Review

Daß Vampirismus und Sexualität oft miteinander verflochten auftreten, ist nicht erst seit seit Coppolas „Dracula“ bekannt, jedoch ist es sehr erfrischend, zu beobachten, daß der Blutdurst und die damit verbundenen Probleme und Nöte auch auf einer eher gefühlsmäßigen Ebene funktionieren, als Metapher für Weltabgewandheit, Isolation und das erste Regen persönlicher Gefühle.

John Ajvide Lindqvist, Autor des Romans „So finster die Nacht“, war in der außerordentlich glücklichen Position, aus seiner Vorlage selbst eine filmische Adaption heraus zu destillieren, die von dem schwedischen Regisseur Tomas Alfredson geradezu kongenial umgesetzt wurde.

Anstelle von unausgelebten sexuellen Wünschen bzw. gelebter Sexualität unter der Metapher des Bluttrinkens, handelt „Let the Right One in“ eher von einer behutsamen und daher viel schmerzhafteren Vorstufe.
Oscar, ein zwölfjähriger Junge, steht in seiner Welt fast ausschließlich allein da – seine Eltern sind geschieden, die Mutter relativ selten zu Hause und in der Schule ist der belesene, aber introvertierte und unzufriedene Junge das dauerhafte Ziel fieser Schulrowdys, die ihn soweit gebracht haben, daß er den Zustand nur in einsamen Gewaltphantasien kompensiert. Das geht so lange, bis in die Wohnung nebenan ein älterer Mann mit einem etwa gleichaltrigen Mädchen einzieht – was dem Zuschauer nicht lange verborgen bleibt, ist, daß das Mädchen Eli ein Vampir ist und ihr Begleiter notgedrungen für sie Leute ermordet, um ihren Durst zu stillen.
Beiden Kindern ist die Einsamkeit und der Unwillen an Kommunikation zu eigen, die Kontakte verbleiben eher statisch, doch als Elis Begleiter aufgrund seines Alters versagt, verhaftet wird und schließlich stirbt, entwickelt die Beziehung der beiden Kinder eine notgedrungene Eigendynamik.

Lindqvists Roman geht das Thema nicht als eine Sache von Gut und Böse, sondern praktisch ohne moralische Wertungen an. Er vermeidet grundsätzliche Informationen, wie etwa das Verhältnis zustande kam oder wie alt Eli wirklich ist, sondern konzentriert sich auf die momentanen Gegebenheiten.
Dadurch gerät die Geschichte zu einer Situationsbeschreibung, die ganz auf die zwei Hauptcharaktere abgestimmt ist, die man als Zuschauer erfühlen und in die man sich hineindenken muß, ohne auf konventionelle Fragen oder Motive des Vampirfilms zurückgreifen zu können.

Oscar benötigt Liebe und Zuneigung, aber die Mutter ist zu selten da und der Vater ist offenbar, wenn auch freundlich, doch eher pflichtvergessen in seiner erzieherischen Position, die Lehrer sind mehr nette, aber nutzlose Karikaturen, denn Respektspersonen und die Persönlichkeit Oscars als solche wird nicht wahrgenommen. Das wäre um so wichtiger, da Oscar inzwischen soziopathische Tendenzen zeigt, mit einem Messer hantiert und Zeitungsausschnitte über Gewalttaten sammelt, alles Anzeichen für einen eventuellen Amokläufer oder Mörder.
Die wirkliche „Mörderin“ dagegen ist Eli, die jedoch ihre Taten mit der Lebensnotwendigkeit verbindet, auch wenn sie nicht gern tötet, jedoch bei nicht vollzogener Tat neue ihrer Art produziert. Das Töten wird zu einem verzweifelten Akt, dem sie nicht mehr mit menschlichen Kontakten gegenüber tritt, doch die erzwungene Einsamkeit nähert die verzweifelten Kinder einander an.

