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Nach einer wahren Begebenheit: Angelina Jolie spielt die allein erziehende Mutter Christine Collins, deren neunjähriger Sohn spurlos verschwindet während sie ihrer Arbeit nachgeht. Ein paar Monate später findet die Polizei einen Jungen, der im Laufe des Verhöres vorgibt, ihr Sohn zu sein und bringt ihn der verzweifelten Mutter, die jedoch schnell erkennt, dass es sich bei dem Jungen unmöglich um ihren Sohn handeln kann. Die Polizei, die keine schlechte Presse gebrauchen kann, lässt sie kurzerhand in die Psychiatrie einweisen.

Dass Clint Eastwood ein ausgezeichneter Erzählregisseur ist, der seine Geschichten dramaturgisch exzellent und schnörkellos wiederzugeben weiß, hat er in den letzten Jahren des Öfteren beweisen können, unter Anderem in "Gran Torino", Mystic River" und "Million Dollar Baby", um nur drei seiner Meisterwerke zu nennen. Und auch "Der fremde Sohn" ist die Handschrift des Altmeisters überdeutlich anzumerken, weswegen auch hier ein ausgezeichneter Film gelingt.

Und mit der Geschichte rund um Christine Collins, der von der Polizei ein falsches Kind untergejubelt werden sollte, hatte er keine allzu einfache Aufgabe. So hätte der Film vor übertriebenen Emotionen auf Dauer förmlich überkochen können, oder auch durch überzogenes Pathos für die starke Frau, die später einen juristischen Feldzug gegen Psychiatrie und die korrupte Polizei startete, scheitern können, aber Eastwood konstruiert seine Charaktere realistisch, gibt das Schicksal von Christine Collins mitreißend wieder, überspannt den Bogen dabei jedoch nicht, sodass der Eindruck, die Hauptfigur würde verklärt und heroisierend dargestellt, nur relativ selten aufkommt. Dabei gelingen Eastwood immer mal wieder dramaturgische Spitzen, die jedoch nicht an "Gran Torino" oder "Million Dollar Baby" heranreichen, da er in der zweiten Filmhälfte parallel den Fall rund um einen Kindermörder aufrollt, der für das Verschwinden des Sohns verantwortlich war und so der stringente dramaturgische Aufbau und der gelungene Erzählfluss ein wenig zu leiden beginnen.

Unterm Strich ist "Der fremde Sohn" jedoch sehr unterhaltsam und bewegend. Das Schicksal von Christine Collins ist von Eastwood sehr eindringlich geschildert und dies auch ohne die Verwendung von auffälliger Filmmusik oder anderen inszenatorischen Spielereien, mit denen Eastwood, wie gewöhnlich, geizt. Dafür ist die Inszenierung aber sehr stilvoll, besonders visuell, so ist allein schon die nostalgische Ausstattung das Ansehen des Films wert.

Neben der guten Wiedergabe der wahren Begebenheit und der ordentlichen Charakterkonstruktion, zeichnet auch die Kritik am rücksichtslosen Vorgehen der Staatsgewalt im Fall Christine Collins den Film aus. Das eigenmächtige Handeln der Polizei, die ihre eigenen Regeln und Gesetze aufstellt und jede Kritik, vor allem in den Medien, um jeden Preis zu verhindern versucht, wird mit aller schärfe dargestellt und schließlich verurteilt, wobei die Hilflosigkeit, mit der Collins der Staatsgewalt zunächst ausgeliefert ist, durchaus schockiert.

Neben Eastwood trägt aber auch der starke Cast deutlich zum Gelingen des Films bei. Angelina Jolie verkörpert ihre Figur zu jedem Zeitpunkt glaubhaft und meistert sämtliche Situationen und Gefühlsregungen, ob Trauer über den Verlust ihres Sohnes, Verzweiflung in der Psychiatrie, oder Wut über die Polizei, absolut glaubhaft. Dabei ist die, vollkommen zu Recht für den Oscar nominierte Darstellerin unglaublich präsent und damit immer Mittelpunkt des Geschehens. Daneben sind auch die Nebendarsteller gänzlich überzeugend, wobei besonders John Malkovich als Pastor, der es ebenfalls mit der Polizei aufnimmt, einen positiven Eindruck hinterlässt.

Fazit:
Clint Eastwood erzählt die Geschichte von Christine Collins dramaturgisch über weite Strecken sehr stringent und fesselt damit über die volle Laufzeit, was auch der Meisterleistung von Angelina Jolie zu verdanken ist. Ein typischer Eastwood, wenn auch nicht derart überragend wie "Gran Torino" oder "Million Dollar Baby".

83%

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