Review

Beeindruckend, wie intensiv auf einen Film wie "Sex and the City" eingedroschen wurde!
Einen Film, der doch nur ein typisches Hollywoodprodukt sein will, der eine spezielle Klientel bedient, so wie es bereits Hunderte andere Filme gegeben hat, die sich in erster Linie sowohl entweder an Männer oder an Frauen richten. Eine weltweite Fangemeinde hatte auch hier sechs Staffeln einer Fernsehserie durchlitten, die vorgab, einen amüsierten, aber ziemlich unüblich offenen Blick auf Singles, Beziehungen und Sex in einer erlesenen bebilderten Großstadt zu werfen und sich dann (natürlich) doch auf typische Beziehungsgeschichten konzentrierte, die pro Episode dann anhand von vier unterschiedlichen Frauencharakteren den einen oder anderen Aspekt zunehmend milder erörterte.
Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda waren als ungefähre Identifikationsobjekte angelegt: im Zentrum die klassische Singlefrau mit ihrem Traum von dem besonderen Mann, der keine weiter konzipierten Lebensplanungen enthielt und so als bewußt neutral gefärbter Fragensteller die Probleme umriß; an der Peripherie dann die langsam in die Jahre kommende Samantha als moderne Selfmadefrau, die Beziehungen nur über den Sex - und entsprechend die Befriedigung dabei - definierte, Charlotte als typisches Weibchen mit dem innigen Wunsch nach kitschiger Harmonie und Mutterschaft (inclusive natürlich auftauchender Hindernisse) und Miranda als emanzipierte Anwältin und Vertreterin der dem Mannsbild angenäherten Berufstätigen, die sich eben genau mit dem rumschlagen muß, dem sie eigentlich aus dem Weg gehen will, den Emotionen und dem familiären Umfeld.

Daraus ergaben sich sowohl klassische, wie auch klischeehafte, jedoch meistens amüsant-witzige Betrachtungen, die allerdings längst nicht mitreißend für den Mittelstand der Weiblichkeit (und möglicherweise einen Teil der schwulen Volksgemeinschaft) gewesen wäre, würde die Serie nicht ständig den Hauch von Erlesenheit, von Reichtum, Ansehen, In-Sein und Chic verkörpern - die Normalität war da stets langweilig und beängstigend gefärbt. Dieser Zynismus scheint das Publikum jedoch nie gestört zu haben und als die Serie auf einer harmonischen Note endete (in der Reihe: endlich die langumkämpfte Beziehung; einen erträglichen Partner; eine von der Illusion differierende, aber akzeptable Familie; Akzeptanz der Komplexität von Arbeit, Familie und Beziehung), war klar, daß da noch Platz nach oben war, denn ein Beziehungsgarn kann weiter gesponnen werden.

Da aber im Kino immer alles eine Nummer größer sein mußte, erwartet das Publikum in der Filmfassung nicht nur die inhaltliche Fortschreibung des Beziehungs- und Sexreigens, sondern auch eine Aufstockung an Schauwerten, sozusagen ein schier zwanghaftes Suhlen in Luxusartikeln, edlem Product Placement und eine permanente Modenschau an Eleganz und designten Abstrusitäten.
Gerade das wird und wurde als oberflächlicher Kitsch angeprangert - und auch wenn das sicherlich stimmt, so muß man bedenken, daß die Kernzielgruppe (also durchaus gebildete junge Frauen bis zu normalen Hausfrauen ohne oder mit entsprechendem Vermögen) genau deswegen ins Kino geht und anschließend die DVD kauft - hier soll kein Oscarmaterial geschaffen werden, im Gegenteil, ein edler und unerschwinglicher Versandhauskatalog wird mit einer Art Handlung angereichert.

Das ist einerseits beklagenswert, weil es den Film an sich entwertet, andererseits ist Product Placement inzwischen eine angesehene Methode um sich im Vorfeld zu finanzieren. So werden Filmfans unwillig abwinken, wenn etwa in einer komplett überflüssigen Szene Sarah Jessica Parker um ein Handy bittet, ein I-Phone bekommt und dies in Großaufnahme zurückgibt, weil sie nicht damit umgehen kann.
Dennoch muß man die Dreistigkeit dieser animierten Gala-Ausgabe "on parade" geradezu bewundern, denn dazwischen hat man tatsächlich noch Handlung versteckt und bei 140 Minuten Dauerwerbung samt Film ist das fast eine zusätzliche halbe Staffel, umfaßt der Plot doch ein komplettes Jahr.

