„Wir sind in einem Alter, in dem einem mehr genommen als neu gegeben wird“
Charles Stanforths (Jim Broadbent) tröstende Worte zu „Indiana“ Jones haben Symbolcharakter für Spielbergs Versuch, einer Trilogie, neunzehn Jahre nach deren Ende, wieder Leben einzuhauchen. Durchaus glaubhaft können Spielberg, George Lucas und Harrison Ford vermitteln, dass es sich dabei um eine Herzensangelegenheit handelte, das der Dreh viel Spaß machte und noch mehr schöne Erinnerungen hervorrief. Trotzdem musste allen Beteiligten klar gewesen sein, dass ein vierter Teil, der mit so großem Abstand zu den ersten Folgen entstand, nicht mehr viel mit den Originalfilmen zu tun haben kann.
Nicht ohne Grund benötigte es viel Zeit, bis sich Lucas und Spielberg auf ein Drehbuch geeinigt hatten, denn die hier gestellte Aufgabe ähnelte der Quadratur des Kreises. Zum einen wollten sie eine inhaltliche und gestalterische Linie zu den 80er Jahre Filmen herstellen, die die zahlreichen „Indiana Jones“ Fans befriedigte, zum anderen sollte ein neues Publikum für den Film begeistert werden. An dieser Aufgabe musste das Team scheitern, denn die Faszination, die die frühen „Indiana Jones“ Filme auch heute noch ungebrochen ausstrahlen, entspringt ihrer Zeit und ist in dieser Form nicht mehr zu imitieren. Betrachtet man „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ detailliert, erkennt man die Einsicht der Macher in diese Tatsache, denn trotz vielfältiger Reminiszenzen an „Indiana Jones 1-3“, wurde es ein Film der Gegenwart. So sehr man sich auch bemühte, den Stil der alten Filme nachzuahmen und immer wieder betonte, viele Action-Elemente „altmodisch“ und damit frei von computeranimierten Bildern gedreht zu haben, so wenig kann man die Denkweise des damaligen Publikums, dem vor immerhin 27 Jahren die Titelfigur vorgestellt wurde, heute noch nachvollziehen.
Die Unterschiede beginnen schon bei der Hauptfigur. Diese werden keineswegs in Harrison Fords Auftreten erkennbar, der trotz seiner 65 Jahre mit physischer Präsenz glänzt, sondern zeigen sich darin, dass Spielberg seine Titelfigur dem Publikum erklärt. Die Anspielungen auf die McCarthy-Zeit, der zur Folge Professor Jones seinen Lehrstuhl verliert, sind historisch ungenau, da zum Zeitpunkt der Handlung 1957 McCarthy schon seit Jahren entmachtet war und auch die nach ihm benannte Phase der antikommunistischen Hysterie seit 1956 als beendet gilt. Da Lucas/Spielberg auf dieses Element später nicht mehr zurückkommen und es für die Handlung unwesentlich bleibt, ist anzunehmen, dass sie damit Indys unangepassten Charakter betonen wollten. 1981 konnte Harrison Ford mit runder Brille und verhuschtem Blick seine Vorlesungen halten, aber es bedurfte nur seines schiefen Grinsens und man hatte keinen Zweifel daran, dass Indiana ein Draufgänger war.
Das offensichtlichste Zugeständnis an ein heutiges Publikum ist die Figur des Mutt (Shia LaBeouf), die Indy zur Seite gestellt wird. Auch wenn der milchgesichtige LaBeouf als Rocker mit Marlon Brando Attitüde zuerst etwas gewöhnungsbedürftig ist, so macht er seine Sache gut als Side-Kick und gibt Ford die Gelegenheit, selbstironisch seine Rolle zu reflektieren. Mutt steht hier stellvertretend für ein Publikum, das „Indiana Jones“ noch nicht kennt, und so wie er diesen besser kennen lernt, erfährt auch der Erstseher mehr über die Titelfigur. Sehr gelungen ist auch die Idee, Marion Ravenwood (Karen Allen) zu reaktivieren. Mit ihr weckt Spielberg beim Indy-Kenner Erinnerungen und schafft gleichzeitig einen historischen Hintergrund für den Nichtkenner. Hier kommt der Film der Verzahnung von alt und neu am nächsten.
Dabei spart Spielberg keineswegs mit Szenen für Kenner und lässt dabei für kurze Momente immer mal wieder das alte Feeling entstehen. Wenn gleich zu Beginn der von den Russen bedrohte Indy die riesige Halle mit den Holzkisten betritt, werden sofort Erinnerungen an einen der letzten Eindrücke des ersten Teils wach. Die zuvor so erbittert gejagte Bundeslade verschwand damals einfach in der anonymen Kisten-Masse.
Oder die Momente als Jones und Mutt bei Nacht in ein unterirdisches Grab eindringen, um nach dem Kristallschädel zu suchen, verströmen bestes Indy-Feeling, aber insgesamt gibt es weniger der klassischen Forschungs-Szenen.
Stattdessen setzen die Macher auf mehr Action und verstärkten Einsatz von CGI-Effekten, genauso wie sie statt lebendiger Schlangen oder Ratten lieber mörderische, animierte Ameisen verwenden. Auch die Verfolgungsjagd, der sich Indy und seine Freunde durch die von Irina Spalko (Cate Blanchett) angeführten russischen Truppen ausgesetzt sehen, fällt erheblich länger aus, als die vergleichbaren Hetzjagden, die sich Indy in den 30er Jahren mit den Nazis leistete, und wird für eine Vielzahl von Schaueffekten genutzt. Damit ist der Film auf der Höhe der aktuellen Blockbuster-Gegenwart und ganz ein Kind unserer Zeit. Was man leider auch für die Auflösung sagen muss, die verdeutlicht, dass man heute keinen mehr mit „göttlichen“ Bestrafungen hinter dem Ofen hervorlocken kann – da muss schon härterer Tobak her.
Wer „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ als Fortsetzung im Geiste der 80er Jahre erhofft hatte, wird von dem Film enttäuscht sein. Spielberg konnte und wollte keinen Film für Fans machen, sondern für das heutige Kinopublikum. Auch Harrison Ford verstand sich nicht als Wiedergänger einer Kult-Figur, sondern wollte noch einmal ganz aktuell zeigen, dass er nicht nur über genügend Power verfügt, sondern sich auch als Person verändert hat. Sein selbstironisches Geplänkel über sein Alter, aber auch die abschließende Hochzeit mit Marion, bezeugen das.
Angesichts des Kultstatus, den die ersten drei Filme heute haben, vergisst man, dass beim Erscheinen des ersten Teils im Jahr 1981, dieser höchst umstritten war. „Indiana Jones“ galt als extrem schnell geschnittener, nur der Unterhaltung dienender Actionfilm und damit als Vorbote eines kulturellen Niedergangs. Wenn man angesichts des aktuellen Films Kritiken liest, die sich über Unlogik oder fehlende Schlüssigkeit in der Szenenabfolge aufregen, werden Erinnerungen an die damaligen Meinungen wach.
„Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ ist für seine Zeit sicherlich nicht so stilbildend wie die ersten „Indiana Jones“ Filme, aber letztlich ein gelungener Kompromiss zwischen der respektvollen Verwendung einer Kultfigur und einem Action-Film der Gegenwart für ein neues Publikum (8/10).