Sitcoms sind ein typisch amerikanisches Genre und erfreuen sich, nach ihrem Erfolgshöhepunkt in den 80ern und 90ern, auch heute noch großer Beliebtheit. Bekanntlich neigen Serien aus dem Sitcom-Bereich zu einer idealisierenden Darstellung familiärer Verhältnisse und Probleme – Francois Ozon hätte keinen sarkastischeren Titel für sein giftiges Familienportrait wählen können. Bereits 1998 hatte der damals noch sehr junge Regisseur (gerade mal über 30) bereits umfangreiche Erfahrungen gesammelt und diverse Kurzfilme realisiert. Heute gehört er zu Frankreichs renommiertesten Filmemachern überhaupt und seinen Werken wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Schade, dass „Sitcom“ beinahe vollständig übergangen wurde und international kaum Beachtung fand.
Formal hält sich Ozon an die Vorgaben des Genres, ohne aber eingespielte Lacher zu verwenden. Das gesamte Geschehen spielt sich im Haus der Familie ab, das Set beschränkt sich also auf die verschiedenen Zimmer, welche allesamt eher bieder gestaltet sind. Zunächst sehen wir wie der Vater nach Hause kommt, als er ins Haus geht, bleibt die Kamera jedoch statisch und folgt ihm nicht. Die Familie begrüßt ihn mit einem Geburtstagständchen, daraufhin Stille. Anschließend hören wir, wie der Vater alle Anwesenden erschießt, kommentarlos. Dann startet die Handlung, setzt einige Monate vorher ein.
Im Zentrum des Geschehens steht eine weiße Ratte, die der emotional völlig tote und allen Dingen gegenüber scheinbar gleichgültige Vater spontan als Haustier anschafft. Eine merkwürdige Aura umgibt das Tier und ein Familienmitglied nach dem anderen wird in ihren tiefen Bann gezogen. Alle machen daraufhin einschneidende Veränderungen durch. So entschließt sich die miesepetrige Tochter zum Selbstmord, scheitert aber und landet im Rollstuhl. Als Querschnittsgelähmte entwickelt sie einen merkwürdigen SM-Fetisch, mit dem sie ihren treuen Freund emotional immer mehr zusetzt. Als erstes wird aber der Sohn verändert, vom stillen Stubenhocker entwickelt er sich rasend schnell zum schrillen Paradiesvogel, der seine neu entdeckte Homosexualität voll auslebt. Nach kurzer Zeit schmeißt er bizarre Gruppenparties in seinem Zimmer.
Die Mutter versucht indes ihren Sohn von seiner Homosexualität zu `heilen`, was in den größten Tabubruch mündet: im inzestuösen Beischlaf zwischen Mutter und Sohn. Derweil verkommt die lateinamerikanische Haushälterin immer mehr zur schludrigen Schlampe und verführt den Freund der Tochter des Hauses. Auch hier hält sich Ozon nicht zurück, beim `spanischen` Liebesspiel (Kenner wissen Bescheid;) hält er für einen Moment voll drauf und zeigt einen erigierten Penis. All diese Tabubrüche erzeugen ihre satirische Wirkung vor allem durch die Selbstverständlichkeit, mit der die Familie (vor allem der Vater) mit all den haarsträubenden Vorkommnissen umgeht.
Scheinbar tobt es aber im Inneren des Vaters, schließlich gipfelt es letztendlich in der Erschießung der Familie
Und genau hier, wo der Zuschauer mit einem runden Abschluss rechnet, setzt Ozon einen spektakulär genialen Twist ein, denn der Amoklauf war nur ein Traum. Was folgt ist eine Groteske sondergleichen, die sich Franz Kafka nicht besser ausmalen könnte: Der Vater, der bisher als einziger keine Veränderung durchmachte, verwandelt sich in eine menschengroße Ratte. Als die Familie das Untier in einem gemeinsamen Kraftakt töten kann kristallisiert sich die eigentliche Problematik heraus: nicht die Entgleisungen der restlichen Familie haben das innerliche Gefüge zerstört. Es war die lieblose Emotionslosigkeit, das mangelnde Interesse des Vaters an seinen Angehörigen, weswegen die Verzweiflung der anderen immer bizarrere Formen annahm.
Atmosphärisch erinnert „Sitcom“ in seinen besten Momenten an die späten Meisterwerke von Luis Bunuel, orientiert sich aber nicht unbedingt and dessen intellektueller Komplexität. Vielmehr seziert Ozon seine Protagonisten auf eine präzise Weise, macht aber keine allgemeinen Aussagen, konzentriert sich ausschließlich auf den hier gezeigten Mikrokosmos. Ähnlich wie Kafkas „Verwandlung“ endet auch dieser Film auf makabre Weise harmonisch und rund. Der Störfaktor in der Familie ist beseitigt. Doch anders als Kafkas Werken handelt es sich bei „Sitcom“ um eher ironische Kost, die Verhaltensweisen der spießbürgerlichen Mittelschicht exakt karikiert. Erschreckend, wie nahe realistische Alltagsbeobachtungen bei surrealistischer Überspitzung liegt und wie stimmig sich die starken Kontraste ergänzen.
Episodisch geschickt konstruiert, kommt jedem Charakter die nötige Aufmerksamkeit zu, auch hier haben wir die für Sitcoms typische, klare Differenzierung zwischen Hauptfiguren (Familie) und Nebenfiguren (z.B. Haushälterin). Langeweile kommt nicht auf, da Ozon es immer wieder schafft den Zuschauer aufs Neue zu schockieren bzw. zu amüsieren. Die verwendeten Vulgarismen sind nicht selbstzweckhaft inszeniert sondern unterliegen alle einem Zweck: Anders hätte Ozon das Genre nicht pervertieren können. Wer Sinn für schwarzen Humor mitbringt wird sich über absurde Situationskomik freuen und sich an den geschliffenen Dialogen erfreuen.
Fazit: Ein unkonventioneller Trip in das verrückte Seelenleben einer durch und durch kaputten Familie, skurriler Humor unterstützt die surreal anmutende Atmosphäre. Darstellerisch und inszenatorisch auf der ganzen Linie überzeugende Attacke eine ganze Gesellschaftsschicht und gleichzeitig eine zynische, dennoch augenzwinkernde, Abrechnung mit dem Genre Sitcom. Brillant!
8,5 / 10