Natürlich hatte eine Fortsetzung nur eines zu liefern: die Hochzeit von Carrie und ihrem eleganten, aber männlich-herben Galan Mr.Big (Chris Noth in der Rolle seines Lebens, was Ausstrahlung angeht). Die soll entsprechend stattfinden, wird aber von ihr (wie eben der ganze Film auch) überproduziert, so daß er kalte Füße bekommt. Wer zweifelt also noch daran, daß nach einem dreivierteljährigen Beziehungstief mit erneutem Single-Dasein am Ende ein Happy End folgt.
Nebenbei erleben halt auch die anderen drei noch kleinere Abenteuer, die aber nur Ergänzungsmaterial sind: Samantha macht sich wieder unabhängig, Miranda muß einen Ehebetrug aufgrund von stressbedingter Gattenvernachlässigung überwinden und die naive Charlotte darf sich weitestgehend aufgespult oder hysterisch benehmen und bringt denn doch noch ein eigenes Kind zur Welt. Im Mittelpunkt bleibt aber der umständlich und bemüht problematisch überhöhte Hochzeitscrash, von dem man natürlich sofort ahnt, daß man ihn mittels eines Gesprächs in 10 Minuten aus der Welt hätte schaffen können, aber große Gefühle und große Ausstattung bedingen nun mal eine Neunmonatsfrist aus Trauer, Frust und einem ausgedehnten Frauenurlaub in Mexiko.

Ja, das ist gewollt, hohl und übertrieben, flach und gedrechselt, aber wer schon einmal (besonders als Mann) ein Frauenkollektiv im Kino erlebt hat, das im angefixt-hysterischen Proseccorausch wie wild engagiert an dem bißchen Plot miträt, mitleidet und emotional Achterbahn fährt (Entsprechung bei Männern: Fußballspiel!) und bei aller billigen Vorhersagbarkeit dennoch fast jedes Mal falsch bei den Annahmen liegt, was als nächstes geschehen wird, weiß, daß die Macher praktisch alles richtig gemacht haben.
Für Fans der Serie ist die Substanz sicherlich teilweise entzogen worden, der Glamour für die große Leinwand hat sich jedoch gesteigert - und ja, alle haben, inclusive der beliebtesten Nebendarsteller, ein Stück abbekommen.
Sogar einige wirklich gute Szenen haben es in den Film geschafft (u.a. eine Abschiedsmodenschau Parkers in gräßlichen 80er-Klamottage und eine schöne Szene auf der Brooklyn-Bridge mit Miranda), doch der Film schafft den abgerundeten Schluß, den das Publikum mit Sicherheit noch verlangt hat, wenn auch der status quo sich letztendlich kaum ändert. Dafür aber hatten die Beteiligten, die Ausstattungsfirmen, die Modeschöpfer, Make-Up-Künstler und die Produzenten einen guten Tag - und wer das kritisiert, darf vermutlich nie wieder seine Finger an einen alten Garbo-, Dietrich- oder Crawfordfilm legen, der ebenfalls auf Wunsch der vorwiegend weiblichen Zuschauerschaft meistens inhaltlich das Gleiche bot, aber unter der Auflage gedreht wurde, daß der Star in jeder Szene ein neues, aufsehenerregendes Ensemble eines berühmten Couturiers mit entsprechem Hut präsentierte, hier werden die Markennamen nur zusätzlich noch aufgezählt - man ist ja eitel und muß auf den Umsatz schauen.

"Sex and the City - Der Film" ist also entweder der ganz heiße Scheiß oder absolut verdammenswert, es ist aber auch eine wirklich brilliante Vermarktungsmaschine, die nur etwas mehr "in your face" ist, als der sonstige, auf Effekte setzende Sommerblockbuster oder der bei Fastfoodketten totbeworbene Familienfilm. Insofern kann ich die entwaffnende Ehrlichkeit der Dauerwerbung fast schon gutheißen. Fast!
Was das Filmische angeht: eine erwartbare und inhaltlich wenig aufregende Fortsetzung, die einen Schlußstrich hätte ziehen sollen und leider nicht mehr die zeitweise Spritzigkeit der ersten Staffeln inne hat, aber das ist ein Problem, unter dem schon die Serie litt: edles Design, aber konventionelle Erwartungen. (5/10)

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