„Queen of Chick Flick - oder Sex and the City erobert die große Leinwand"
Männer aufgepasst! Sofern ihr mit einer weiblichen Person liiert seid, ist euch in den kommenden Wochen mindestens ein freier Abend gewiss. Sie wird ausgehen. Versprochen. Der Grund? Sex and the City ist in der Stadt. Für die Ignoranten unter euch: das ist der Kinofilm zu einer der erfolgreichsten TV-Serien der letzten 10 Jahre.
Die auf 6 Staffeln verteilten 94 Folgen avancierten zu einem globalen Phänomen. Die amourösen Abenteuer und Verwicklungen, die diversen Lebenskrisen sowie insbesondere die offenherzigen Gespräche vier erfolgreicher New Yorker Singlefrauen jenseits der 30 rund um das Thema Sex trafen weltweit den weiblichen Nerv. Ungleich dem teilweise ähnlich angelegten Format Desperate Housewives genießt Sex and the City allerdings beim männlichen Publikum einen denkbar schlechten Ruf. Das mag zum einen an den recht blassen und klischeehaften Männerrollen der Serie liegen. Hauptgrund dürfte allerdings vielmehr der unverblümte und mitunter recht derbe Umgang mit sexuellen Wünschen, Praktiken und Vorstellungen sein. Und das keineswegs nur in der Theorie. Viele Männer schienen verwirrt ob der sexuellen Aggressivität der vier Protagonistinnen und fühlten sich ein ums andere Mal bloßgestellt durch das schamlose Offenlegen ihrer intimsten Gewohnheiten und Bedürfnisse.
Das Merchandising und der Hype um den neuen Film stößt in das gleiche Horn. Selten wurde so vehement und plakativ um eine klar definierte Zielgruppe geworben. Kein Frauenmagazin ohne Titelstory und/oder kilometerlanger Fotostrecke. Keine größere Stadt ohne „Ladies Night" zur Premiere, ein Gläschen Prosecco sowie irgendein aktuelles Hochglanz-Modemagazin selbstredend als Dreingabe. Damit wird auch dem letzten, zumindest ansatzweise interessierten Mann unmissverständlich klar gemacht: Wegbleiben! Bei Zuwiderhandlung droht beißender Spott der Artgenossen bis zur Aberkennung der heterosexuellen Ausrichtung. Und während Frauen in „Jungs-Filmen" wie John Rambo ohne Umschweife in den Kreis der Gore- und Actionfans aufgenommen werden, ernten Männer in sogenannten Frauenfilmen meist spöttisch-mitleidige Blicke vom vornehmlich weiblichen Publikum.
Kann man sich Sex and the City vor diesem Hintergrund als Mann überhaupt ansehen? Ein klares ja. Es muss ja nicht die Ladies Night sein. Gut, alle vier Hauptcharaktere sind Frauen. Das für die allermeisten Männern als langweilig und überflüssig geltende Thema Mode hat einen enormen Stellenwert. Gleich der TV-Serie wirkt auch der Kinofilm zeitweise wie eine überlange Werbestrecke für ausgefallene Designermode, sündteure Schuhmarken, extravagante Handtaschen und einschlägige Hochglanzmagazine. Das häufig kolportierte schamlose Product Placement in den Bondfilmen erscheint demgegenüber geradezu schüchtern. Überdies werden die männlichen Charaktere zu Nebenfiguren degradiert, die neben ihren schillernden Frauen nicht nur aufgrund der erheblich geringeren Screentime außerordentlich blass und uninteressant erscheinen. Ironischerweise erleiden sie damit das gleiche Schicksal wie der typische „Love Interest" in zahllosen Superhelden- und Actionfilmen. Also warum sollte man sich als Mann so etwas antun?
