Etwas Tiefsinniges über das Ende der Gesellschaft lässt sich aufgrund dieser Parabel sicherlich nicht herausfiltern, zumindest nichts, was nicht bereits „Herr der Fliegen“ treffender auf den Punkt gebracht hätte. Dennoch bringt der Brasilianer Meirelles ein paar Aspekte zusammen, die diesen düsteren Streifen zu einem nachhaltigen Erlebnis gestalten.
Denn hier sind alle außer Julianne Moore blind. Eine Epidemie die in der namenlosen Großstadt um sich greift und die ersten Infizierten in Quarantäne, in eine leerstehende Heilanstalt bringt. Als Frau eines Augenarztes (Mark Ruffalo) versucht sie zu organisieren und zu helfen ohne etwas von ihrer Sehfähigkeit preiszugeben. Als immer mehr Infizierte hinzukommen und sich ein kriminelles Lager bildet, droht die Situation zu eskalieren…
Erklärungen für die plötzlich auftretende Blindheit werden nicht geliefert, genauso wenig, warum die Arztfrau als einzige verschont bleibt, was dem Ganzen etwas Unheimliches verleiht. Hinzu kommt die klaustrophobische Atmosphäre der dreckigen Räumlichkeiten der Heilanstalt und das perfide Spiel der Kamera, oft nur Teile von Personen einzufangen und darüber hinaus einige Male mit Weißblenden zu arbeiten, die für Empathie sorgen.
Die Orientierungslosigkeit der Figuren wird somit adäquat übertragen und zuweilen wird man von der weißen Blindheit fast geblendet.
Auf der anderen Seite ist man den Figuren nie so nah, um Ecken und Kanten der Beteiligten hervorzuheben, sie bleiben oft zu konturlos. Denn was hat der böse Anführer von Station Drei davon, Schmuck gegen Essenrationen einzuheimsen oder wild um sich zu schießen und warum lässt die einzig Sehende eine Vergewaltigung über sich ergehen, obgleich sie doch imstande wäre, sich problemlos zu wehren?
Teilweise scheint es, als wolle man persönliche Schicksale bewusst außen vor lassen, um den Zügen einer antisozialen Gruppierung um jeden Preis den Vortritt zu lassen, das Konfliktpotential, das Mitfiebern ergibt sich daraufhin von selbst.
Und tatsächlich wünscht man den Guten Durchhaltevermögen oder besser eine ordentliche Portion Gegenwehr, wenn denn schon keine Seuchenbeauftragten eingesetzt werden und auch das Wachpersonal von ihren Aussichtstürmen verschwindet.
Wie rasch man sich in dieser Situation seinem Schicksal fügt und selbstverständliche Alltagsdinge als Geschenk wahrnimmt, zeigen die stillen Momente, etwa, als Regen einsetzt oder ein kleines Radio gefunden wird. Da fällt es wesentlich leichter nachzufühlen, wie es all den Blinden nach langer Zeit von Entbehrungen und Demütigungen ergangen sein muss, als der Sehenden ihr teilweise irrationales, oft auch zu herzliches Verhalten abzunehmen.
Was nicht heißt, dass Julianne Moore (wie auch Mark Ruffalo und Danny Glover) versagen, - im Gegenteil, sie hauchen ihren Figuren Leben ein und bekommen es hin, den schmalen Grad zwischen moralinsaurem Zeigefinger und der Kitschkeule clever zu meistern und dank zurückhaltenden Spiels eine Authentizität zu beherrschen, die innerhalb dieser fast grotesk anmutenden Situation von Massenblindheit schon wieder genial erscheint.
Ganz so genial ist die Umsetzung von Saramagos Stoff dennoch nicht geworden.
Die düstere Atmosphäre fesselt zwar und man ist rasch wie hypnotisiert von der allgemeinen Hilflosigkeit, doch man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da zwischen den Zeilen deutlich mehr drin gewesen wäre, als eine simple Parabel über der Zerfall menschlicher Werte.
Sehenswert auf jeden Fall, doch so richtig niederschmetternd ist der Streifen im Endergebnis, vor allem gegen Ende, dann doch nicht geworden.
Allerdings: Bevor sich der weiße Nebel lichtet, wirkt er immerhin noch einige Zeit nach…
6,5 von 10