Wenn der große Clint Eastwood auf dem Regiestuhl Platz nimmt, sind daran mittlerweile einige Erwartungen geknüpft, - haben seine letzten Werke doch stets eine ruhige Erzählweise und emotional mitreißende Wucht miteinander vereinen können.
Auch mit „Der fremde Sohn“ gelingt es ihm, eine auf realen Tatsachen basierende Geschichte voller Gefühle zu erzählen, die zuweilen allerdings ein wenig überfrachtet wirkt.
Es ist die Story über eine allein erziehende Mutter Ende der 1920er in Los Angeles. Als Christine Collins (Angelina Jolie) von ihrer Arbeit nach Hause kommt, ist ihr neunjähriger Sohn Walter spurlos verschwunden. Nach fünf Monaten Suche, auch mithilfe der Öffentlichkeit, präsentiert ihr das LAPD einen Sohn, der jedoch nicht Walter ist.
Christine gibt die Suche nach ihrem wahren Sohn nicht auf und begibt sich in ein Martyrium unter dem Machtmissbrauch der Exekutive.
Unspektakulär, phasenweise ein wenig betont sachlich erzählt Eastwood eine Geschichte über korrupte Behördensysteme, der minderwertigen Stellung der Frau, aber auch dem Aufbegehren der Zivilbevölkerung, insbesondere dem energischen Kampf einer verzweifelten Mutter.
Es sind zeitpolitisch spannende Themen, die vor allem aufgrund ihrer lupenreinen Inszenierung fesseln, wozu die bis in die kleinste Nebenrolle perfekt besetzten Darsteller zur allgemeinen Glaubwürdigkeit beitragen.
Besonders Jolie gibt eine der stärksten Vorstellungen ihrer gesamten Karriere, stark ist sie vor allem in den ruhigen, wortlosen Momenten, wenn ihre Lippen voller Emotionen im Close Up beben oder sie, als die Polizei sie in die Psychiatrie abschiebt, stoisch und uneingeschüchtert auch die Behandlung mit Elektro-Schocks in Kauf nimmt. Ihr facettenreiches Spiel hält den Kern der vielschichtigen Erzählung zusammen, denn im Verlauf bindet diese mehrere Handlungsstränge ein, was der Intensität diverser Themen einige Einbußen beschert.
Denn der verzweifelte Kampf einer Mutter bleibt nicht latent im Fokus, etwa ab Mitte konzentriert sich das Geschehen auch auf eine Mordreihe, die mit dem Schicksal Walters verknüpft ist und schildert, wie ein Serienkiller annähernd zwanzig Kinder auf seine Farm verschleppte und die meisten davon tötete.
Durch diese Aufsplittung teilweise parallel erzählter Stränge erfolgt zwar die Ausbreitung vom Drama zum Krimi und damit verbundener Abwechslung, doch dies erfolgt zulasten einiger Figuren, die nicht tiefer durchleuchtet werden. Etwa ein John Malkovich, der die Rolle eines Pastors und Aktivisten gegen die korrupten Staatsinstanzen verkörpert, wird zu einer undankbaren Nebenfigur abgestempelt, die irgendwann einfach nur noch so im Geschehen mitläuft, was leider auch auf einige andere Figuren zutrifft.
Glücklicherweise behält Eastwood den Überblick, auch wenn die mitfiebernde Wirkung ein wenig verloren geht und der eindeutigen Unterteilung zwischen Gut und Böse eine leichte Ambivalent gut getan hätte.
Denn er vermag es, seine Hauptfigur so einzubinden, dass ihr Schicksal zu Herzen geht, ohne auch nur irgendwann die Grenze zum Kitsch zu überschreiten. Dies gelingt ihm zum Ende besonders clever, indem er einen Mittelweg einschlägt, der weder arge Verzweiflung zurücklässt, noch auf ein tränenreiches Happy End hinarbeitet.
Der Ablauf scheint zwar simplifiziert, da Moral Gerechtigkeit erfährt und Entscheidungen kaum hinterfragt werden, aber als Zuschauer ist man mit dem gefühlsmäßigen Endergebnis schlicht zufrieden, was nach einer emotional aufreibenden Odyssee nicht selbstverständlich ist.
Eastwood offenbart erneut sein feines Gespür, eine an sich kaum originelle Geschichte ansprechend zu verpacken. Die Form seiner Inszenierung, das nuancierte Spiel mit Licht und Schatten, die blasse Farbgebung, die das LA jener Zeit wie einen dreckigen Moloch erscheinen lässt, ist inklusive der Requisiten, Kostüme und dem Styling über jeden Zweifel erhaben. Dieser Glaubwürdigkeit kommen die zeitgenössischen Themen zugute, die von den Darstellern perfekt vorgetragen werden.
Vom einsamen Kampf einer Mutter, über die Rekonstruktion der Serienmorde bis hin zum alles bereinigenden Prozess vor Gericht ist das im Gesamtbild zwar ein wenig viel, aber zu keiner Zeit im Ton vergriffen und vor allem angenehm und angemessen ruhig erzählt.
Denn es bedarf beileibe keiner Brechstange, um Gefühle der Protagonisten auf den Zuschauer zu übertragen, was Eastwood mit Reife seiner Karriere hervorragend herausgefiltert und in Szene gesetzt hat.
8 von 10