Hinter den feindlichen Linien abgeschossen - Owen Wilson als Jetpilot in Nöten
Um es vorwegzunehmen, "Im Fadenkreuz" ist ein Kriegsfilm. Das sei ausdrücklich erwähnt, weil es heutzutage eigentlich keine Kriegsfilme mehr gibt. Nur noch Antikriegsfilme. Auch wenn in einem Film neunzig Minuten gemordet und gebombt wird, wenn eine anderthalbstündige amerikanische Nationalhymne zelebriert wird und wenn eine patriotische Peinlichkeit die andere jagt - das jeweilige Machwerk ist trotzdem ein Antikriegsfilm. Warum? Weil irgendwo ein Soldat auftaucht, der wahlweise in sein Tagebuch schreibt, eine Freundin hat die auf ihn wartet oder in den letzten Zügen liegend etwas von "sinnlos" röchelt. Zugegeben, diese Darstellung ist überzogen, zeigt aber deutlich wohin der - gleichermaßen verlogene wie selbstbetrügerische - Trend der letzten Jahre geht. Erfreulich, das "Im Fadenkreuz" keinerlei Anspruch darauf erhebt, in die zu unrecht elitäre Riege der Anti-Kriegsfilme aufgenommen zu werden. Mehr noch, Regiedebütant John Moore schafft es Denkanstöße zu geben, ohne theatralisch zu werden oder schullehrerhaft den Zeigefinger zu erheben. Bestes Beispiel hierfür ist eine Szene, in der ein Massengrab entdeckt wird; die Handlung geht forsch weiter und dem Zuschauer bleibt selbst überlassen, ob er sich nach Filmende auf die (lediglich angedeuteten) Gräßlichkeiten besinnen möchte oder nicht.
Schauplatz der Handlung ist Bosnien. Der Krieg ist vorbei doch der Konflikt schwelt immer noch gefährlich und der Waffenstillstand steht auf wackeligen Füßen. Während eines UN-Patroullienfluges bemerken zwei amerikanische F-18 Piloten massive serbische Truppenbewegungen in einer als entmilitarisiert deklarierten Zone. Um die Vorgänge beweisen zu können, machen die Piloten Fotos mit der Bordkamera ihres Jets - und entdecken dabei ein halb zugeschüttetes Massengrab.
Um ihre illegalen Aktivitäten geheim zu halten, greifen die Serben den Aufklärer mit Luftabwehrraketen an. Trotz brillanter Flugmanöver ist der Abschuß unvermeidbar, die US-Flieger retten sich mit Schleudersitz und Fallschirm. Doch während Co-Pilot und Navigator Chris Burnett (Owen Wilson) glimpflich davon kommt, wird Pilot Stackhouse (Gabriel Macht) am Bein verletzt. Eine folgenschwere Verletzung, denn der serbische Suchtrupp ist bereits unterwegs. Aus einem Versteck heraus kann Burnett nur noch beobachten, wie sein Pilot von dem Serbenführer Miroslav Lokar (Oleg Krupa) und seinen Schergen kaltblütig hingerichtet wird. Es gelingt Burnett, Kontakt mit seinem Flugzeugträger aufzunehmen. Um gerettet zu werden, muß er einen bestimmten Ort erreichen, dessen Koordinaten ihm per Funk übermittelt werden. Nachteil: Die Stelle befindet sich hinter den feindlichen Linien...
Das der Film auf einer wahren Begebenheit beruht, sollte man nicht allzu ernst nehmen. Das einzig realistische an der temporeichen Actionstory ist sicherlich die Tatsache, daß der Krieg in Bosnien wirklich stattgefunden hat. Alles andere ist Fiktion. Aber das sollte den Zuschauer nicht stören, denn "Im Fadenkreuz" gibt sich nicht dokumentarisch. Sein einziges Ziel, nämlich für spannende Unterhaltung zu sorgen, meistert er mühelos.
Besondere Erwähnung verdienen vor allem zwei Szenen.
Da ist zum einen die Sequenz, in dem der Patroullienfliger mit Luftabwehrraketen angegriffen und schließlich abgeschossen wird. Wer die Flugmanöver in "Der letzte Countdown" oder "Top Gun" mochte, der wird an dieser Szene seine helle Freude haben. Obwohl schon vom ersten Moment an klar ist, daß der Jet den Kampf verlieren wird, ist Spannung pur garantiert. Die verschiedenen Flugmanöver sind atemberaubend in Szene gesetzt und auch ein "Effekt-Spleen" von Regisseur Moore kommt in dieser Sequenz gut an: Unmittelbar vor dem ultimativen Knall 'friert' Moore für die Dauer eines Wimpernschlages ein paar Bilder ein. Der dramatische Moment, auf den die Szene ausgerichtet ist, wird damit um eine Winzigkeit verzögert und die Spannung steigt. Ergebnis ist ein guter Effekt den Moore allerdings bei seinem nächsten Film sparsamer einsetzen sollte. Im Verlaufe des Filmes wird dieses Stilmittel nämlich noch ein paar mal eingesetzt - und verliert dadurch zunehmend an Reiz. Schließlich nervt es sogar.
Die zweite herausragende Szene wird von einer Wärmebildkamera aufgezeichnet. Im Kontrollturm des Flugzeugträgers sitzend wird der Zuschauer Zeuge, wie Owen Wilson von einer Horde immer näher rückender serbischer Soldaten verfolgt und schließlich eingeholt wird. Man sieht die Akteure nicht als reale Figuren, sondern lediglich als bunte Wärmebilder vor schwarzem Hintergrund. Und wenn die Verfolger fast über die Silhouette des reglos am Boden liegenden Flüchtigen stolpern, dann fragt man sich unweigerlich: Warum können sie ihn nicht sehen? Die Antwort gibt's im Film.
Zu den Schauspielern gibt es nicht viel zu sagen. Gene Hackman spielt wieder einmal den von der Schwere seiner Verantwortung belasteten Befehlshaber. Zwar agiert er hierbei zeitweise etwas leidenschaftslos, doch dank seiner Routine reicht das immer noch für einen solide Durchschnittsleistung. Sunnyboy und Mamas Liebling Owen Wilson hingegen paßt nicht so recht in die Rolle des toughen Einzelkämpfers, Wilson hat nämlich das typische Comedy-Gesicht. Allerdings macht er das beste aus seinem Auftritt und fällt nicht negativ auf. Wirklich genial agiert Vladimir Mashkov, dessen Gesicht dem ein oder andere vielleicht noch aus "15 Minuten Ruhm" in Erinnerung ist. Obwohl er kaum ein Wort spricht, zaubert Mashkov einen rundherum überzeugenden Bösewicht aus dem Hut. Spitze.
Fazit:
"Im Fadenkreuz" vereinigt Tempo, Spannung und eine gehörige Portion "Bum Bum". Wer Hightech-Effektshows mag, der findet hier genau die richtige Unterhaltung. Dank der vielen Actionszenen auch zum wiederholten Genuß geeignet. Prima.