Hundertmal hab ich mir gesagt: laß es endlich! Schau keine Filme von Miike mehr, denn sie sind eh nicht mit normalen Maßstäben zu „genießen“, geschweige denn zu rezensieren.
Ich denke mal, mit „Ichi“ bin ich dann auch endgültig kuriert, denn dieses Werk kocht nun wirklich alle Extreme auf, die in anderen Filmen schon beiläufig mitgeliefert wurden und rührt sie zu einer abartigen Melange auf, in die auch noch Sentimentalitäten und Rache-/Pflichtgeschichten gegossen werden.
Ich halte mich lieber nicht mit dem Inhalt auf, denn auch wenn man sich so etwas wie einen roten Faden zusammen suchen kann, ist das am Ende in erster Linie eine Sicko-Parade, wie sie im Buche steht, es wird geschlitzt und gemurkst, daß es nur so spritzt, das alles möglichst graphisch und dann so übertrieben, daß man es schon wieder für Satire halten kann, wenn Alkohol im Spiel ist oder geschmackliche Grenzen aufgehoben sind.
Unter dem glitschigen Schein kämpft dann tatsächlich ein Pflänzchen names „Interesse an den Hintergründen seiner Protagonisten“ um seine Existenz, wird uns Ichi als neurotisch-psychotisches Opfer seiner Kindheit präsentiert und seine bisweilen tödlichen Eingebungen und Irrtümer haben in der Groteske sogar etwas zutiefst Tragisches. Der auf Schmerz und Todessehnsucht fixierte Kakihara dagegen ist und bleibt eine leere Hülle, angetrieben vom Wunsch nach Selbstzerstörung und eine reine Palette der plumpen Äußerlichkeiten, von den aufgeschlitzten Wangen bis zur abgeschnittenen Zunge.
Daß mit dem Leibwächter Kaneko noch eine relativ normale Person durch das Geschehen taumelt, daß die Tragik und Verflochtenheit der Situationen unterstreicht, gehört wohl zum guten mafiösen Asiafilm dazu. Daß sein Weg der Pflicht ins Nichts führt, ist aber bei Miike schon gang und gebe.
Aber was will man auch Eindeutigkeiten von einem Film erwarten, dessen Titel aus einer Spermalache hervortritt und damit soviel Subtilität beweist wie eine durchschnittliche Neutronenbombe.
Es ist ein Jahrmarkt der Abartigkeiten, nicht selbstzweckhaft inszeniert, nicht ohne Humor, aber Miike ist ein dermaßener Wirrkopf, daß der Kuriositätenwert immer über eventuelle Qualitäten siegen wird. Und was noch schlimmer ist: nach einer intensiven und exzessiven halben Stunde stumpft der Zuschauer ab und Langeweile macht sich breit, wenn sich Trauer und Sentimentalitäten über die Leinwand ergießen und für abgefuckte Nebendarsteller immer mehr Platz eingeräumt wird.
Ich habs am Ende nur noch mit dem „schnellen Vorlauf“ ertragen. Laßt mich künftig mit sowas in Ruhe, der Faktor Provokation ist für mich ausgereizt. Und auch John Waters ist irgendwann in die Jahre gekommen. (3/10)