Review

An einen der neueren Eastwoods muß man ja fast schon mit respektvoller Erhabenheit rangehen - auch wenn man dem Mann durchaus zutraut, so um die 100 Jahre zu werden, muß man ja genießen, was man noch kriegen kann - man hole mal bitte einen Regisseur aus der Schublade, der jenseits der 75 ist und aus nicht näher zu definierenden Gründen immer besser wird.

Erlesen auch sein bei uns fast untergegangenes Drama "Changeling", der mit dem publikumsfeindlichen deutschen Titel "Der fremde Sohn" geprügelt wurde, was natürlich Erwartungen schürt, hier ein Familiendrama aus der TV-Schnellküche zu bekommen - und sogar die haben wesentlich reißerische Titel.

Basierend auf einem wahren Fall hat der alte Babylon-5-Spezi Michael Straczynski hier mal ein äußerst realitätsnahes Drama zusammengebraut, das in unseren Breiten so nicht mehr oft in den Kinos gesehen wird. Angesiedelt in den Jahren 1928-1935 beschreibt der Film einen wahren Fall, den der alleinstehenden Mutter Christine Collins (Angelina Jolie nimmt sich total zurück!), deren Sohn eines Tages spurlos verschwindet, bis ihr die korrupte Polizeibehörde ein falsches Kind zurückbringt und die darauffolgenden Beteuerungen, es handele sich um einen Fremden mit einer baldigen Einweisung in die Klappse quittiert.

Es bleibt jedoch nicht beim Personendrama, denn gleichzeitig deckt die Behörde doch noch den Fall eines Serienmörders auf, der vermutlich um die zwanzig Kinder auf dem Gewissen hat und möglicherweise darunter auch Kind Walter. Diese Tatsachen verbinden sich zu einer weite Kreise ziehenden Affäre, die einiges in Bewegung bringt.

Was man an "Changeling" bewundern darf, ist seine nicht moralisierende Absichtslosigkeit, mit der der vielschichte Plot geschildert wird. Es gibt keine über allem schwebende Botschaft, keinen Leitsatz, Eastwood interessierte sich offenbar hauptsächlich für die spannende und bewegende Geschichte, die er sorgfältig und mit großem Einsatz im alten Look auf die Leinwand brachte. Seit "L.A.Confidential" hat Los Angeles wohl nicht mehr so schön an die "roaring twenties" bzw "thirties" gemahnt, so detailreich und so sorgfältig in Szene gesetzt - und Eastwood läßt sich über zwei Stunden Zeit, um alle Aspekte abzuarbeiten.

Dabei ist die erste Stunde für einen nicht enden wollenden Alptraum Christines reserviert, deren Beteuerungen nach all den Ängsten dann samt und sonders abgeschmettert und unterdrückt werden, wohl wissend, daß die alleinstehende Frau gegen den Polizeiapparat keine Chance hat, obwohl sie Beweise anführt. Schließlich endet sie in einer Zelle, wird zu einem Geständnis genötigt und unter Medikamente gesetzt. Eastwood breitet das alles langsam aus und zaubert auch nicht genretypisch Kaninchen aus dem Hut - denn der kirchlich motivierte Helfer in Gestalt von John Malkovich ist schon vorher an ihrer Seite und bohrt schlicht und ergreifend einfach weiter, während langsam aber sicher die Wahrheit ans Licht kommt.

In der Folge versucht der Regisseur die unterschiedlichen Plotstränge ohne übertriebene Dramatik auszuloten, den kindlichen Serienkiller, die Leichenfunde, den Polizeiskandal bis zu den parallel geführten Prozessen gegen der Mörder und die korrupten Beamten. Als ungewöhnlich mag man die Dezentralisierung aller Sehgewohnheiten empfinden: weder rückt Christine in den Vordergrund, noch lassen sich A- und B-Plots ausmachen, alles hat die gleiche Gewichtung und eine Weile rückt das Schicksal der Mutter dann in den Hintergrund.

Einige Freiheiten erlaubte man sich dann aber doch bei der Ausgestaltung der "wahren Geschichte", denn die Rolle des ermittelnden Beamten teilte man dann doch zur besseren Gestaltung in Gut und Böse: während Jeffrey Donovan den Fiesling raushängen läßt, darf Michael Kelly den aufdeckenden Polizisten geben, obwohl in Wirklichkeit Donovans Charakter Jones sowohl die Einweisung unterschrieb, wie auch den Serienmord klärte. Auch schenkt Eastwood dem Prozess dann ein sicherlich klareres und glücklicheres Ende, als es in Wirklichkeit war, auch wenn durch die Affäre ein Säuberungsprozess in der Polizeibehörde vorgenommen wurde.

Problematisch ist nur, daß man sich bei der fast manischen Gleichbehandlung der Charaktere nirgendwo emotional wirklich einklinken kann, Angelina Jolie spielt meistens zu sehr im Hintergrund, um als wirkliche zentrale Figur Kontakt zum Publikum aufzunehmen. Das ist zwar generell mal angenehm, aber auch hinderlich, wenn sich das Publikum für einen Fall wirklich engagieren soll.
Aber trotzdem ist diese altmodische Art des Filmemachens so wunderbar zeitlos, daß man den Film wirklich nur als solchen genießen sollte und mehr hat Eastwood sicherlich auch gar nicht versucht. Und gerade diese zeitlose Selbstständigkeit verleiht den Arbeiten des Mannes immer noch Relevanz. (7,5/10)

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