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Wie aus dem Nichts gekommen, beginnt eine Epidemie, die die Infizierten erblinden lässt, sich immer weiter zu verbreiten. Deshalb werden die Infizierten zur Quarantäne in einer ehemaligen Psychiatrie eingesperrt, wo sie im Grunde sich selbst überlassen werden. Unter den Erblindeten befindet sich auch ein Augenarzt, gespielt von Mark Ruffalo, und dessen Frau, gespielt von Julianne Moore, die gegen die Krankheit immun zu sein scheint, aber geheim hält, dass sie noch sehen kann, um bei ihrem Mann bleiben zu können. Die beiden sehen sich in der gesetzlosen Anstalt bald einem Chaos aus Gewalt, Rücksichtslosigkeit und Anarchie gegenüber.

Mit "City of God" und "Der ewige Gärtner" hatte Fernando Meirelles in den letzten Jahren beweisen können, dass er ein hervorragender Autorenfilmer ist und vielleicht sogar zu den größten Neuentdeckungen seit der Jahrtausendwende gehört und auch "Die Stadt der Blinden" ist ein durchaus gelungenes Projekt, auch wenn im Grunde mehr drin gewesen wäre.

Die Vorlage von Nobel-Preisträger Jose Saramago ist im Wesentlichen als düstere Allegorie auf die menschliche Natur und die Machtverhältnisse innerhalb der menschlichen Gesellschaft ausgelegt und so ist im Grunde auch der Film von Meirelles umgesetzt. Sehr eindringlich und ausführlich wird dargestellt, wie die vorherrschenden, anarchischen Verhältnisse von einem Teil der eingeschlossenen Blinden ausgenutzt werden, um die anderen materiell und sexuell auszubeuten, ohne auch nur einen Ansatz von Moral und Menschlichkeit dabei erkennen zu lassen. Dieses düstere Menschenbild wird dabei lang und ausführlich gezeichnet, wobei sich die Intensität dessen durch die hilflose, klaustrophobische Situation im Quarantäne-Gebäude zusätzlich erhöht. Aber so pessimistisch und trist das Menschenbild und das zugehörige Geschehen auch sein mag, Meirelles lässt immer Grund zur Hoffnung, so befindet sich immerhin eine Sehende unter den Unterdrückten, die Möglichkeit eines Gegenschlags bleibt immer offen und auch die Zeichen von Humanität und Verantwortungsgefühl unter den Bewohnern einer der Quarantänestationen, in der ein gewisses Gemeinschaftsgefühl besteht, leuchten des Öfteren auf.

Wie die Epidemie eigentlich zustande kam, wie sie sich ausbreitete und was die unmittelbaren Folgen der allgemeinen Blindheit sind, wird im Grunde nur tangiert. Zum Vorwurf kann man dies dem Film aber definitiv nicht machen, da der Fokus des Geschehens so ausschließlich auf den Handlungen liegt, die sich in der Quarantäne abspielen. Aufgegeben wird der anarchische Mikrokosmos der Quarantänestation erst zum Ende hin, wenn doch noch etwas deutlicher auf die Auswirkungen außerhalb der Station eingegangen wird, aber auch das Ende ist im Grunde gut gelungen.

Auch inszenatorisch zeigen sich bei "Die Stadt der Blinden" einige Innovationen, wobei nicht alle wirklich gelungen sind. Die sterile Farbgebung und die hellweißen Szenenübergänge, die dem Zuschauer immer mal wieder kurz vor Augen führen, wie die Blindheit der Beteiligten wirkt, lassen den Film merkwürdig distanziert und befremdlich wirken, was der emotionalen Bindung zum Geschehen und dem Aufbau von Dramatik ein wenig schadet, auch wenn die Stilistik vor allem anfangs stellenweise noch relativ eindrucksvoll wirkt. Narrativ gibt es nicht sonderlich viel auszusetzen, wobei der Film wegen seines getragenen Tempos leider nicht so richtig spannend wird und die marginalen Fehler, die gemacht werden, summieren sich durchaus, so hätte auch ein auffälliger, düsterer Score dem Werk vermutlich gut getan. Dafür entsteht aber auch so eine düstere und triste Atmosphäre, zumal Meirelles bei einigen Gelegenheiten die unhaltbaren hygienischen Verhältnisse in der Quarantänestation aufzeigt, die diesen Eindruck noch erhöhen. Dennoch kann man Meirelles durchaus den Vorwurf machen, dass er nicht das letzte Quäntchen Potential aus der Vorlage herausholt.

Julianne Moore, die als Charakterdarstellerin bereits in "The Hours" eine außerordentlich gute Figur machte und zuletzt in "Wilde Unschuld" ebenfalls auf ganzer Linie überzeugte, ist auch in "Die Stadt der Blinden" hervorragend besetzt und leistet gute Arbeit. Als einzige Sehende, die permanent unter dem Druck steht, sich um alle anderen sorgen zu müssen, sie beschützen zu müssen und sich um ihren erblindeten Mann zu kümmern, spielt sie rundum souverän. Darüber hinaus ist auch Mark Ruffalo in seiner Rolle rundum überzeugend, während Danny Glover allein schon wegen seiner Präsenz gut besetzt ist, aber ebenfalls ordentliche Schauspielarbeit zeigt.

Fazit:
Die Story, die auf dem gleichnamigen Roman von Jose Saramago basiert, ist eine gelungene, triste und abgrundtief düstere Parabel auf die menschliche Natur, auch wenn das Geschehen zwischenzeitlich immer mal wieder kraftvoll und hoffnungsvoll präsentiert wird. Die Umsetzung von Fernando Meirelles ist zwar ebenfalls nicht schlecht, aber leider auch nicht so gut, wie sie sein könnte, so ist sie doch zu steril und distanziert geworden, sodass sich der Film mit dem Aufbau atemloser Spannung trotz der düsteren Atmosphäre und der starken Darsteller relativ schwer tut. Dennoch ein empfehlenswertes, weit jenseits der Stereotypen Hollywoods liegendes Drama.

74%

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