Zunächst einmal geht es in Sex and the City vor allem auch um Liebe und Sexualität. Zwei Themen, mit denen jeder Mann in seinem Leben früher oder später mehr oder weniger intensiv konfrontiert wird. Gerade vor dem Hintergrund der häufig beklagten Tatsache nicht zu wissen „wie Frauen ticken" ist es erstaunlich, dass so ein großer Bogen um Filme gemacht wird, die dieses Problemfeld immerhin auf unterhaltsame Weise thematisieren. Drüber hinaus ist der Film weit entfernt von Kleinmädchenfantasien wie sie in Filmen wie Plötzlich Prinzessin oder Verliebt in die Braut zuckersüß bis hin zur Klebrigkeit bedient werden. Zwar suchen alle vier nach dem großen Lebensglück, das muss sich aber keineswegs in Ehe, Haus und Kind manifestieren. Im Gegenteil, für eine entpuppt sich gar das promiskuitive Singledasein als Liebesideal. Wie sagt sie so schön zum eben verlassenen, reichlich verdutzten Lebensabschnittspartner: „Ich liebe dich, aber viel mehr noch liebe ich mich selbst."
Wie schon die Fernsehserie strotzt auch der Kinofilm vor bissig-bösen Kommentaren, absurder Situationskomik und intelligent-hintergründigem Wortwitz. Dabei gelingt Regisseur und Drehbuchautor Michael Patrick King fast durchgängig eine fein austarierte Balance zwischen Komik, Tragik und Romantik. So werden brüllend-komische und spöttisch-ironische Szenen immer wieder auch mit bittereren und anrührenden Momenten kontrastiert. Der durchaus vorhandene Kitsch gewinnt nie die Oberhand, stets verhindert ein überraschender Stimmungswechsel oder eine ironische Brechung „das Schlimmste".
Dass der Film dennoch weniger bösartig, progressiv und provokant als sein TV-Äquivalent daherkommt, mag ein Zugeständnis an das anvisierte Massenpublikum sein. Es ist gleichzeitig aber auch Ausdruck einer seit mehreren Jahren zu beobachtenden Tendenz, bei der das Fernsehen die moderneren, frischeren und interessanteren Stoffe zu bieten hat. Insbesondere in den USA wirken diverse Fernsehformate (vor allem beim Bezahlsender HBO) deutlich brutaler, offenherziger, zynischer oder pointierter als die teilweise seltsam dröge, keinem weh tun wollende und damit oftmals biedere Massenware der großen Hollywoodstudios. Je teurer der Film, desto geringer offenbar die Risikobereitschaft der Macher und desto massenkompatibler und letztlich austauschbarer das Endprodukt. Serien wie Rom, 24 oder eben auch Sex in the City degradieren genreverwandte Kinoproduktionen im direkten Vergleich nicht selten zur hausbackenen Familienunterhaltung.
Bei Sex and the City - The movie besteht diese Massenkompatibilität im Kreisen um das Genrethema schlechthin: Heirat und Hochzeitsfeier. Die New Yorker Kolumnistin und Bestsellerautorin Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) und ihr Dauer-immer-mal-wieder-Freund John James „Mr. Big" Preston (Chris Noth) wollen nicht nur ein gemeinsames Apartment beziehen, sondern auch gleich heiraten. Ihre besten Freundinnen reagieren unterschiedlich auf die unerwartete Neuigkeit. Während die konservative Charlotte (Kristin Davis) Feuer und Flamme ist, reagieren die zynische Miranda (Cynthia Nixon) sowie die männermordende Samantha(Kim Cattrall) weit weniger begeistert. Erst als Carrie von ihrer Chefin zu einer Wedding-Fotostrecke in der Modebibel Vogue überredet wird, sind auch die beiden Skeptikerinnen mit an Bord. Schließlich darf Carrie Hochzeitskleider der weltweit angesagtesten Designer tragen. Die geplante überschaubare Feier entwickelt sich in der Folge zu einem ausufernden High-Society-Spektakel. Den Bräutigam beschleichen ob des Rummels erste Zweifel, die Miranda - gerade von ihrem Ehemann betrogen - mit einer unbedachten Bemerkung noch zusätzlich schürt. Am Hochzeitstag schließlich erscheint er nicht. Die pragmatische Samantha bucht daraufhin die geplanten Flitterwochen in Mexiko kurzerhand auf die vier Freundinnen um, vor allem um die völlig deprimierte Carrie wieder aufzubauen. Zurück in New York stehen drei der vier vor einem Scherbenhaufen. Carrie bezieht ihr altes Apartment und versucht Mr. Big zu vergessen. Miranda verlässt ihren Mann und zieht mitsamt ihrem Sohn in einen neue Wohnung. Samantha langweilt sich in Los Angeles als Managerin ihres Geliebten Smith Jerrod (Jason Lewis) und beginnt sich für den attraktiven Nachbarn zu interessieren. Lediglich die innige Freundschaft der vier lässt sie optimistisch in die Zukunft sehen. Bis Miranda Carrie ein Geständnis macht ...