Alfredson bebildert mit seinem Film eine vollends kalte und leblose Welt, die verschneite schwedische Stadt wirkt tatsächlich einfach nur kalt, leblos und ungemütlich; dazu passend erscheint die Umgebung wie jeglicher Farbe beraubt und ausgebleibt (der Film spielt 1982), unpersönlich, ärmlich, was auch durch die fast ganz leergeräumte Wohnung Elis unterstrichen wird. Die einzigen anderen Personen, an deren Schicksal man teilhaben kann, ist ebenfalls ein degenerierter Haufen von Nachbarn und Trinkern, die in einer Art Kettenreaktion in die Ereignisse hineingezogen werden, als Eli einen von ihnen aussaugt.

Die Gefahr für den Film bestand weniger darin, die mitunter recht herben Splatterszenen (der Film trieft bisweilen vor Blut und weist auch sonst einige herbe Szenen auf) zu rechtfertigen, sondern glaubhaft und gefühlvoll die emotionale Annäherung zweier fast gänzlich abgestorbener Menschen (schlimmer: Kinder kurz vor dem Teenageralter) darzustellen, ohne peinlich oder klischeehaft zu werden. Geradezu berückend naiv und deswegen so berührend die Sequenz, in der Eli, aufgrund ihrer Geschichte ohne falsche Scham (da nie sexuell aktiv) nackt in Oscars Bett krabbelt und sich die beiden darüber unterhalten, was es bedeutet, miteinander „zu gehen“, ohne das einer von beiden dazu näheres Wissen besitzt. Noch schockierender die Folgerichtigkeit, mit der es gegen Ende tatsächlich zu einem Kuss zwischen den Beiden kommt, Elis Gesicht dabei triefend blutverschmiert.

Lindqvist verfehlt nie den im Grunde optimistischen Kern einer stets pessimistischen Geschichte (in der der weibliche Vampir am Ende drei Jungen der fast gleichen Altersklasse aus der Not abschlachtet, um ihren „Liebsten“ zu retten, ein bekanntes Hollywoodmotiv mit verkehrten Geschlechterrollen) und führt die Sehgewohnheiten an der Nase herum – provoziert sogar bei den Gore-Einsätzen Genrelacher, um dann aus dem stimmungsvollen Publikum in einem ironischen Dreh den eigentlichen Ekelreflex auszulösen, als der stets rotzverschmierte Oscar einen Tropfen seines Nasenausflusses runterschluckt.

Hervorragend durch die Bank alle Darsteller, voran natürlich die Jugendlichen (auch die fiesen Mitschüler), wobei die Debutantin Lina Leandersson mit ruhiger Professionalität und ungewöhnlicher stiller Tiefe heraussticht – doch auch Kare Herebrant als Oscar ist ein Muster an sperriger, ungelenker, prä-pubertärer Natürlichkeit, jedoch in seiner Eckigkeit (er wirkt manchmal fast ein wenig dement) weniger einnehmend.

„So finster die Nacht“ ist sicher kein Mainstreamfilm, eher schon eine Horror-Drama-Arthaus-Mischung, die man sich erarbeiten muß, statt sie einfach so einpfeifen zu können. Es ist ein fast statisch beginnender, manchmal kurioser, ironischer, meistens deprimierender, aber stets gefühlvoller Film, dessen optimistisches Ende eine eher pessimistische Wahrheit kaschiert, der jedoch den Zuschauer mit jeder Szene mehr in den Bann schlägt, weil man wissen will, wo diese morbide Zweierbeziehung hinführt. Das ist ein Wagnis, das sogar über die Abstrusitäten der Gefühle eines Tim Burton bei weitem hinweg geht, weil all der Pomp, Kitsch und visuelle Ballast abgeworfen wurde.
Und so atmet man als Zuschauer fast pure Melancholie und erträgt es, wie es die Figuren ertragen und sich dann doch entwickeln und in gewisser Weise befreien. Es ist harte Arbeit, auf der Leinwand und davor, aber es lohnt sich am Ende (9/10).

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