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"100 Feet" erzählt die Geschichte der Marnie Watson (Famke Janssen), deren Horrortripp schon viele Jahre anhält und endlich zu Ende scheint. Die Vorgeschichte der Frau, die mit einer elektronischen Fussfessel versehen, noch ein Jahr Gefängnis in ihrem eigenen Haus absitzen muss, wird in nur wenigen Nebensätzen angedeutet, so dass man sich als Betrachter diese in der eigenen Vorstellung zusammensetzen muss. Das hat im filmischen Sinn gesehen den Nachteil, dass die zurückliegenden Ereignisse weniger prägnant spürbar werden als die kommenden. Doch für das Verständnis der Verhaltensweise der allein gelassenen Frau ist das von wesentlicher Bedeutung.

Im Grunde ist "100 Feet" weniger ein Horrorfilm als eine Verhaltensstudie, die von einer sehr guten Famke Janssen über die gesamte Laufzeit hinweg überzeugend gestaltet wird. Zu Beginn wirkt sie, als sie von dem Polizisten Shanks (Bobby Cannavale) in ihrem eigenen Haus eingesperrt wird, geradezu schnoddrig. Shanks ist schlecht auf sie zu sprechen, denn sie hatte seinen Partner umgebracht, weshalb ihm ihre Versetzung aus dem Gefängnis in den Fussfessel-Alltag nicht passt. Janssen gelingt es, Marnie auf eine Art selbstbewusst zu gestalten, die aus dem Gefühl entspringt, sowieso niemals Unterstützung erhalten zu haben geschweige denn sympathische Anteilnahme.

Tatsächlich hatte sie, bevor sie ihren Mann in Notwehr tötete, sechsmal Anzeige wegen Körperverletzung erstattet, die jedesmal, weil ihr Mann von seinen Polizeikollegen gedeckt wurde, im Sand verliefen. Das Gericht muss ihr diesen Umstand zumindest ansatzweise geglaubt haben, sonst hätte sie mehr als die drei Jahre Gefängnis bekommen, von denen sie zwei schon abgesessen hat. "100 Feet" nutzt diesen Ansatz nicht zu einem kritischen Exkurs über "häusliche Gewalt", sondern als Begründung für ihre Ausgegrenztheit innerhalb der Grosstadt. Wofür andere Horrorfilme die ländliche Einsamkeit benötigen, gelingt dem Film mit einem alltäglichen Thema, dessen Tabuisierung in der bürgerlichen Gesellschaft die Grundlage für ein spannendes Szenario bildet. Nur in einem Satz wird erwähnt, dass Marnie auch im Gefängnis schikaniert wurde, worin der Grund für ihre Versetzung ins traute Heim lag.

Man könnte dem Film die Benutzung eines kritischen Themas und damit Verharmlosung vorwerfen, aber damit täte man Famke Janssens Spiel unrecht. Trotz des wachsenden Grauens, dem sie zunehmend in ihrer unmittelbaren Umgebung ausgesetzt ist, wird sie hier nie zum Opfer. Im Gegenteil beginnt sie schnell Gegenmittel zu entwickeln und verliert auch nicht ihren Mut, als sich der Gegner als unüberwindlich zu erweisen scheint. Obwohl das eigentliche Horrorszenario nicht wirklich überraschend ist und auch die Entwicklung der Schreckensmomente gängigen (wenn auch gut funktionierenden) Regeln folgt, so beeindruckt vor allem Marnies Verhalten, dass sich nicht in langen und sinnlosen Hilfeappellen erschliesst und auch auf weinerliche Kreischanfälle verzichtet.

Dieses Verhalten begründet sich aus der Tatsache, dass ihr Horrortripp schon viel länger anhält, als es der Zuschauer hier erlebt und das selbst das gewalttätigste Monster an Schrecken verliert, wenn man sich daran schon viele Jahre gewöhnen musste. Janssens Spiel hebt den Film aus der gängigen Ware heraus und lässt den Betrachter, wenn er sich nicht ausschliesslich am gezeigten Geschehen orientiert, nachfühlen, welcher ganz reale Horror den Alltag beherrschen kann (7/10).

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