einer solchen Anmut und Grazie. Dies ändert jedoch kaum etwas daran, dass „Das Schloss der blauen Vögel“ in keiner Weise ernstzunehmen ist, so betont düster und bedrohlich er sich auch häufig zu geben versucht, und fragmentarisch, unglücklich geschnitten, unfertig und ob seines Potentials verschenkt wirkt: Beinahe, als habe Di Leo gar keine Zeit für den Film gehabt und sei lediglich dann und wann kurz am Set aufgetaucht, um sein Team zu ermutigen, einfach irgendetwas irgendwie zu machen. So glänzt dann in der einen Szene die Kamera, in der nächsten die Neri und in der übernächsten wird’s ein wenig blutig, eine Kohärenz entwickelt sich jedoch genauso wenig wie Spannung oder wenigstens eine Handlung, der man gebannt folgt, weil man sich für die Charaktere über ihre nackte Haut hinaus interessieren oder eine innere Logik erkennen würde, deren Konklusion man erfahren möchte. So wirkt das dick aufgetragene Finale dann auch ein bisschen wie ein Dreijähriger, der trotzig seine Burg aus Bauklötzchen kaputttritt.
Dass „Das Schloss der blauen Vögel“ für Liebhaber unfreiwilligen Trashs oder hanebüchener Sleaze-Unterhaltung längst vergangener Zeiten dadurch zu einem besonders spaßigen Leckerbissen wird, ist dann die Kehrseite der Medaille und sichert auch diesem Unfug einen Platz in meinem europhilen Herzen. Und dass Di Leo offenbar daraus gelernt hat, beweist er mit seinem zumindest nicht 100%ig gegenteilig gelagerten „Avere vent'anni“ sieben Jahre später, in dem er Sexualitäts- und Gewaltmotive in Form eines Erotikdramas wesentlich stimmiger miteinander verband (bis die deutsche Bearbeitung diese Bemühungen wieder zunichtemachte).