Viele Gefängnisfilme sind zugleich Ausbruchfilme, man denke nur an einige populäre Vertreter wie „Die Verurteilten“ oder „Die Flucht von Alcatraz“.
Da scheint die Prämisse grundlegend dünn, denn man mag sich den Ablauf bereits grob ausmalen: Häftlings-Klischees, Planung und anschließende Flucht.
Alles entscheidend ist jedoch die inszenatorische Umsetzung und da ist Regiedebütant Rupert Wyatt ein kleines Kunststück gelungen, denn wer erwartet am Ende noch einen völlig unvorhergesehenen Twist?
Selbstredend ist der Hauptschauplatz ein Hochsicherheitsgefängnis in Großbritannien, in dem der resignierende Frank (Brian Cox) seit Jahren einsitzt. Als er per Post erfährt, dass seine Tochter aufgrund Drogenkonsums in Lebensgefahr geriet, fasst er Pläne zur Flucht. Nur leider kann er diese nicht allein durchziehen und aufgrund unglücklicher Verknüpfungen erfahren immer mehr Häftlinge von den Fluchtplänen. Die Truppe gerät unter Zeitdruck und droht aufzufliegen, da der Häftlingsboss ihren Vorbereitungen gefährlich nahe kommt…
Man ist zu Beginn ein wenig irritiert, was das für eine entlarvende Dramaturgie sein soll, zwischen Knast-Alltag, Aktionen während der Flucht und den Vorbereitungen hin und her zu pendeln.
Tatsächlich wirken temporeiche Einschübe während der Vorgeschichte deplatziert, man hat Angst, dass bereits zuviel von der Flucht vorweggenommen wird, die teilweise noch gar nicht in Planung ist.
Erst später relativiert sich diese Befürchtung, sie wird sogar ins Positive umgekehrt, denn auf beiden Handlungsebenen spitzt sich die Situation parallel zu, man weiß weder, ob die Flucht von Erfolg gekrönt sein wird, noch, ob die Fluchtpläne am Ende noch einmal umgeworfen werden müssen.
Das ist insofern nachhaltig interessant, wenn man die Sache im Kontext mit der finalen Wendung in Augenschein nimmt. Erst bei einer zweiten Sichtung werden Szenen mit Symbolcharakter ins Auge stechen, die vorher komplett übersehen wurden.
Hinweise auf eben jene Wendung deuten sich ebenfalls während der letzten Minuten an, - vielleicht deshalb so unvorbereitet, weil man es innerhalb des Genres rein gar nicht gewohnt ist.
Gewohntes, sprich Knast-Klischees werden allerdings selten überstrapaziert. Hier der Rasta-Man, dem ein halbes Labor zum Mixen seiner Drogen bereit steht, dort der stets notgeile Bruder des Knast-Chefs und auch das Frischfleisch, welches ausgerechnet Franks neuer Zellenkumpan wird, darf innerhalb dieses Geflechts nicht fehlen.
Erstaunlicherweise scheint in diesem Gefängnis kein Hofgang üblich zu sein, weshalb sich auf der anderen Seite eine angemessen klaustrophobische Stimmung ausbreiten kann.
Gerade solche Szenen, als drei vom Fluchtteam am Tisch sitzen und spielerisch Domino-Steine bewegen, während sie Schritt für Schritt die Stationen ihrer Flucht absprechen, entfalten ein ungeheuer stimmungsvolles und zugleich spannendes Potential.
Das funktioniert primär aufgrund der durch die Bank überzeugenden Darsteller, die nicht nur markant erscheinen, sondern auch ihren Raum außerhalb weniger Dialoge nutzen, mit angemessener Mimik und Gestik zu punkten.
Beispielhaft dafür ist Hauptdarsteller Brian Cox, der hier ein wenig Tommy Lee Jones ähnelt. Oft verweilt er nachdenklich und verzieht trotz blutigem Boxkampf unter Zuschauern kaum eine Miene, - man nimmt ihm schlicht ab, dass er Höhen und Tiefen des Knastalltags nach vielen Jahren nur noch gleichgültig zur Kenntnis nimmt.
Vielleicht ist man zu Beginn ein wenig unsicher, da man einfach ins kalte Wasser gestoßen und mit Gepflogenheiten konfrontiert wird, die zunächst nicht einleuchten wollen (warum wird einer gezwungen, sich den Daumen abzuschneiden?). Doch rasch werden einem die verschiedenen Charaktere nahe gebracht und man ist froh über die Old-School-Inszenierung, die mehr Raum für seine Protagonisten bietet, als auf unnötige visuelle Spielereien zu setzen.
Der Plot Twist voller Melancholie setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf und verleiht dem Titel am Schluss eine doppelte Bedeutung.
„The Escapist“ gehört zweifelsohne zu den besten und überraschendsten Gefängnisfilmen der letzten Jahre.
8 von 10