Natürlich ist dies ein klassischer Genre-Plot. Betrogene Ehefrauen, in letzter Minute geplatzte Hochzeiten und der Urlaub mit den besten Freundinnen. Unzählige „Chic Flics" kreisen um eines oder gleich mehrere dieser Themen. Allerdings ist dies auch eine logische Fortsetzung der Fernsehserie, die vor vier Jahren damit endete, dass sich alle Frauen in festen Beziehungen wieder fanden. Ohnehin rückt das nicht gerade bahnbrechende Storygerüst aufgrund der oben beschriebenen, perfekt ausbalancierten Mischung aus Dialogwitz, tragischen Momenten und klug beobachteten, geschlechtsspezifischen Eigenheiten überwiegend in den Hintergrund.
Lediglich die „Mexiko-Episode" wirkt überflüssig und seltsam deplaziert. Hier operiert der Film zu sehr mit platten Klischees, langweilt mit nichtssagenden Dialogen und einfallslosen Situationen. Vor allem wird aber deutlich, wie notwenig New York City für das Funktionieren des Stoffes ist. Die klitzernde Metropole ist gleichsam der fünfte Hauptdarsteller und wie in der Serie Lebenselixier sowohl für die Hauptcharaktere, wie auch für Atmosphäre und Stimmung des Gesamtkonzepts. Glamour, Singledasein, Einsamkeit, Hektik, Lebensfreude, all dies wird durch die wunderbar in Szene gesetzten Aufnahmen der Megametropole nicht nur untermalt sondern verstärkt, symbolisiert und letztlich erst vermittelt.
Mit beinahe 2½ Stunden ist der Film auch eindeutig zu lang geraten. So mancher „Frauenabend" und vor allem der Subplot um Carries neu eingestellte persönliche Assistentin bremst Tempo und Stringenz der ohnehin etwas dünnen Geschichte ein ums andere Mal aus. Hier wäre eine vielschichtigere Ausarbeitung der schablonenhaften männlichen Charaktere sinnvoller und qualitätssteigernder gewesen. Neben der im Vergleich zur klar bissigeren Fernsehserie deutlich geringeren Dosen an Sarkasmus, Ironie und verbaler Freizügigkeit sicherlich der Hauptkritikpunkt. Dem Film anbiedernden Konservativismus und damit Verrat am progressiven Tenor des Originals vorzuwerfen, ist dagegen blanker Unsinn. Schon in der TV-Serie ging es den vier Frauen trotz aller sexueller Freizügigkeit und moderner Beziehungsvorstellungen hauptsächlich um das Suchen und Finden des großen Liebesglücks. Auch am beruflichen Erfolg und der damit einhergehenden finanziellen Unabhängigkeit der Freundinnen hat sich seit der letzten TV-Folge nichts geändert.
Fazit:
Alles in allem ist die Übertragung der Fernsehserie Sex and the City auf die große Leinwand durchaus gelungen. Charme, Humor, Hintergründigkeit sowie der ein oder andere Seitenhieb auf die Tücken moderner (sexueller) Beziehungen zeichnen auch die Kinoversion aus. Kurz: Wer die Serie mochte, dem wird auch der Film gefallen.
Zwar ist der Plot nicht sonderlich einfallsreich, die ein oder andere Szene überflüssig und der Film insgesamt gut 20 Minuten zu lang geraten. Auch der im Vergleich zum Fernsehoriginal heruntergefahrene Anteil an Zynismus, Bösartigkeit und Derbheit mag manchen Serienfan etwas enttäuschen. Trotzdem bleibt noch genug übrig, um sich abseits zuckersüßer Märchenromanzen und/oder platter Teenie-Liebeskomödien auf (meist) intelligent-witzige Art zu unterhalten. Das gilt übrigens auch für Männer.
(7/10 Punkten)