Was bedeutet es nach gesellschaftlichen Normen, sich seinem Alter entsprechend zu verhalten oder schlicht normal zu sein? Was auch immer man hier als Antwort geben mag, nichts davon trifft auch nur annähernd auf den Psychiater Jeffrey (Ben Kingsley) und den frisch gebackenen High-School-Absolventen Luke (Josh Peck) zu. Der Junge und der alte Mann sind zunächst einmal gleichermaßen vom Leben angeödet: Jeffrey ist der Ehe mit seiner depressiven Frau Kristin (Famke Janssen) schon lange überdrüssig und betäubt seinen Frust mit Drogen, die ihm sein junger Dealer, eben jener Luke, regelmäßig liefert. Dieser ist ein typischer Außenseiter: Keine Freunde, Eltern pleite und orientierungslos in die Zukunft blickend. So verbringt er seine Sommerferien genau wie Jeffrey, der ihm als Bezahlung auch Therapiestunden anbietet, bevorzugt im THC-Rausch. In den regelmäßigen Sitzungen wird schnell klar, dass Jeffrey zwar augenscheinlich über mehr Erfahrung verfügt, aber kaum weniger offene Fragen an das Leben hat als sein junger „Patient“.
Geschichten über Freundschaften, die Altersgrenzen überwinden, haben seit jeher ihren Reiz darin, dass die (zumeist gesellschaftlich ausgegrenzten) Protagonisten eine Art von Zuneigung miteinander verbindet, die weit über die übliche Definition von Freundschaft hinausgeht. Alt bedeutet in dieser Konstellation Lebensweisheit, jung bedeutet Unbekümmertheit und bisweilen Naivität im Hinblick auf essentiellen Themen des Lebens. Obwohl das Mentor-Schützlings-Prinzip dabei klar definiert sein sollte, liegt der Kernpunkt solcher Geschichten zumeist in den Aspekten, in denen diese Rollenverteilung umgekehrt wird oder, wie im Falle von Luke und Jeffrey, gänzlich verschwimmt.
Dies äußert sich vornehmlich in der Tatsache, dass Jeffrey auf jegliche gesellschaftliche Konvention pfeift und trotz seines gesetzten Alters weiter um die Häuser ziehen und einfach Spaß haben will. Ein Begehren, dass bei seiner Ehefrau auf tiefe Verachtung und bei Luke zunächst auf Befremdung stößt. Diesem ist aber bewusst, dass auch sein Leben kaum etwas mit dem seiner Altersgenossen zu tun hat, die die Sommerferien ganz nach dem gängigen Klischee auf Parties und in Clubs bei jeder Menge Alkohol und noch mehr Sex ausleben, während Luke eher teilnahmslos dabei zusieht. Dann aber verknallt er sich in Jeffreys Stieftochter Stephanie (Olivia Thirlby).
An dieser Stelle hätte Regisseur und Autor Jonathan Levine leicht den Fehler machen können, die Liebesgeschichte als Zerreißprobe für die Freundschaft der beiden darzustellen, und zunächst sieht es auch ganz danach aus. Jeffrey ist strikt gegen eine Affäre der beiden. Er warnt Luke eindringlich vor der selbstbewussten, aber emotional unterkühlten Stephanie:
She is just bored. She will break your heart.
Diese macht tatsächlich von Anfang an keinen Hehl daraus, sich mit dem endorphinblinden Luke nur die Zeit vertreiben zu wollen und fast möchte man den Jungen als Zuschauer zur Seite nehmen und ihm Jeffreys Worte regelrecht einprügeln. Aber es kommt letztendlich genau so, wie es kommen muss - ein Umstand, der gleichzeitig Stärke und Schwäche des Films ist. Einerseits ist der Ausgang der einseitig geführten Romanze sehr vorhersehbar, andererseits ist das Fazit, die Lehre, die Luke aus dieser Erfahrung zieht, für jedermann einleuchtend und glaubhaft in Szene gesetzt, so dass man am Ende niemandem wirklich böse sein kann.
