Los Angeles. Ende der "Roaring Twenties".
Christine Collins (Angelina Jolie) ist eine allein erziehende Mutter. Gemeinsam mit ihrem neunjährigem Sohn Walter verbringt sie ein geordnetes Leben in einem Haus am Stadtrand.
Sie arbeitet in der Telefonzentrale, fährt jeden Tag mit der Straßenbahn zur Arbeit, während Walter zur Schule geht.
Bis auf den fehlenden Vater alles normal soweit.
Doch dann kommt ein Wochenende. Eigentlich hat Christine frei und gemeinsam mit Walter möchte sie den Tag verbringen. Der Sohn will ins Kino, doch dann klingelt das Telefon. Ihr Boss.
Ob Christine nicht heute einspringen könnte, jemand sei krank. Schweren Herzens willigt Christine ein bis 17.00 Uhr auszuhelfen.
Walter muss enttäuscht zu Hause bleiben, die Brote sind geschmiert, die Nachbarin soll später mal vorbei schauen, allerdings nicht nach Walter, sondern nur nach dem Haus.
Als Christine (deutlich später als geplant) zurück von der Arbeit kommt, beginnt ein Alptraum für sie. Walter ist spurlos verschwunden...
Was nun folgt ist ein unvorhersehbares Drama, das teilweise extrem abstrus erscheint.
Allein, das Drehbuch von Joseph Michael Straczynski beruht in weiten Teilen auf der Odyssee der echten Christine Collins.
Jedes Detail über die Handlung wäre dabei an dieser Stelle zu viel verraten, man muss diesen Film schlicht selbst gesehen haben.
Clint Eastwood (Regie) verzichtet bei CHANGELING glücklicherweise auf jeglichen modernen Schnickschnack. Mit ruhiger Hand und einer enormen Akribie in Sachen Ausstattung, Sets, Kostüme, Hintergründe und Fahrzeugen liefert er zunächst ein, oberflächlich gesehen, klassisches Hollywood-Erzählstück ab. Jedoch vermengt er im weiteren Verlauf das Ganze mit allerhand Anleihen aus anderen Genres, um daraus ein buntes Potpourri zu kreieren, einen waschechten Stilmix.
So bekommt CHANGELING immer mehr Komponenten und Facetten, die eine besondere Faszination ausstrahlen. Dazu ist das Schauspielerensemble bis in die kleinste Nebenrolle überragend besetzt.
Besonders Jeffrey Donovan, Jason Butler Harner und Denis O'Hare sind hier zu nennen. Für John Malkovich ist seine Rolle keine wirkliche Herausforderung, mit einer gewissen Leichtigkeit meistert er seinen Part gewohnt präzise.
Die wirkliche Überraschung für viele könnte in der Leistung von Angelina Jolie liegen.
Gewiss, Kritiker könnten ihr allzu leicht vorwerfen, lediglich die meiste Zeit zu weinen, einen schönen altmodischen Hut zu tragen und nebenbei Werbung für roten Lippenstift zu betreiben, jedoch tut man ihr damit Unrecht.
Sie mag nicht überragend sein, und an der ein oder anderen Stelle ist es vielleicht etwas zu viel des Guten, auf der anderen Seite trägt sie diesen Film mühelos, man fiebert die ganze Spieldauer über mit ihr und so viel besser kann man diese Rolle im Prinzip gar nicht interpretieren.
Das eigentliche Problem von CHANGELING, ist, dass er zu viel auf einmal und vor allem, dass er die letzten gefühlten dreißig Minuten kein Ende finden will. Die Geschichte ist eigentlich abgeschlossen, aber scheinbar wollte Eastwood Frau Collins ein würdiges Denkmal setzen.
Sicherlich sehr lobenswert, andererseits trägt dies aber auch zu einem weiteren großen Manko bei.
Der absoluten Schwarz-Weiß-Darstellung. Eine wirklich ambivalente Figur sucht man hier vergeblich, die Unterteilung in Prota- und Antagonist ist eindeutig. So beängstigend und abstoßend die Figur des Gordon Northcott z.B. sein mag, aufgrund der Filmgeschichte mit all ihren Psychopathen, muss man sich das ein oder andere Mal erinnern, dass dieser Charakter hier nicht vollständig fiktional ist (auch wenn er so wirkt).
Hinter der Aussage des gesamten Films könnte man auch das ein oder andere Fragezeichen setzen. Muss man die Gerechtigkeit in die eigene Hand nehmen um in einem korrupten System nicht unterzugehen? Ist die Kirche der letzte ehrliche Ort? Zahlen sich Mut, Willensstärke und Leidensfähigkeit am Ende aus? Hier bietet CHANGELING viel Angriffsfläche, einen Hehl aus seinen doch recht konservativen Werten hat Eastwood nie gemacht.
Jedoch, ganz gerecht wird man ihm damit nicht. Letztlich sind die Dinge nicht unbedingt so simpel, wie man sie nach dem Abspann vermuten mag.
Ein wirklich großer Film, zwar nicht der in sich geschlossenste, aber auf jeden Fall mit der ungewöhnlichste und interessanteste von Altmeister Eastwood.