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Das Geheimnis des schwarzen Handschuhs

„Zum Jammern habe ich keine Zeit. Diese Männer müssen sterben!“

Der französische Schauspieler und Regisseur Robert Hossein („Mitternachtsparty“) realisierte im Jahre 1969 in französisch-italienischer Koproduktion einen waschechten (und seinen einzigen) Italo-Western: Für „Friedhof ohne Kreuze“ arbeitete er auch vor der Kamera – er bekleidete auch gleich die Hauptrolle – wieder mit Michèle Mercier zusammen, mit der er zuvor bereits viermal für die „Angélique“-Reihe vor der Kamera stand.

„Rache befriedigt niemals – du weißt es nur noch nicht.“

Irgendwann irgendwo im Wilden Westen: Die Familie Rogers hat sich die Gegend Untertan gemacht, auch der Sheriff (Pierre Collet, „Tagebuch einer Kammerzofe“) tanzt nach ihrer Pfeife. Gnadenlos pressen sie ihre Mitmenschen bis zum letzten Penny aus. Und wer sich wehrt, mit dem wird kurzer Prozess gemacht; so geschehen mit Ben Caine (Benito Stefanelli, „Der Tod ritt dienstags“), der erst durch die Wüste gehetzt und, einmal eingeholt, vor den Augen seiner Frau Maria (Michèle Mercier) aufgeknüpft wurde. Schmerzerfüllt sinnt sie nach Rache und wendet sich an den zurückgezogen in Einsamkeit lebenden Revolverhelden Manuel (Robert Hossein), dem sie das Geld ihrer Brüder (Guido Lollobrigida, „Django und die Bande der Gehenkten“ und Michel Lemoine, „Necronomicon – Geträumte Sünden“) anbietet, damit er in ihrem Auftrag Vergeltung an den Rogers übt. Zunächst weigert sich Manuel und reagiert abweisend, eröffnet jedoch schließlich seine Jagd auf die Mörderbande. Er schleicht sich inkognito in die Familie ein und entführt, nachdem er ihr Vertrauen gewonnen hat, deren Tochter Johanna (Anne-Marie Balin, „Judge Roy Bean“). Doch diese Tat ist der Auftakt für eine Eskalation der Gewalt, an deren Ende sich nur der Tod die Hände reibt…

Hosseins „Une corde… un Colt…“, so der mit „Ein Strick, ein Colt“ zu übersetzende Originaltitel, orientiert sich zunächst einmal stark an klassischen Rache-Sujets des Genres und führt ein bekanntes Figurenensemble ein: Manuel entspricht dem wortkargen, emotionsarmen Einzelgänger, Maria der Witwe, der übel mitgespielt wurde, und die Rogers stellen die vermeintliche Übermacht dar, gegen die kaum ein Kraut gewachsen scheint, skrupellos und kaltblütig. Nach seinen anfänglichen Schwarzweißbildern, in denen die Roger-Brüder zu einem schmissigen, von Scott Walker gesungenen Titellied aus der Feder André Hosseins (dem Vater Roberts) den bedauernswerten Ben jagen, wechselt der Film rechtzeitig zu dessen Hinrichtung zur Farbe und orientiert sich fortan recht stark an der Leone-Schule: Gequatscht wird nie zu viel, stattdessen spricht die gern in Nahaufnahmen eingefangene Mimik Bände, erzählen die ausdrucksstarken Bilder wortlos ihre Geschichte, transportieren Blicke und subtiler Musikeinsatz Emotionen, die angesichts des lebensfeindlichen Ambientes nur versehentlich und verstohlen durch die Pokerfaces huschen. Hier befindet sich nichts mehr im Aufbau, hier wird abgerissen, und die Geisterstadtkulissen wirken wie Mahnmale dessen, was war und kommen wird.

Mit der Melancholie in seinen Augen hat Hossein in der Rolle als Revolver-Antiheld ein bisschen was von Genre-Stammmime Anthony Steffen, doch wer dahinter einen raubeinigen good guy vermutet, sieht sich getäuscht. Manuel stürzt sich mit in den Abgrund, indem er sich nahtlos in die moralferne „Der Zweck heiligt die Mittel“-Mentalität derer einreiht, die er bekämpft. Mitunter reibt man sich verwundert die Augen, was der mutmaßliche Sympathieträger des Films so alles anrichtet und fragt sich, ob das Drehbuch das tatsächlich ungesühnt lassen würde. Dies und der konsequente Fatalismus und Nihilismus, die Hossein letztlich in einem an klassische Tragödien erinnernden Finale perfekt abrundet, machen „Friedhof ohne Kreuze“ allen Genre-Konventionen zum Trotz zum etwas anderen Rachewestern, in dem menschliche Ambivalenz und Dualität stets zu Negativität und Niedertracht führen.

Zum Ensemble gesellen sich zwei Brüder Bens, die ihren Teil zu diesem Verlauf beitragen, bis eine zuvor scheinbar stiefmütterlich behandelte Figur ihre Passivität aufgibt und aktiv auf den Plan tritt, bevor die letzte Einstellung die Farblosigkeit des Prologs aufgreift und sich damit ein weiterer Kreis schließt. Neben diesen großen Momentan hat „Friedhof ohne Kreuze“ auch schöne Details zu bieten. So ließ Hossein in die Gestaltung Manuels eigene Marotten wie das Anlutschen der Zigarillos einfließen. Eine weitere unverwechselbare Eigenschaft Manuels ist das Überstreifen eines einzelnen schwarzen Handschuhs, bevor er zum Colt greift und jemanden ins Totenreich befördert. Zudem beweist man, dass auch französische Schauspieler für einprägsame Galgenvogelvisagen gut sind – und wissen, wie man einen Italo-Western zu spielen hat. Die Kirsche auf der Sahnehaube aber ist die eigens von Hosseins Freund Sergio Leone gefilmte Sequenz des gemeinsamen Essens mit der Roger-Bande, die komplett dialogfrei auskommt und für die deutsche Kinofassung leider vom Verleiher Ingo Hermes verstümmelt wurde. Überhaupt hatte Hermes viel Hand angelegt, mitunter leider sinnentstellend.

In der von Hossein intendierten Fassung aber ist „Friedhof ohne Kreuze“ ein beeindruckend aus typischen Genre-Zutaten und individuellen Variationen arrangierter Euro-Western, der hier und da vielleicht noch etwas Pepp oder Tiefgang hätte vertragen können, dann und wann dramaturgisch etwas unter dem Fehlen positiver Assoziationsfiguren leidet und zwar nicht die ganz große Gänsehaut wie die unbestrittenen Meisterwerke des Genres verursacht, sich aber durchaus unmittelbar hinter ihnen einreihen darf. 7,5 von 10 schwarzen Handschuhen dafür.

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