Die Erfahrungen, die Jeffrey macht, sind ebenso wenig positiv: Langsam erkennend, dass die Jugend, die er sowohl nachholen und als auch weiterhin ausleben will, faktisch nicht mehr existent ist, verschwindet seine mit Drogen unterstützte Lebensfreude mehr und mehr im Selbstmitleid. Nicht nur seine Ehe gleicht einem Scherbenhaufen, seine ganze Existenz sieht er nach und nach in Frage gestellt. Als er kurz davor ist, endgültig an seinen Zweifeln zu zerbrechen, gipfelt die Situation in einem gemeinsamen Drogenexzess der beiden Protagonisten, der sinnbildlich für die schmerzhaften, aber eminent wichtigen Erfahrungen und Umbrüche im Leben steht. Sie geben sich in dieser Phase gegenseitig die Kraft, diese durchzustehen, ganz gleich, ob es „nur“ um die Überwindung des ersten echten Liebeskummers oder um den Beginn eines ganz neuen Lebens geht.
Freundschaft, erste Liebe und das Leben an sich. Es ist bisweilen erstaunlich, wie es Filmemacher wie Jonathan Levine schaffen, diesen klassischen Themen immer wieder neue Aspekte abzugewinnen. „The Wackness“ überzeugt vor allem dank seiner glaubwürdigen Figuren, die von zwei exzellenten Darstellern verkörpert werden. Ben Kingsley ist nach einigen lustlosen Vorstellungen in den letzten Jahren wieder voll auf der Höhe seines Könnens und stellt den schrulligen Psychiater Jeffrey als einen nach Leben dürstenden Außenseiter dar, der in der Freundschaft zu Luke neuen Mut schöpft. In dessen Rolle wiederum, ebenso überzeugend verkörpert durch Josh Peck, wird sich jeder Heranwachsende von Anfang hineinfühlen können. Zum erweiterten Kreis gehört zunächst Olivia Thirlby als Stephanie, deren Figur in keinster Weise sympathisch gezeichnet ist, aber in jeder, insbesondere in optischer Hinsicht dem feuchten Traum des gemeinen männlichen Teenagers entspricht und damit im Kontext der Erzählung ideal angelegt ist. Zurückhaltender ist da schon Famke Janssen, die in vergleichsweise wenigen Szenen eine gebrochene, vom Leben gezeichnete Frau darstellt und zusammen mit ihrem männlichen Gegenpart das zumeist erdrückende Bild einer kaputten Ehe liefert. Ebenso unauffällig geben Talia Balsam und David Wohl eine sehr gute Vorstellung als Lukes Eltern ab. In durchaus amüsanten Minirollen bekommen wir außerdem Rapper Method Man als slangerprobten Drogenboss und Mary-Kate Olsen als dauerbekiffte Hippiebraut zu sehen.
Es sei noch erwähnt, dass die gesamte Handlung im Jahr 1994 angesiedelt ist. Dies verdeutlicht zum einen die Zeitlosigkeit der behandelten Themen, liefert zum anderen aber auch die Gelegenheit für zahlreiche nostalgische Referenzen an die letzte Dekade. Im Hintergrund ablaufende Nachrichtensendungen, die Frisuren, Walkmen, der mit 90er Jahre-Musik gespickte Soundtrack - diese Detailverliebtheit dürfte bei den jetzigen Mitte- und Endzwanzigern sofort die eine oder andere Jugenderinnerung wachrufen.
Mit seiner zweiten Regiearbeit liefert Jonathan Levine eine Tragikomödie ab, deren Geschichte frei von moralischem Fingerzeig erzählt wird und dabei nie Leichtigkeit und Optimismus verliert. „The Wackness“ ist ein Film, der Mut macht, die Hürden des Lebens nicht einfach als gegeben hinzunehmen, sondern selbst mit anzupacken, sie beiseite zu räumen - ganz gleich, welcher Altersklasse man angehört.