Review
von Alex Kiensch
Mit seinen gesellschaftskritischen Dramen bereichert Regisseur Clint Eastwood Hollywoods Filmpool regelmäßig um komplexe, tiefgründige Beiträge, die lange nachwirken können. So auch mit dem auf einer wahren Geschichte beruhenden Drama „Der fremde Sohn“: Als ihr kleiner Sohn verschwindet, bricht für die alleinerziehende Christine Collins (Angelina Jolie) im Jahre 1928 eine Welt zusammen. Fünf Monate später erhält sie von der Polizei von Los Angeles die freudige Nachricht, den Verschwundenen gefunden zu haben. Doch bei der Wiedervereinigung der Schock: Der Junge, den man ihr stolz präsentiert, ist nicht ihr Sohn. Da Polizeipräsident und Bürgermeister keine weiteren Skandale gebrauchen können, schmettert man ihre Einwände kategorisch ab – und schiebt sie sogar in eine Psychiatrie ab.
Mit dieser hochemotionalen, aufwühlenden und dank einiger wahrhaft unvorhersehbarer Wendungen bitterbösen Geschichte gelingt Eastwood einmal mehr ein großer, berührender Wurf. In unaufgeregten Bildern und mit entsättigten Farben entrollt er die Handlung Stück für Stück und verzichtet konsequent auf moderne inszenatorische Mätzchen – keine Vorausdeutungen, keine Wechsel zwischen Erzähl- oder Schnitttempo. Im Gegenteil: Mit großem Aufwand an Setting und Requisiten und dem entsprechenden formalen Stil erweckt er die späten 20er-Jahre in einer amerikanischen Großstadt authentisch zum Leben.
Und nimmt dabei auch die negativen Seiten jener Zeiten ins Visier: die herablassende Art etwa, mit der Frauen in dieser patriachalischen Gesellschaft als nicht vollwertig wahrgenommen und dementsprechend nicht ernst genommen werden. Da erzählen hochnäsige Polizisten und Entwicklungswissenschaftler der verzweifelten Mutter, dass sie ihren eigenen Sohn nicht mehr wiedererkennt, inklusive völlig absurder pseudowissenschaftlicher Erklärungen. Auch die brutalen Polizeimethoden, die Unruhestifter schon mal mithilfe eines befreundeten Psychiatrieleiters als geisteskrank abstempeln und wegsperren lassen, werden hier offen und unverschleiert gezeigt. Dass in dieser scheinbar schon so modernen Epoche Willkür und Gewaltmacht über Menschenrechte herrschten, macht „Der fremde Sohn“ wie nebenbei auf erschreckende Weise deutlich.
Diese scheinbare Leichtigkeit im Erzählfluss verleiht dem Film auch seine intensive Wirkung. Ob es die eskalierenden Differenzen zwischen Polizei und Collins sind oder die erschütternde Parallelhandlung, die mit einigen nebensächlich scheinenden Figuren einsetzt – die großen Wendungen und Handlungsentwicklungen werden hier nicht pompös angekündigt, sondern folgen der realitätsnahen, ruhigen Erzählweise konsequent und stets glaubwürdig. So zeigt „Der fremde Sohn“ dem modernen Hollywoodkino, dass in formaler Hinsicht weniger auch manchmal mehr sein kann.
Getragen wird das alles von überzeugenden Darstellern bis in die Nebenrollen. Auch Jolie spielt intensiv und mitreißend, auch wenn ihr facegeliftetes Aussehen mitunter etwas anachronistisch wirkt und sie allgemein nicht ganz für den Part der eher verzweifelt-hilflosen Mutter taugt. Auch zerfasert die Dramaturgie am Ende ein wenig, obwohl die diversen Nachträge durchaus notwendig und logisch sind – etwa eine bestürzende Hinrichtungsszene, in der wiederum die moralische Komplexität des Drehbuchs durchscheint: Wenn ein Mörder weinend und flehend zum Strang geführt wird, kann sich auch angesichts seiner schrecklichen Taten kein Gefühl von Gerechtigkeit einstellen.
Eine so vielschichtige Darstellung amerikanischer und allgemein menschlicher Wirklichkeit beeindruckt nachhaltig und verleiht der anfangs scheinbar klaren Geschichte große Tiefe und Emotionalität. Mit „Der fremde Sohn“ hat Clint Eastwood also ein weiteres starkes Alterswerk abgeliefert.